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Dr. Arbeitsam oder wie ich lernte, das Verkaufen zu lieben

Sabine Scheltwort
Raus aus dem Labor, rein in den Warenkreislauf: Viele Chemiker ereilt im ersten Job der Praxisschock. Von Hätschelprojekten müssen sie sich schnell verabschieden, vom weißen Kittel ebenso. Marketing-Kenntnisse werden immer wichtiger.
Zwei Dutzend Haarsträhnen hängen, festgeklemmt an Wäscheklammern, auf der Leine im Labor. Die Hälfte bretthart zusammengeklebt, die andere Hälfte locker. Auf einer reihen sich weiße Pünktchen aneinander. "So sollen die Haare natürlich nicht aussehen, nachdem sie gestylt wurden", lacht Dirk Mampe.Der Chemiker ist nach seiner Promotion vor drei Jahren als Laborleiter bei Cognis in Düsseldorf eingestiegen. Das Unternehmen, das damals noch zu Henkel gehörte, hat sich Ende 2001 abgespalten und beliefert zum Beispiel Beiersdorf oder Procter & Gamble mit Inhaltsstoffen.

Die besten Jobs von allen

Weil immer mehr Kunden Wert auf ökologische Verträglichkeit legen, hat Mampe den Auftrag, neue Ingredienzien für Haarspray zu entwickeln. Während seine drei Mitarbeiter vorne im Labor experimentieren, grübelt der 32-Jährige hinter einer Glasscheibe am Schreibtisch darüber nach, welche Ansätze erfolgversprechend sein könnten.
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Blick über den Kolbenrand

Solch kundengetriebene Innovation ist Trend in der Chemie-Branche, auch bei den Riesen Bayer und BASF. Vorbei die Zeiten, als sie Produkte beim Kunden einfach abladen konnten. Heute müssen sie dessen Probleme lösen. Für den Chemiker heißt das: über den Reagenzglasrand schauen und immer die verkäufliche Anwendung im Kopf haben. Nur um der Schönheit einer Formel willen zu forschen, kann sich heute keiner mehr leisten.
Wer wie Mampe weiß, was Kunden wollen, hat auf dem Chemie-Arbeitsmarkt gute Karten. Die Großkonzerne Bayer und BASF stehen unangefochten an der Spitze der Lieblingsarbeitgeber (siehe Grafik), obwohl die Stimmung unter den Führungskräften in kleineren Unternehmen oft besser ist (siehe Grafik Seite 78).Dirk Mampe hat sich lieber für Cognis entschieden, die 2.000 Mitarbeiter am Standort Düsseldorf und 9.000 weltweit beschäftigt. "Hier bin ich nicht nur ein kleines Rädchen im Getriebe", sagt er, "sondern bin als Projektverantwortlicher von der ersten Idee im Labor bis zur Umsetzung in der Produktion gefragt".Chemiker werden nicht nur von BASF, Bayer und Co., sondern auch von der Konsumgüterindustrie wie Procter & Gamble oder Unilever und Finanzdienstleistern wie MLP gesucht. Die Situation der Biotech-Firmen ist zwar schwieriger geworden, doch auch hier gibt es immer wieder offene Stellen.Unternehmensberatungen stellen ebenfalls Chemiker ein, sei es direkt für die Beratung, sei es für die Research-Abteilung ­ die keine Sackgasse sein muss: Wer sich dort bewährt, erhält durchaus eine Chance, vom Zuträger auf die Beraterseite zu wechseln.Absolventen ohne Forschungsambition finden Jobs bei Umweltbehörden, Ministerien, Landeskriminalämtern und dem Zoll ­ allerdings zahlt der öffentliche Dienst niedrigere Gehälter.Auch wenn Bayer infolge der Lipobay-Schwierigkeiten statt 120 nur noch gut 30 Chemiker im Jahr rekrutiert ­ die Einstiegschancen in der Branche sind derzeit trotz der Konjunkturflaute nicht schlecht, meint die Gesellschaft Deutscher Chemiker. Und sie werden in den nächsten Jahren immer besser, denn die Zahl der promovierten Chemie-Absolventen sinkt weiter (siehe Grafik S. 80). An den Hochschulen gibt es jetzt schon Engpässe, weil nicht genügend Doktoranden zur Verfügung stehen, um den Nachwuchs auszubilden. Schock im Job

Der wiederum braucht für den Jobeinstieg Qualitäten, die an der Uni niemand lehrt. Die Promotion ­ trotz Bachelor und Master nach wie vor Muss-Titel für Laborleiterpositionen in großen Unternehmen ­ ist für den Berufsalltag eigentlich die falsche Sozialisation: In der Uni werden Chemiker darauf gedrillt, Sonn- und Feiertage zu opfern und auf jeden Fall zu einem Ergebnis zu kommen ­ koste es, was es wolle. Um dann in der Forschungsabteilung eines Unternehmens zu erfahren, dass das Geld für Hätschelprojekte nicht reicht, dass sie sich wegen knapper Budgets für Schwerpunkte entscheiden müssen, dass die Zeit zwischen Idee und Marktreife immer kürzer wird. Und dass sie manchmal ein Projekt sogar abbrechen müssen, obwohl es theoretisch machbar wäre, weil es sich nicht rechnen würde. Das tut weh.
Der zweite Schock: Teamarbeit. Plötzlich braucht der Chemiker, der sieben, acht Jahre bis zum Doktortitel im universitären Elfenbeinturm verbracht hat, soziale Kompetenz. Denn in der Regel steigt er als Laborleiter mit Personalverantwortung für Chemielaboranten ein, die oft erheblich mehr Berufserfahrung mitbringen als der neue Chef. "Da sollte man bloß nicht den arroganten Überflieger raushängen lassen", warnt Dirk Mampe.Anzug statt Kittel

Und noch eine Überraschung wartet im Unternehmen auf den Chemiker: Er startet zwar in Forschung und Entwicklung, wird dort aber nicht den Rest seines Lebens verbringen. "55-jährige Laborleiter werden Sie kaum finden", sagt Klaus Griesar, der sich im Arbeitskreis Chemie und Wirtschaft der Gesellschaft Deutscher Chemiker engagiert. Schon nach fünf Jahren arbeiten viele in Marketing oder Produktion, sofern sie nicht eine Fachkarriere einschlagen. Auch im Patentrecht werden Chemiker benötigt ­ allerdings führt aus der Patentabteilung nur selten ein Weg weiter nach oben.
Fachkräfte haben auf der Karriereleiter ebenfalls häufig das Nachsehen gegenüber den Generalisten: "Die Unternehmen tun sich mit der Förderung der Fachkarrieren immer noch schwer", stellt Griesar fest. Der promovierte Chemiker wählte selbst eine andere Laufbahn: Er begann als Vorstandsassistent und ist heute bei Merck für strategische Planung zuständig. Mit einem Bein in BWL

Das nötige BWL-Wissen bekommen Chemiker in den Unternehmen vermittelt. Cognis zum Beispiel bietet nicht nur eigene Seminare an, sondern unterstützt Mitarbeiter auch dabei, einen MBA zu machen. Dirk Mampe will das Angebot nutzen, auch er möchte "irgendwann" in die strategische Unternehmensplanung wechseln.
Ehrgeizige promovieren und machen ihren Betriebswirt nebenher. Griesar etwa hat sein BWL-Vordiplom an der Fernuni Hagen erworben ­ eine hohe Belastung, natürlich, aber "es hat mich nur fünf Prozent der Zeit gekostet, die ich für die Chemie gebraucht habe". Leichter zweigleisig fahren lässt es sich an den Unis Kaiserslautern oder Münster, die direkt eine Ausbildung zum Wirtschaftschemiker anbieten.Gegenüber klassischen Diplomkaufleuten haben die BWL-geschulten Chemiker einen entscheidenden Vorteil: Die Produkte haben einen hohen Erklärungsbedarf, naturwissenschaftliche Kenntnisse sind daher unentbehrlich. "Manchmal tauchen spezifische technische Fragen auf, deshalb begleite ich unsere Manager gern zu Kundengesprächen", sagt Laborleiter Dirk Mampe.Gute Karten hat, wer Englisch nicht nur passiv aus der Fachliteratur kennt, denn Chemieunternehmen sind global aktiv. Vor allem Asien und der pazifische Raum gelten als Wachstumsmarkt der Zukunft. Das bedeutet neue Absatzchancen, aber auch neue Konkurrenz. Deutsche Chemiker müssen sich auf verschärften Wettbewerb durch gut ausgebildeten Nachwuchs aus China und Indien einrichten. Dreckarbeit war gestern

Auf ihre Erfindungskraft ist die exportorientierte Branche zu Recht stolz. Unter allen Lieferanten gibt die chemische Industrie die meisten Anstöße für neue Produkte, fand das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung jüngst in einer Studie heraus. Chemie ist Innovationsmotor für viele Industrien: In der CD steckt Makrolon von Bayer, Flachbildschirme enthalten Flüssigkristalle von Merck.
Nanotechnologie wird von der zähnereparierenden Zahnpasta über selbstreinigende Fassaden bis zum kratzfesten Lack zahllose Produkte verbessern.Das tut dem Selbstbewusstsein der Chemiker gut, die immer noch unter ihrem schlechten Image als Umweltverpester leiden. Doch "einfach mal eben die Ventile aufmachen", das tue heute kein Chemie-Unternehmen mehr, beteuert Klaus Griesar von Merck. "Unsere Generation ist von Bhopal und Seveso geprägt worden, so etwas wollen wir nie mehr erleben." Er betont das Verantwortungsbewusstsein der Chemie-Industrie. Und weist auf ein Trendthema der Branche hin: die Arbeit an der Brennstoffzelle, die weder Kohle noch Benzin braucht, sondern aus Wasserstoff und Sauerstoff Energie erzeugt. Dabei bleibt nur Wasser zurück, kein Dreck, keine Abgase.Und manchmal ist die Chemie-Industrie schon weiter, als ihre Kunden folgen wollen. "Der Markt wünscht sich schon abbaubare und auf nachwachsenden Rohstoffen basierende Produkte", hat Cognis-Laborleiter Dirk Mampe festgestellt, "aber mehr kosten dürfen sie natürlich nicht".

Dieser Artikel ist erschienen am 26.08.2003