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Doppelstudium in Lyon und Darmstadt

Volkmar Berg
Dies ist sicher typisch französisch: viele Themen werden nicht engstirnig pragmatisch angegangen, sondern auch Detail-Themen werden in einem globalen Zusammenhang gesehen.
Vor einigen Wochen habe ich auf Einladung einer französischen Bank in Paris einen Vortrag über den aktuellen Stand der Liberalisierung des Strommarktes in Deutschland gehalten. Während meiner Präsentation wurde ich mit vielen verschiedenen Fragen bombardiert, die vielleicht gar nicht direkt zum Thema passten. Dies ist sicher typisch französisch: viele Themen werden nicht engstirnig pragmatisch angegangen, sondern auch Detail-Themen werden in einem globalen Zusammenhang gesehen. Dementsprechend werden Probleme oft nicht sukzessive gelöst, sondern das Ergebnis ergibt sich mehr oder weniger plötzlich, z.B. im Rahmen einer ausgiebigen Diskussion mit Kollegen. Auch während des anschließenden Mittagessens, das natürlich ausgezeichnet war, wechselte unser Gespräch munter zwischen beruflichen, sportlichen, privaten und sonstigen Themen hin und her. Was für einem Deutschen vielleicht unorganisiert oder wenig zielführend anmutet, ist für einen Franzosen wichtig: neben dem persönlichen Kennenlernen des Gesprächspartners spielen scheinbare "Nebenschauplätze" eine gewichtige Rolle. Entscheidungen werden somit oft "aus dem Bauch" getroffen, ohne dass vielleicht die genauen finanziellen Auswirkungen dieser Entscheidung bekannt sind. Mut zum Risiko birgt natürlich auch immer die Chance eines schnellen Erfolges. Um mit Franzosen effektiv zusammen arbeiten zu können, sollte man u.a. um diese Zusammenhänge wissen.

Dies und viele andere Feinheiten des französischen Wirtschaftslebens konnte ich während meines Doppeldiplom-Studiums zwischen der TU Darmstadt und der Ecole Centrale de Lyon kennen lernen. Am Rande sei vermerkt, dass die Doppeldiplom-Programme der Deutsch-Französischen Hochschule sehr gut organisiert sind, so dass der bürokratische Aufwand für den Studenten gering und auch die finanzielle Förderung angemessen ist

Die besten Jobs von allen


Besonders enge wirtschaftliche Verflechtungen zwischen Deutschland und Frankreich bestehen traditionell im Bereich der Automobil- und der zugehörigen Zulieferindustrie. Viele Firmen aus diesem Bereich waren auf dem 2. Deutsch-Französischen Forum vom 20.-21.10.2000 in Saarbrücken vertreten. Aber auch viele andere der knapp 100 anwesenden Unternehmen aus der Versicherungs-, Unternehmensberatungs-, Chemie-, IT- und Baubranche suchten Absolventen eines deutsch-französischen Studienganges. Bemerkenswert ist, dass sich neben den staatlichen Arbeitsämtern mittlerweile auch private Personalberatungsfirmen speziell auf die Vermittlung von deutsch-französischen Fach- und Führungskräften spezialisiert haben. Auf regionaler Ebene nehmen sich z.B. die Initiativen EURES und PAMINA dieser Aufgabe für den Raum Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland, Elsass und Lothringen an. In der Zeitschrift CONTACT der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer in Paris werden neben aktuellen Entwicklungen und Statistiken zum deutsch-französischen Arbeitsmarkt auch immer eine Vielzahl von Stellenangeboten veröffentlicht, die Mehrzahl davon im Handel- und Vertriebswesen

Konkrete Studieninhalte spielen in der Bewerbungsphase nach meiner Erfahrung eine geringe Rolle, ausgenommen Positionen in Forschungseinrichtungen, die natürlich eine fundierte Ausbildung des Bewerbers in dem betreffenden Spezialgebiet erfordern. Ausschlaggebend sind vielmehr die Kenntnis der anderen Sprache und des Arbeitslebens. Letzteres Wissen kann natürlich nur durch mehrmonatige Praktika bzw. Studien-, Diplom- oder Magisterarbeiten im jeweiligen Land und nicht ausschließlich durch Hochschul-Vorlesungen erworben werden. Bei der Sprache kommt es sicher nicht auf den grammatikalischen Feinschliff an; wichtig sind vielmehr ein breiter Wortschatz, mit dem man in der Lage ist, auch (einfache) wirtschaftliche und technische Zusammenhänge verständlich zu machen. Großer Wert wird auch auf eine Kulturerfahrung gelegt, die natürlich nicht durch 3 Sommerurlaube in der Bretagne, sondern sicherlich nur über einen mindestens einjährigen Studienaufenthalt im Ausland vermittelt werden kann. Doppeldiplom-Studiengänge haben dabei in der Bewerbungsphase den eindeutigen Vorteil gegenüber Studienaufenthalten ohne Abschluss, dass bei Personalchefs in beiden Ländern das jeweilige Diplom als eine konkret fassbare fachliche Qualifikation gilt. In Frankreich spielt es z.B. eine große Rolle, an welcher grande école ein Diplom erworben wurde

Ich habe festgestellt, dass sich die meisten meiner ehemaligen Kommilitonen, die an dem Austausch Ecole Centrale de Lyon - TU Darmstadt teilgenommen haben, auch beim Berufseinstieg gezielt auf Positionen beworben haben, die eine deutsch-französische "Komponente" enthalten (z.B. bei Firmen mit Produktionsstätten oder Tochterunternehmen in Frankreich bzw. umgekehrt). Wer also einmal im deutsch-französischen Umfeld "Blut geleckt" hat, der kommt davon nicht mehr los !

Neben der oben erwähnten Automobilbranche spielt sicherlich auch die wissenschaftliche Forschung eine besondere Rolle im deutsch-französischen Austausch. Diese Zusammenarbeit wird sich aber nach meiner Einschätzung auf viele andere Branchen ausweiten. Die Richtlinien der EU-Kommission zur stufen weisen Öffnung der Märkte für Strom und Gas in Europa wird mittelfristig eine stark ausgeweitete Zusammenarbeit erfordern. Bislang sind die Marktöffnungsgrade insbesondere im Vergleich Deutschland - Frankreich noch stark unterschiedlich (während z.B. im deutschen Strommarkt bereits alle Kunden ihren Versorger frei wählen können, ist dies in Frankreich derzeit nur für Großverbraucher möglich).

Die EU-Kommisson plant derzeit eine Erweiterung der Richtlinie mit dem Ziel einer beschleunigten und harmonisierten Marktöffnung in allen Mitgliedsstaaten. Sobald dies erreicht ist, wird dies zu einem weiteren Zusammenrücken der betroffenen Branchen führen. Fallende Preis, die natürlich immer das erste Ziel von Markt-Liberalisierungen sind, führen sehr schell zu einem massiven Kostendruck, der sich auch direkt auf den Personalstand der betroffenen Unternehmen auswirkt. Andererseits werden in einem liberalisierten Markt für Strom und Gas, in dem Frankreich und Deutschland aufgrund ihrer hohen Wirtschaftskraft auf lange Sicht hin die Schrittmacher sein werden, auch insbesondere Fachkräfte mit deutsch-französischem Hintergrund nachgefragt werden. Denn nur mit diesen bikulturellen Spezialisten wird ein Unternehmen grenzüberschreitend in beiden Märkten erfolgreich agieren können. Die in den letzten Monaten immer wieder aufgetauchten Gerüchte über Fusionen deutscher und französischer Versorgungsunternehmen für Strom, Gas und Wasser machen dieses Zusammenwachsen zwischen Deutschland und Frankreich in den besagten Branchen deutlich

Ähnliches gilt für den grenzüberschreitenden Personen- und Güterverkehr mit dem Zug. Meines Erachtens wäre z.B. der Bau einer TGV-Strecke Paris - Strasbourg ein wichtiges Signal. Neben Ingenieuren und Kaufleuten werden aber sicher auch Natur- und Geisteswissenschaftler nachgefragt werden. Letztere z.B. für die Bereiche Unternehmenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Ich glaube, dass sich in all diesen Berufsfeldern in Kürze viele neue Betätigungsmöglichkeiten für Akademiker mit einem deutsch-französischen Profil ergeben werden. Sie werden Bausteine für den weiteren und beschleunigten Bau des Hauses Europa sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.04.2001