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Doppelgänger

Bettina Blaß
Lehre oder Studium - warum nicht beides auf einmal? Wer den dualen Ausbildungsweg wählt, macht schneller Karriere. Rund 12.000 Firmen bieten insgesamt nicht weniger als 19.000 Programme im dualen Studium an.
Mathias Weber ist mächtig stolz. Der 22-Jährige hat gerade ein Pricing Tool entwickelt. "Ein interaktives Werkzeug, mit dem man Preise kalkulieren kann", erklärt Mathias. Weil der BWL-Student nicht nur an der Uni Theorie paukt, sondern beim Reifenhersteller Continental in Hannover ein duales Studium absolviert, kommt sein neues Tool auch gleich zum Einsatz - in Malaysia. Und Mathias darf sogar mit nach Kuala Lumpur fliegen, um seine Erfindung bei der Conti-Tochtergesellschaft Sime Tyre zu installieren.
Auslandseinsätze fliegen, voll mitmischen, von Anfang an ernst genommen werden: Mathias hatte gute Gründe, sich bei Continental zu bewerben. "Im Vorstellungsgespräch hieß es, man würde schnell Verantwortung übernehmen." Das gefiel dem Abiturienten. Eine solche Chance kriegt nicht jeder Azubi - und Nur-Studenten erst recht nicht

545 duale Studiengänge. So wie der 22-Jährige fahren viele Schulabgänger zwei?gleisig: 42.000 haben sich in diesem Jahr für ein duales Studium entschieden, ermittelte das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft. Der Reiz liegt im frühen Praxisbezug und der sicheren Aussicht auf einen Job. Dual-Studenten machen eine Ausbildung in einem Unternehmen und absolvieren parallel einen von insgesamt 545 Studiengängen, die Unis, Fachhochschulen, Verwaltungs- und Berufsakademien mittlerweile anbieten. Berufsakademien sind besonders beliebt: Auf einen Studienplatz kommen hier im Schnitt 48 Bewerber

Die besten Jobs von allen


In Unternehmen ist die Kombi-Ausbildung längst etabliert. Rund 12.000 Firmen bieten insgesamt nicht weniger als 19.000 Programme im dualen Studium an. "Für praxisorientierte Leute ein sehr guter Weg in den Job", findet Thomas Friedenberger vom Staufenbiel Institut für Studium- und Berufsplanung. Die Chance auf eine Anstellung nach dem Abschluss lockt Scharen von Abiturienten. "Es bewerben sich immer mehr bei uns für ein duales Studium", beobachtet Roland Viet, Leiter des Ausbildungszentrums bei der MAN Roland Druckmaschinen AG in Offenbach. "Im vergangenen Jahr hatten wir 230 Bewerbungen auf zehn Stellen."

Benjamin Gersitz gehört zu den Glücklichen, die sich so eingefädelt haben. Vergangenen Herbst hat er seinen Abschluss in Ingenieurwissenschaften gemacht, seitdem arbeitet der 26-Jährige in der IT von MAN Roland. Die meisten Dual-Absolventen binden sich für zwei, drei Jahre an den Betrieb. "War die Ausbildung gut, wäre es auch nicht klug zu gehen", sagt Karriere-Experte Friedenberger. "Schließlich weiß man viel über die Firma und hat eine Menge gelernt." Beste Voraussetzungen, um schnell aufzusteigen

Kohle von Anfang an. Weitere Stärken der Kombi-Ausbildung: Die Studienzeit ist mit drei Jahren relativ kurz und vom ersten Tag an gibt es Gehalt - 770 Euro im Schnitt. Ohne Fleiß allerdings kein Preis: "Oft muss man auch am Wochenende die Schulbank drücken", weiß Stefanie Schimo. Die 21-Jährige steckt mitten im Dual-Studium, das die Commerzbank mit der Business School of Finance and Management in Frankfurt anbietet. Entschädigt wird sie mit attraktiven Auslandsstationen: Stefanie geht zuerst für ein Semester nach Viña del Mar in Chile, danach macht sie in Singapur in einer Commerzbank-Niederlassung ein Praktikum in der Vermögensverwaltung. Die Reisen um die Welt sind fester Bestandteil ihrer Ausbildung.


Knallharte Auslese. Wenn Firmen so viel in die Ausbildung investieren, kaufen sie nicht die Katze im Sack. "Überdurchschnittliche Noten, Flexibilität und Belastbarkeit", erwartet Marion Geißler, Fachfrau für Personal bei der Commerzbank, von Bewerbern. Thomas Winkelmann, Personalleiter für Forschung und Entwicklung bei Continental, wünscht sich dazu Technikbegeisterung, naturwissenschaftliches Know-how, Problemlösungskompetenz und Teamfähigkeit.
Hart fängt's an und hart geht's weiter. Vor allem der Druck am Ende der dreimonatigen Theorie-Phase ist vielen zu hoch: "Da werden in einer Woche fünf Klausuren geschrieben. Das ist kein Zuckerschlecken", weiß Benjamin Gersitz.

Wer durchkommt, hat dafür blendende Startbedingungen im Job. Anton Koller, angehender Wirtschaftsingenieur bei BMW: "Ich lerne zig Leute kennen und kann überall hinter die Kulissen schauen." Vor allem hat er nicht erwartet, wie viel er selbst beeinflussen kann. "Wir suchen uns alle Ausbildungsabteilungen selbst aus und können eigene Projekte durchführen", erzählt der 24-Jährige. Anton würde später gern dort arbeiten, wo die Fäden des Autoriesen zusammenlaufen, in der Produktionsplanung etwa oder im technischen Einkauf. Bis Mitte 2006 muss er sich noch gedulden, dann hat er sein Diplom in der Tasche.
Auch Mathias Weber macht nächstes Jahr seinen Abschluss als Betriebswirt. Ihn zieht es eher ins Controlling oder in die Logistik. Aber sollte ihm in einer anderen Abteilung etwas Spannendes angeboten werden - so wie die Entwicklung des Pricing Tools fürs Marketing -, dann ist ihm das natürlich ebenso recht. Hauptsache, es macht Spaß. Und es fällt hier und da vielleicht noch ein Auslandseinsatz ab, in Malaysia oder wo auch immer

Welche dualen Studiengänge bieten die Konzerne? Alle Informationen aus dem Heft gibts hier als PDF:

Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2005