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Dofasco-Chef: Herz aus Stahl

Von Gerd Braune
Dofasco-Chef Donald Pether leitet seit Mai 2003 Kanadas zweitgrößten Stahlproduzenten Dofasco. Sein ganzes Leben hat er in der Firma verbracht. Nun muss er entscheiden, ob sein Konzern von Thyssen-Krupp geschluckt wird.
Foto: dpa
OTTAWA. Als sich Pether 1966 für einen Studiengang entscheiden musste, fiel die Wahl auf Ingenieur- und Naturwissenschaften: Es waren die 60er, und alle träumten von der Raumfahrt. Sein Studienweg führte ?von Fossilien zu fossilen Brennstoffen?, scherzte Pether selbst.Heute sieht der 57-Jährige von seinem Bürofenster im fünften Stock, wie die Produkte der Vergangenheit per Schiff in den Hafen von Hamilton gebracht werden: Eisenerz und Kohle, die von Dofasco verarbeitet werden, dem Unternehmen, das Pether seit Mai 2003 leitet.

Die besten Jobs von allen

Einen anderen Arbeitgeber hat er nie gekannt. 1970 heuerte ihn Dofasco an, der heute zweitgrößte Stahlproduzent Kanadas. Solche Treue nennt man hier ?Dofasco Way?: Das Unternehmen bindet die Mitarbeiter, zum Beispiel durch Beteiligung am Gewinn, Weiterbildung oder Firmenpartys. Die Feste in der Weihnachtszeit und zum kanadischen Nationaltag mit Tausenden von Teilnehmern sind Legende.Ob auch nach einem Besitzerwechsel noch so opulent gefeiert wird? Pether muss sich derzeit entscheiden, wer im Kampf um Dofasco die Oberhand behält. Sowohl Thyssen-Krupp als auch die luxemburgische Arcelor streiten sich um die Übernahme der Kanadier.Dass er nach dem Studium bei Dofasco landete, hat er einem Zufall zu verdanken. Eigentlich wollte er ein Angebot des Bergbauunternehmens Cominco annehmen. Per Telex schickte er seine Zusage. Als Cominco nicht antwortete, fragte er nach. Sein Schreiben, erfuhr er, war nie angekommen ? und der Job war weg. Also ging er zu Dofasco nach Hamilton, zweieinhalbtausend Kilometer von seiner Heimat Edmonton. Bald lernte er dort eine junge Krankenschwester namens Sheila kennen ? in diesem Jahr werden die beiden ihren 30. Hochzeitstag feiern.Die gleiche Konstanz beweist er im Arbeitsleben. 17 Jahre arbeitete er in seinem Fachgebiet Metallurgie, dann stieg er 1987 zum Manager der Dofasco-Verkaufsabteilung auf. Zwei Jahre später wurde er zum Vizepräsidenten berufen und ab 2000 als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft verantwortlich. Dofasco-Präsident wurde er 2002 und im Mai 2003 Chief Executive Officer.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wenn er über sein Unternehmen spricht, wird es schon mal pathetisch.Wenn er über sein Unternehmen spricht, wird es schon mal pathetisch. ?Unser Produkt ist Stahl. Unsere Stärke sind Menschen?, lautet das Dofasco-Motto. Letzteres ?war immer mehr als ein Slogan für jeden, der bei Dofasco arbeitet?, sagte er einmal in einer Rede. ?Ich glaube, wir haben die beste Belegschaft in der Stahlindustrie.?Branchenkenner wie John Novak, Analyst von CIBC World Marktes in Toronto, beschreiben Pether als ?Mann mit einem guten Sinn für Humor?, der im Umgang mit Mitarbeitern und Investoren Charisma ausstrahle. Er sei ein ?exzellenter und sehr effizienter Vorstandschef. Andere bezeichnen ihn als ?sehr stabil? und ?nachdenklich?. Pether zögere nicht, seine Meinung zu sagen ? bestimmt, aber höflich.Stärker als sein Vorgänger John Mayberry trennt Pether sein berufliches Leben strikt vom Privatbereich. Angeln, Wandern und ? ganz kanadisch ? Kanufahren nennt der ?Who?s who? als seine Hobbys. Angesichts der Zeit, die er bei der Arbeit verbringt, können sich seine Mitarbeiter aber schwer vorstellen, dass er oft im Kanu sitzt.Wer Kanu fährt, weiß, dass dies eine hervorragende Gelegenheit ist, sich zu sammeln und neue Ideen zu entwickeln. Ideen und Problemlösungen waren vor allem in der Krisenzeit in den 90er-Jahren gefragt, als Nordamerikas Stahlindustrie unter Überkapazitäten und neuen Konkurrenten aus dem Ausland litt.In einem Restrukturierungsprozess legte Dofasco unrentable Anlagen still und stieß Beteiligungen ab, 5 000 Jobs fielen weg. Die meisten jedoch über vorzeitige Pensionierung und freiwilliges, mit Abfindungen honoriertes Ausscheiden. Nur 400 echte Entlassungen standen unter dem Strich. Typisch Dofasco: Der Konzern half bei der Suche nach neuen Jobs. ?Ich wünschte nur, wir hätten Wege gefunden, dies komplett abzuwenden?, sagt Pether heute.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Nun könnte das Unternehmen in einem vielfach größeren Rivalen aufgehen. Er war einer der Hauptautoren der neuen Unternehmensstrategie ?Solutions in Steel?, die 1993 entwickelt wurde und seitdem eines der Markenzeichen von Dofasco ist: ?Wir begannen das Geschäft aus dem Blickwinkel der Kunden zu sehen. Vom reinen Erzeuger des Rohstoffs Stahl sollte Dofasco zu einem Unternehmen mit breiter Produkt- und Technologiepalette werden. Innovationen im Bereich der Leichtbauweise von Autokarosserien und beim Laserverschweißen von Blechen sind für Pether Beispiele des Wandels. Dofasco ist heute einer der profitabelsten Stahlerzeuger Nordamerikas. Das Unternehmen fuhr 2004 einen Rekordgewinn von 376,9 Millionen kanadischen Dollar (rund 270 Millionen Euro) ein.Nun könnte das Unternehmen in einem vielfach größeren Rivalen aufgehen. Für den Analytiker Pether scheint der Zusammenschluss mit Thyssen-Krupp oder Arcelor ein Schritt in einer Evolution zu sein, der Dofasco langfristig Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt sichern kann. Der CEO, verlautet aus Dofasco-Kreisen, gehe zuversichtlich in die neue Geschäftskonstellation, wie auch immer sie am Ende aussehen mag. In den Konzepten beider Bieter sollen die Kanadier das wesentliche Standbein im Stahlmarkt Nordamerikas sein. Pether kennt die Kandidaten bestens: Mit Arcelor ist Dofasco in einem Gemeinschaftsunternehmen im Galvanisierungsbereich verbunden. Thyssen-Krupp ist seit 1914 in Kanada tätig. Bekommen die Deutschen den Zuschlag, soll das Dofasco-Management die vereinten nordamerikanischen Stahlgeschäfte führen.In Hamilton glaubt man, dass auch Arcelor an der Erfahrung des Dofasco-Teams interessiert ist. Pethers Karriere im Stahlgeschäft scheint also noch nicht dem Ende entgegenzugehen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Zur Person Donald Pether.Donald Pether
  • 1948 wird er in Edmonton geboren.
  • 1966 beginnt er sein Studium des Metall-Ingenieurwesens an der University of Alberta in Edmonton.
  • 1970 startet er seine Karriere beim Stahlkonzern Dofasco.
  • 1987 tauscht er seinen Posten als Metallurgist mit einer Stelle im Vertrieb.
  • 1989 steigt er auf zum Vizepräsidenten. Auf diesem Posten übernimmt er verschiedene Zuständigkeiten.
  • 2000 nimmt ihn der Vorstand als Chief Operating Officer in seinen Reihen auf.
  • 2002 übernimmt er zusätzlich den Posten des Präsidenten.
  • 2003 wird er CEO.
  • 2005 entscheidet er über eine Fusion.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.01.2006