Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Do it again, Alan!

Greenspan soll weitermachen: Er gilt mal als nuschelnder Geheimniskrämer, mal als wandelndes Orakel. Seine Frau berichtete, dass sie erst seinen dritten Heiratsantrag richtig verstand.
Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank. Foto: dpa
HB WASHINGTON. Und der 78-Jährige ist auch Symbol einer Gesellschaft, in der Alter kaum eine Rolle spielt - wenn die Leistung stimmt. Vor allem in den USA genießt Greenspan größten Respekt in Politik und Wirtschaft. So gab es auch kaum Kritik an der Entscheidung von US-Präsident George W. Bush, Greenspan für eine weitere, nunmehr fünfte Amtszeit zu nominieren.Für manche ist der schlanke Mann mit der dunklen Brille eine Kultfigur. Er wirkt bescheiden, fast schüchtern - und es gibt kaum öffentlichen Bilder, auf denen er lacht. Denn der Sohn eines Börsenmaklers weiß, dass jede seiner Äußerungen auf die Goldwaage der Finanzwelt gelegt wird. Um auch nicht den winzigsten Hinweis auf seine Gemütslage - und damit möglicherweise auf seine Sicht der Finanzwelt - zu geben, hat er schon mal auf die Frage nach seinem Befinden geantwortet: ?Das darf ich ihnen nicht sagen?.

Die besten Jobs von allen

Greenspan gilt mal als nuschelnder Geheimniskrämer, mal als wandelndes Orakel. Seine Frau, die TV-Journalistin Andrea Mitchell, berichtete, dass sie erst seinen dritten Heiratsantrag richtig verstand - das war 1997, als Greenspan 71-jährig nochmals heiratete. Im Kongress war Greenspan immer besonders vorsichtig: ?Ich weiß, dass sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meinte?, sagte er vor Jahren. Dabei kann Greenspan durchaus deutlich werden. Vor wenigen Wochen kritisierte er auf einem Bankenkongress ungewöhnlich scharf das enorme Haushaltsdefizit der Bush-Regierung. Es sei langfristig eine Gefahr für die wirtschaftliche Stabilität. Greenspan sagte angesichts auch der demographischen Entwicklung in den USA eine Anhebung des Rentenalters sowie die Senkung der Renten voraus.Das alles aber hinderte Bush nicht daran, in dem politisch ohnehin turbulenten Wahljahr ein deutliches finanzpolitisches Zeichen der Stabilität zu setzen. So interpretierten US-Finanzexperten die Nominierung. ?Greenspan macht seinen Job exzellent... er ist unabhängig und hat geholfen, die Wirtschaft zu stabilisieren?, lobte das ehemalige Notenbank-Direktoriumsmitglied Wayne Angell.Die Liste der Verdienste Greenspans, der unter vier Präsidenten diente, ist lang. 1987, kurz nachdem ihn der damalige Präsident Ronald Reagan ihn erstmals zum Chef der Notenbank berief, verhinderte er einen kompletten Börsencrash. Die anhaltend niedrige Inflationsrate gilt auch mit als sein Verdienst - ebenso wie der ungewöhnlich lange Wirtschaftsaufschwung zwischen 1991 und 2001. Insgesamt wurde die Politik der Notenbank berechenbarer. So werden seit Greenspan die Protokolle des Offenmarkt-Ausschusses, der über Zinsveränderungen entscheidet, veröffentlicht.Greenspans Alter ist in den USA kein Thema. Zahlreiche Spitzenmanager großer Konzerne oder ranghohe Beamte in der Justiz sind deutlich älter als 70 Jahre - Robert Morgenthau, der Bezirksstaatsanwalt von New York, ist bereits 84 Jahre alt.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2004