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Disziplin, Disziplin, Disziplin

Von Jan Dirk Herbermann, Handelsblatt
Nestlé soll noch größer, noch stärker, noch besser werden. Seinen Part definiert Nestlé-Chef Peter Brabeck so: ?Mein Job ist es, einen Athleten, der die 100 Meter in zehn Sekunden rennt, so zu verbessern, dass er die 100 Meter in 9,8 Sekunden rennt.?
VEVEY. Chefverkäufer Brabeck parliert mal in Englisch, Französisch, Spanisch oder im vertrauten Deutsch. Der zarte Schmelz der Heimat tränkt seinen Tonfall. Mit 58 Jahren sieht er so jung und gesund aus, als hätte er immer getreu dem Nestlé-Motto gelebt: ?Good Food, Good Life?. Elastischer Körper. Volles, kurz geschorenes Haar, hellwache blaue Augen.Und immer freundlich.

Die besten Jobs von allen

So präsentierte der Nestlé-Chef auch gestern die jüngsten Zahlen: Der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt hat sich mal wieder gut geschlagen. Ohne den lästigen ?Wechselkurseinfluss? wäre das Unternehmen auch nominell in Schweizer Franken noch größer, noch stärker, noch besser geworden. Aber so schaffte Brabeck immerhin ein markantes ?organisches Wachstum?.Nach der Präsentation schritt er eilends zurück ans Werk: Nestlé soll noch größer, noch stärker, noch besser werden. Seinen Part definiert er so: ?Mein Job ist es, einen Athleten, der die 100 Meter in zehn Sekunden rennt, so zu verbessern, dass er die 100 Meter in 9,8 Sekunden rennt.?Denn schon jetzt ist Nestlé Weltklasse: Nestlé-Eis, Nestlé-Wasser oder Nestlé-Spinat isst man überall auf dem Globus, selbst in Nordkorea. Und trotz der schieren Größe des Geschäfts führt Brabeck die Firma mit straffer Hand: Er schaffte es als Erster, die Firmengrundsätze des Konzerns zusammenzufassen.?Nestlé ist ein globales Unternehmen mit einer germanischen Persönlichkeit?, sagte einmal der US-Chef des Multis, Joe Weller. Für den ?germanischen? Einschlag sorgt Brabeck. Seine Lieblingstugend heißt Disziplin, Disziplin, Disziplin. Ein Mitarbeiter beschreibt dessen Führungsstil: ?Er ist sehr offen und sehr klar in seinen Äußerungen.?Das bekommen auch die Mitglieder der Konzernleitung zu spüren. Wer es wagt, offen zu reden oder sogar sich zu erheben, während der Chef spricht, den staucht Brabeck sofort zusammen ? natürlich in aller Liebenswürdigkeit.Brabeck verlangt eine gewisse Bescheidenheit von seinen Untergebenen. ?Ja, es ist eine Art Understatement. Das schätzt der Chef?, weiß ein anderer Mitarbeiter. Selbst das Grundgehalt, das der Spitzenmann von Nestlé verdient, wirkt in Zeiten von Grasso & Co. eher moderat: 6,448 Millionen Franken.Seine Bodenhaftung erklärt sich mit seiner Biografie: Wenige Monate vor Ende des Zweiten Weltkrieges kommt Peter Brabeck-Letmathe, wie er mit vollem Namen heißt, in Österreich zur Welt. Entbehrungen prägen die Kindheit des künftigen Herren über das größte Lebensmittelsortiment der Welt. Mit 24 Jahren kurvt er auf dem Bock eines Tiefkühlwagens durch seine Heimat und beliefert Cafés und Geschäfte mit Nestlé-Eis und anderen Leckereien. Dass sein erster Arbeitgeber, Jopa-Findus, zum Schweizer Konzern gehört, das weiß der junge Mann noch nicht einmal.Damals wie heute verbringt Brabeck fast jede freie Minute in den Bergen. Letztes Jahr erreichte er im zweiten Anlauf das Matterhorn: ?Es war einfach umwerfend.?Doch gerade in den luftigen Höhen liegen Freud und Leid sehr nahe zusammen: Mit Kameraden bricht er in den sechziger Jahren zu einer Expedition auf: Türkei, Afghanistan, Pakistan. Sie klettern und saugen das wilde Leben ein. Während einer Tour muss einer zurück, der Proviant reicht nur für zwei. Brabeck verliert das Pokerspiel, wandert ins Tal und überlebt. Seine Gefährten, darunter sein bester Freund, stürzen in den Tod. ?Wenn man seinen besten Freund so verliert, wird man sich über die Bedeutung des Risikos und des Individuums bewusster?, sinniert er heute. An den Felswänden lernt der Boss von Zehntausenden Mitarbeitern noch eine Lektion. ?Man begreift sehr schnell, dass man im Team einfach besser dran ist.?Haben Herkunft und Berge den Nestlé-Chef gehärtet, holt er sich seinen internationalen Schliff am anderen Ende der Welt: In Ecuador, Venezuela und Chile managt er die Nestlé-Dependancen. In dem Andenstaat muss er sein Unternehmen gegen die Marxisten verteidigen. Die wollen Nestlé verstaatlichen. Da kommt Hilfe von unerwarteter Seite: von Fidel Castro. Der Revolutionsführer warnt seine sozialistischen Brüder in Chile vor den Problemen, die er mit der Nationalisierung der Milch-Industrie hatte. Vorher hilft Brabeck den Kubanern während einer Handelsmesse in Santiago mit einem Kühlschrank aus. Der Comandante bedankt sich bei ihm mit schweren Havannas.In Chile findet der Geschäftsmann auch die Frau fürs Leben. Doch das Hin und Her des Managerdaseins ist für die Latina irgendwann zu viel. Scheidung. Zehn Jahre später, zu seinem 50. Geburtstag, so schreibt das Magazin ?Time?, heiratet der Österreicher wieder: dieselbe Frau. Wer solche Wechselbäder übersteht, hat auch das Zeug, einen Konzern wie Nestlé zu führen.Davon war auch Helmut Maucher, Ex-Chef des Multis, überzeugt. Der soll Brabeck vor seinem Ruhestand gefragt haben, was er wolle. ?Den Stuhl, auf dem sie sitzen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 24.10.2003