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Diskjockey ? Kartenleger ? Star-Winzer

Von Andreas Bohne
Das Anwesen von Jean-Luc Thunevin ist alles andere als fürstlich. Und Winzer war nicht sein erster Job. Der schlaksige 54-Jährige mit den schwarzen Locken und den wasserblauen Augen mischt dennoch mit seinem Garagenwein die Bordeaux-Szene auf.
Chateau de Valandraud
HB ST. EMILION. Die jungen Bordeauxweine werden verkostet, Tausende von Weinmaklern und Handelsvertretern aus Bordeaux und dem Rest der Welt sind ins Zentrum der prestigereichsten Bordeaux-Appellation gekommen.In einer besonders engen Gasse mit löchrigem Asphalt und braungrauen Hauswänden, an denen das Aprilwetter schmutzig herabrinnt, stauen sich Mercedes SL, 6er BMW und Porsche Cayenne.

Die besten Jobs von allen

Wer sich an dem edlen Blech vorbeidrückt, landet in der mit grauem Marmor ausgelegten Hofeinfahrt von Jean-Luc Thunevin ? und am Tor zu jenem Keller, in dem dieser den wohl teuersten Tropfen der Region herstellt: Château Valandraud.?Leg deinen Mantel da auf die Treppe, nimm dir ein Glas und probier, was dir gefällt. Ich muss telefonieren.? Thunevin hat überhaupt nichts von einem Schlossherren. Der schlaksige 54-Jährige mit den schwarzen Locken und den wasserblauen Augen begrüßt die Besucher mit Vornamen. Gekommen ist, wer in Bordeaux Rang und Namen hat. Auch ausländische Prominenz wie der Schöpfer des spanischen Edelrotweins Pingus, Peter Sisseck, schauen bei Thunevin ins Glas.Auch ist Thunevins ?Schloss? alles andere als fürstlich: Der Keller, der die Valandraud-Fässer beherbergt, liegt nicht unter Türmchen und Zinnen im Park, sondern eingezwängt in die verwinkelte Unterstadt des Dorfes.Das Weingut hat keinerlei Tradition: Es ist vielmehr das erste, das seit 150 Jahren in St. Emilion neu gegründet wurde. Der Name setzt sich zusammen aus der Lage der zwei Stammparzellen, die Thunevin 1989 in einer Tal-Lage (vallée, kurz ?val?) erwarb, und dem Namen seiner Lebensgefährtin und Geschäftspartnerin Murielle Andraud.Und wo jetzt Valandrauds Fässer stehen, war einst jene Garage, nach der heute eine ganze Klasse aufwendig gemachter, hoch konzentrierter Bordeaux-Weine benannt ist. Für die Produktion des ersten Jahrgangs Château Valandraud musste vor 15 Jahren Thunevins klappriger Wagen, dessen Marke ihm partout nicht mehr einfallen will, seinen Unterstand räumen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nicht der erste Garagenwein Valandraud ist nicht der erste Garagenwein und, wie sein Schöpfer zugibt, auch nicht immer der absolut beste Bordeaux ? aber stets an der Spitze mit dabei. ?Ohne Thunevin hätte sich diese neue Hinwendung zu kompromissloser Qualität nicht durchgesetzt?, sagt Sisseck: ?Er ist das Gesicht dieser Bewegung.?Thunevins Methoden ? Handarbeit im Weinberg, High Tech im Keller, null Toleranz in Sachen Qualität ? gefallen Winzern und Kritikern. Das weist die lange Liste der Weingüter aus, die sich von Thunevin beraten lassen. Und auch viele große Châteaux haben seine Methoden übernommen.Nur in St. Emilion ist nicht jeder erfreut. ?Neue Namen haben es immer schwer?, sagt Alain Vautier, Chef des St.-Emilion-Weinguts Château Ausone.Erst recht nicht, wenn er, als Sohn französischer Armutsmigranten in Algerien geboren, schon verkrachte Karrieren als Diskjockey und Tarotleger hinter sich hat. Immer wieder holt ihn nachts die traumatische Kindheit im vom Kolonialkrieg zerrissenen Algerien ein: Kugeln, die jaulend von den eisernen Fensterläden abprallen, Beschimpfungen auf der Straße. Für die Algerier war er ein ?sale français?, ein dreckiger Franzose.Nach der Niederlage der Franzosen in ein Kaff in Südwestfrankreich vertrieben, schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Später arbeitet er in der Zweigstelle einer Bank. Der Filialleiter blockiert seine Karriere, offiziell wegen eines fehlenden Diploms. Vielleicht sieht er in Thunevin aber auch einen ?sale pied noir?, einen dreckigen Schwarzfuß, wie die Franzosen die Algerier schimpfen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vergangenheit macht Thunevin zu einem GetriebenenSeine Vergangenheit macht Thunevin zu einem Getriebenen. Knapp über dreißig, sagt er dem gesicherten Angestelltenleben Adieu. Er macht einen Krimskramsladen mit Weinausschank in St. Emilion auf, der später zu einem Weinhandelshaus wird. Aber die Angst vor missgünstigen Mitmenschen und dem eigenen Scheitern bleibt.Noch bevor er selbst Winzer wird, läuft er dem Weintester Jacques Luxey über den Weg. Der sieht in Thunevin und Andraud Geschmackstalente und führt sie in einen Kreis renommierter Weintester, Sommeliers und Spitzenköche ein. Das Startkapital von 100 000 bekommt er von der Bank, doch schon im ersten Winter kommt der Frost und mit ihm die Angst: Seine Frau muss nebenher Extraschichten im Krankenhaus schieben.Heute werden für den einfachen Château Valandraud höhere Preise gezahlt als für fast alle klassifizierten Spitzenweine der Bordeaux-Region. Sein Weinhandel gehört zu den ertragsstärksten Frankreichs.Doch ist der nach eigenen Worten ?ein bisschen abergläubische? Katholik Thunevin bescheiden geblieben. Ruhm und Reichtum sind flüchtig, sinniert er und wirft einen Blick auf seinen schwarz schimmernden Gelände-Benz. ?Wer weiß, vielleicht wird mein nächster Wagen ja wieder ein . . .?Thunevin will die Marke einfach nicht mehr einfallen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Jean-Luc Thunevin Vita von Jean-Luc Thunevin1951 wird er am 13. April im algerischen Mascara geboren. Die Eltern sind arm, aber überzeugte Gaullisten.1962 wird die Familie im Bürgerkrieg aus Algerien vertrieben.1970 bekommt er eine Anstellung bei der Crédit Agricole.1976 heiratet er Murielle Andraud, ein Jahr später lassen sie sich scheiden, seitdem sind sie unzertrennlich.1983 macht er in St. Emilion ?Le Tretre? auf, einen Kramladen mit Weinausschank.1985 lernt er den Weinkritiker Jacques Luxey kennen.1989 erwirbt er seine ersten beiden Wein-Parzellen.1991 ergibt der erste Jahrgang nur 1280 Flaschen von minderer Qualität.1996 benotet der Star-Weinkritiker Robert Parker die 93er und 94er Weine mit den besten Noten aller Bordeaux.2005 darf er seine Weine mit dem Gütesiegel ?Grand Cru? versehen.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.08.2005