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Dirk Lohmann: Überleben eines Handlungsreisenden

Oliver Stock, Handelsblatt
Dirk Lohmann fällt es schwer, bei der Rettung des Schweizer Rückversicherers Converium den Humor nicht zu verlieren.
In der Schweizer Finanzszene ist Dirk Lohmann eine Ausnahme: Er nimmt kein Blatt vor den Mund.
HB ZÜRICH. Sieht er wirklich müde aus, oder gibt es die Ringe unter seinen Augen bloß in der Einbildung seiner Zuschauer, die seine Geschichte kennen? Dirk Lohmann eilt ans Rednerpult im voll besetzten Zürcher Kongresshaus. Der gedrungene Körper gleicht dem eines Heldentenors. Die Augen sind schmal hinter der eckigen Brille, die Mundwinkel hinter dem Vollbart nach unten gezogen. Drüber thront der kahle Kopf inmitten des schmalen Haarkranzes. ?Tach?, sagt Lohmann. Das ist nicht wirklich die angemessene Begrüßungsformel für die 500 Schweizer Investoren in feinem Tuch, die wissen wollen, ob Lohmanns Arbeitgeber Converium ihr Geld noch wert ist.Wenn die Gäste dem glauben, was über Converium zu hören ist, sollten sie ihr Geld in andere Unternehmen stecken. Im Juni stellte der Rückversicherer fest, dass er nicht genügend Reserven für mögliche Schäden in den USA hat. Der Aktienkurs brach ein. Börsenkapital von mehr als einer Milliarde Franken (657 Millionen Euro) war futsch. Damit das Unternehmen flüssig blieb, war eine hastige Kapitalerhöhung nötig. Und um zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht, beschloss Converium, sich aus dem US-Geschäft zurückzuziehen.

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Der entsetzte Verwaltungsrat entsandte eines seiner Mitglieder in den Vorstand, der seitdem alle Entscheidungen Lohmanns überwacht. ?Unter diesen Umständen bleibt niemand gerne lange CEO?, sagt ein Vorstandsmitglied von der Konkurrenz. Lohmanns Finanzchef hat bereits seinen Hut genommen. ?Aus persönlichen Gründen?, heißt es. Lohmann ist noch da. Andere sollen mit hohen Prämien zum Bleiben bewegt werden. Die Stimmung in der Teppichetage des Rückversicherers ist alles andere als euphorisch. Alle hoffen auf die Zeit nach dem Ende der Hiobsbotschaften. Aber keiner weiß, wann sie beginnt.?Wir werden brauchen, bis wir das Vertrauen zurückgewonnen haben?, räumt Lohmann ein. Trost zu verteilen ? dafür ist er nicht der Typ. Seine Mitarbeiter müssen sich selber Mut machen. Dabei hilft, dass es der Rückversicherer noch nie leicht hatte: Der Börsengang fand drei Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001 statt. Kein schönes Umfeld. Der Aufschwung währte nur kurz.Der Converium-Chef jedoch bewies Nehmerqualitäten. Es stimmt schon: Sein helles, plötzliches, lautes Lachen ist seltener geworden. Aber es sieht so aus, als hätte der 46-jährige Lohmann in seinen 24 Berufsjahren die Zähigkeit in sich hineingepumpt, die er nun braucht, um das leckgeschlagene Unternehmen über Wasser zu halten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mal "der Deutsche", mal "der Ami"In Detroit, wo Lohmann aufwuchs, galt er als ?der Deutsche?. So steht es in seinem Pass. Bei der Hannover Rück, wo er im Vorstand saß, war er ?unser Ami?. Ein ganz leichter Akzent und das schnelle ?Du? verrieten ihn. In der Schweiz unterschied er sich wohltuend von der Riege der unnahbaren grauen Herren der Finanzszene: immer zu einem Kommentar aufgelegt und selten zimperlich im Umgang mit anderen seiner Branche. Risikoeinschätzung? Absolute Chefsache. Falsche Schadensbewertungen in den USA? Das sei etwas, das der Konkurrenz auch noch passieren werde, war von Lohmann zu hören, kurz nachdem er die Probleme im eigenen Geschäft bemerkt hatte. Und kurz bevor er das Ausmaß des eigenen Desasters überblicken konnte. Inzwischen ist er leiser geworden.?Wir haben uns nicht mit Ruhm bekleckert?, räumt er ein. ?Ich habe diesen Sommer gelernt: Never say never?, sagt er und es klingt nicht trotzig und schon gar nicht angriffslustig.Arbeiten, arbeiten, arbeiten lautet seine Gegenstrategie. Er muss aufpassen, dass er einem nicht Leid tut. Wenn er so zwischen den Branchentreffpunkten Baden-Baden und Monte Carlo oder zwischen den Finanzzentren London, New York und Zürich hin- und herreist, um Kunden zum Bleiben und Investoren zum Einsteigen zu bewegen, erinnert er an seinen literarischen Beinahe-Namensvetter Willy Loman, dem Handlungsreisenden in Arthur Millers Bühnenstück. Nur statt Musterkoffern mit Unterwäsche wie Willy schleppt Familienvater Dirk Lohmann Folien mit Finanzkennzahlen mit sich herum.Während das Theaterstück tieftraurig endet, gibt es bei Converium aber noch eine Chance. In den Momenten, in denen es Lohmann gelingt, daran zu glauben, blitzt sein Humor durch. Zum Beispiel wenn er erzählt, wie er im Frühjahr ? seinen eigenen Grundsätzen getreu ? eine transparentere Organisationsstruktur bei Converium durchsetzte. ?Leider?, sagt er mit Blick auf das darauf einsetzende Unwetter, ?hat sie sich sehr schnell bewährt.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Vita von Dirk LohmannDirk Lohmann1958 wird er geboren und wächst in Detroit auf. Er studiert zunächst Medizin, wechselt aber zu Wirtschaft und Politik an der University of Michigan.1980 kommt er nach Deutschland und stößt zur Hannover Rück, wo er in den Vorstand aufsteigt.1997 wechselt er in den Rückversicherungs-Bereich des Finanzdienstleisters Zurich Financial Services. Ein Jahr später rückt er in den Vorstand auf.2002 bringt die Zurich Financial ihren Rückversicherer unter dem Namen Converium an die Börse. Lohmann wird der erste Vorstandschef.2004 bricht die Aktie des Rückversicherers massiv ein, weil Lohmann einräumen muss, zu wenig Rückstellungen in den USA gebildet zu haben.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.11.2004