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Dirk Cohausz


1. Ein Berg voller Gerücht und eine Funken Wahrheit
2. Realitätsnahe Bildung erster Güte
3. An den Rand der physischen und psychischen Belastung
4. Der Höllenmonat ist vorbei - die Klausuren kommen
5. Auf in die nächste Runde







1.Ein Berg voller Gerücht und eine Funken Wahrheit

Die besten Jobs von allen

Das Wall Street Journal nannte IMD in seinem Ranking "the boot camp". Ehemalige sprechen in Erinnerung an die Arbeitszimmer im Keller vom "Dungeon" und flößen Bewerbern mit ihren Anekdoten gerne mal Angst ein: Bei der Ansprache des Dekans Sean Meehans im Jahr zuvor sollen Tränen geflossen sein und selbst das Gerücht vom Selbstmord wegen Überforderung kursiert auf dem Campus. Als ich die 88 anderen Studenten im Januar zum ersten Mal an der Business School in Lausanne treffe, sind viele Gerüchte bereits widerlegt - auch das vom Selbstmord und den Tränen.Doch Sean Meehan ist seinem Ruf als Schleifer treu geblieben. Mit starrer Miene und selbstsicherem Schritt wacht der Ire über seinen Campus und nimmt die Neulinge ins Visier. Erst als sich Studenten und Professoren zum Eröffnungsdinner im Olympischen Museum einfinden, beweist er, dass auch er sprechen und lachen kann. Michael Payne, Marketing Direktor des Olympischen Komitees, erklärt uns den logistsicehn Aufwand, der hinter den Spielen steckt. Doch statt spröder Zahlen wirft er uns eine Goldmedaille aus Sydney zu. Anschließend genießen wir Schweizer Küche und guten Wein aus dem benachbarten Frankreich. Mit dem Dessert gibt es als Bonbon den ersten Case, jene fünf bis 40 Seiten lange Problemstudie, die wir in den kommenden Monaten zu hunderten bearbeiten müssen.Zurück am IMD, sitzen die zugeteilten Gruppen aus sieben bis acht Studenten zusammen. Wir, sieben Männer, sollen für die nächsten drei Monate eine Familie werden: Masumi ist der ruhenden Pol aus Japan, der lange in Frankreich lebte. Der IBM Berater Mika ließ seine Frau und beiden Kinder in Finnland zurück. Richard wechselte erst von Sydney nach London und dann vom Rechtsanwaltberuf in die Geschäftswelt von Cable & Wireless. Jordan aus Bulgarien arbeitete die vergangenen Jahre in Brüssels als Wirtschaftsprüfer. Akwasi, ursprünglich aus Ghana, lebte die vergangenen Jahr in New York und hat noch schnell vor dem Start seine Frau geheiratet, die in Washington auf ihn wartet. Und schließlich haben sie mit mir noch einen Deutschen der Gruppe zugelost.Es ist die Mischung auf die es der Auswahlkommission am IMD ankommt. Wie es Sean Meehan ausdrückt: "Wir wollen nicht die besten Stundenten haben, die sich bei uns bewerben. Wir wollen die beste Gruppe aus allen Bewerbern zusammenbringen." In diesem Jahr kommen die Stundenten aus 36 Ländern, sind im Schnitt 31 und sprechen mehr als vier Sprachen. Die Männer sind deutlich in der Überzahl, doch die Frauen haben im GMAT bewiesen, dass sie mehr drauf haben.Die Diskussion über den Case dauert Stunden. Morgens gegen 3 Uhr verlassen wir IMD und fallen ins Bett. Um acht Uhr geht es weiter; Lunch, wieder vier Stunden Unterricht und dann noch stundenlang lernen. So geht es sechs Tage die Woche. Aber man hat uns versprochen, dass wir in diesem Monate noch den letzten Samstag frei haben werden. Wir freuen uns und wundern uns, ob der militärische Vergleich mit einem "boot camp" vielleicht doch nicht so falsch war.

2. Realitätsnahe Bildung erster Güte
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man nach Jahren im Berufsleben wieder die Schulbank drückt. An die alte Studentenzeit erinnert nur wenig. Das Auditorium bietet Hightech eingebettet in modernes Innendesign und vorne stehen Professoren, die Qualität und Humor verbinden.Schon in der ersten Vorlesung, Marketing mit Dekan Sean Meehan, gibt es den berüchtigten "Cold Call". Wer hofft, sich hinter seinem Namensschild verstecken zu können, irrt sich. "Real World. Real Learning", das Motto von IMD findet sich im täglichen Studentenleben wieder. Jeder muss bereit sein zu partizipieren. Wer nicht freiwillig mit machen will, wird aufgerufen, wer sich immer noch weigert, fliegt raus. Die Regeln sind einfach und das Resultat sind anregende Diskussionen zwischen den Studenten.Für und bedeutet es jede Menge arbeit, um immer optimal vorbereitet zu sein. Den Stoff der an deren Business Schools in zwei Jahren gelehrt wird, gibt es am IMD in elf Monaten mit einem Monat Sommerpause. Genauso viele Cases müssen bearbeitet werden wie beispielsweise an der Harvard Business School. Was hilft ist die übersichtliche Größe. Wenn ich Finanzen nicht weiter weiß, weiß ich, dass der ehemalige Investmentbanker gleich nebenan sitzt und mir hilft.Der deutsche Professor für Strategy & Economics, Ralf Boschek, erhält von den Studenten immer wieder Höchstnoten (ja, wir bewerten die Professoren). Mit wilden Farben skizziert er innerhalb von vier Stunden 4000 Jahre Geschichte der Ökonomie an die Tafeln. Auch wenn manche nur vier Stunden geschlafen haben, sind sie hell wach. Das Business Modell der katholischen Kirche und einflussreiche Ökonomen wie Karl Marx und Adam Smith stehen nebeneinander. Und mit sarkastischem Unterton vergisst er nicht zu erwähnen, dass Adam Smith eigentlich Adam Schmidt heißt, da er doch wie alles Gute aus Deutschland kommt.Als Stewart Hamilton in die Klasse rollt, sind wir bereits gewarnt. Dem Accounting-Guru geht es derzeit gesundheitlich nicht gut. Doch als er sich aus seinem Rollstuhl erhebt und mit schottisch schwarzem Humor seine Vorlesung beginnt, ist davon nichts mehr zu merken. Es begann im Jahre 1494 mit einer Steuerrechnung für eine Lieferung Schottischen Whiskey. Doch nur zu schnell sind wir nicht mehr beim Whisky sondern tief in den Büchern fiktiver Unternehmen. Schon bald sollen wir den Jahresbericht eines realen Unternehmens durchstöbern. Und wie könnte es für einen Schotten anders sein, hat Stewart eine Brauerei ausgesucht. Als wir am Ende die Vorlesung mit Applaus beenden, bekommen wir noch eine Rüge auf den Weg. "Bei mir wird nicht applaudiert. Das ist hier kein Entertainment. Und jetzt raus mit euch."Als ich am nächsten Morgen in die Klasse komme, dröhnt mir U2 entgegen. Martha Maznevski, Professorin für Organizational Behaviour, will uns den Morgen versüßen und uns wachrütteln. Es hilft und in den kommenden Stunden lernen wir jede Menge über Gruppendenken und falsche Kommunikation. Professor Jack Wood unterrichtet später Leadership. Beide Fächer sind stark mit einander verknüpft und bilden einen der Schwerpunkte vom IMD.In den nächsten Monaten werden wir lernen was eine effektive Gruppe ausmacht, wie man Gruppen analysiert und sie schließlich zum Erfolg führt. Mir wird klar, dass wir das jeden Tag in unseren Gruppen üben können und müssen. Denn bei all dem Stress überlebt nur, wer sich und seine Umgebung effizient organisiert. Wie man das macht, darüber gab es schon die ersten Streitereien.

3. An den Rand der physischen und psychischen Belastung
Es ist vollbracht. Der "Integrierte Case" ist präsentiert und wir wollen nur feiern und schlafen. Einige haben in den vergangenen 48 gerade mal für zwei Stunden die Augen zu machen können. Rund um die Uhr waren die Arbeitsräume gefüllt; hitzige Diskussionen und grübelnde Gesichter, wenn es um das kalkulieren der Kosten ging.Beim "integrierten Case" gibt es ein Problem, dass nicht mehr nur auf ein Gebiet beschränkt ist. In unserem Fall mussten wir eine Strategie entwickeln, ein motorisiertes Fahrrad (einige werden sich noch an die Velosolex erinnern) in China zu verkaufen. Der Case gab uns noch einige Informationen, wie zum Beispiel dass die Mofas in Shanghai produziert wurden, wer die Konkurrenz ist und was sie so machen. Stundenlang grübelten wir in unseren Arbeitsgruppen über die Nische, in der das Produkt ein Erfolg werden könnte."Was ist der Markt und wer ist der Kunde?" diesen beiden simplen Fragen haben wir in den vergangenen Wochen immer wieder eingebläut bekommen. Als wir am Donnerstagmittag den Case bekamen, gingen wir ihnen wieder nach. Als wir endlich Kunden für unsere Mofas gefunden, Vertriebs- und Verkaufsfragen gelöst hatten, mussten wir leider feststellen, dass der Preis viel zu hoch war. Unsere Kosten machten es unmöglich zu konkurrieren. Also, alles noch einmal.Als wir nach 20 Stunden am Freitagmorgen unsere erste Präsentation hatten, wurden wir von den Professoren, die sichtlich Spaß in der Rolle des Vorstands hatten, gegrillt. Zunächst verteidigten wir unser Konzept noch tapfer, doch am Ende machten wir nur noch Notizen. Trotz schönstem Powerpoint, ausgiebigen Exceltabellen voller wundervoller Zahlen und einer durchaus professionellen Präsentationen, konnten wir sie nicht überzeugen. Schmerzvoll mussten wir zusehen, wie sie jede Schwachstelle in unserem Konzept brutal torpedierten. Den anderen elf Arbeitsgruppen erging es nicht besser; alle mussten noch mal an die Arbeit.24 Stunden später, am Samstag, zur finalen Präsentation hatten sich die meisten Gruppen deutlich verbessert und der Vorstand (die Professoren) waren bereits für das Projekt Geld locker zu machen. Beim anschließenden Mittagsessen hatten die meisten Studenten trotz tiefer Augenringe Freude und Stolz in ihrem Gesicht.

4. Der Höllenmonat ist vorbei - die Klausuren kommen
Der Höllenmonat ist vorbei und doch steht das Schlimmste noch bevor - die ersten Examen. Dienstag vier Stunden Marketing, Mittagspause und dann geht es weiter mit vier Stunden Operational Management. Am Mittwoch folgen Accounting und Organizational Behaviour. Dann gibt es "Osterferien", doch auch da dürfen die Aktenordner nicht fehlen. Nach Ostern steht noch Finance an, das wohl schwierigste Examen für die meisten.Doch Fakten und Zahlen sind das Einmaleins in jedem Kurs. Die Hoffnung einiger Studenten, dass Marketing sich in erster Linie um Anzeigenkampagnen drehen würde, gibt es nicht mehr. Der Break Even muss kalkuliert und Strategien zur Einführung neuer Produkte entwickelt werden. Das Schlagwort "Habba Habba" fällt dabei immer wieder. Es beschreibt dummes Gelaber, das zu diesem Zeitpunkt weder Professoren noch Studenten hören wollen. Gefragt ist wer seine Excel Tabellen beherrscht oder auch auf eine offene Frage wie "Was ist Marketing?" eine fundierte Antwort geben kann. Wir werden gedrillt, die Industrie und das Geschäftsmodell zu verstehen, bevor wir allzu kreativ werden.Trotz des Klausurenstress ist die Stimmung gut. Es ist eine große Familie, in der jeder seine Informationen teilt. Egoismus funktioniert nicht, denn alleine ist die Arbeit nicht zu bewältigen. Nach drei Monaten brodelt mittlerweile auch die Gerüchteküche. Immer wieder meint jemand zu wissen, was in den Klausuren dran kommt. Jeden Tag wird zudem über neue Affären getuschelt. Es ist das einzige Unterhaltungsprogramm, dass IMD Studenten während des 16 Stunden Tag bleibt.Die ersten drei Monate haben ihre Spuren an den Körpern hinterlassen: Den einen rutscht die Hose in die Knie, bei den anderen zwickt es jeden Tag mehr, dank der zusätzlichen Pfunde. Für mich heißt es jetzt auch mal wieder einen schnellen Lunch einwerfen. An der Döner Kebab Bude sind IMD Studenten bereits Stammkunden. Die Besitzer wissen, wir haben es eilig.

5. Auf in die nächste Runde
Geschafft. Die Klausuren sind vorbei. Andrew hat mit Defne, unserem "Local guide", die schon seit einigen Jahren in Lausanne lebt, ein Boot für 100 Leute organisiert, und die Party begann. Während wir über den Genfer See ins benachbarte Montreux schipperten, lachten wir bei Champagner, Wein und Bier über die Klausuren. Später ging es im Casino weiter und die Studenten scherzten über "sunk cost" und "opportunity cost". Einmal mehr bewährte sich der Spruch "work hard, party hard".Das IMD Programm legte am nächsten Tag keine Pause ein und sorgte mit neuen Arbeitsgruppen für Abwechslung. Raus aus der reinen Männergruppe, sind nun mit Murielle aus Frankreich, Kardyhm aus den USA und Printajali aus Indien drei Frauen in meiner Gruppe. Außerdem noch Toni, der mit seiner schwangeren Frau aus Australien angereist ist, David aus Irland, Karim aus Frankreich und Prathik aus Indien.Das erste Projekt, das wir gemeinsam angehen müssen, ist eine Produktentwicklung. "Ein Essen für den Geschäftsreisenden, das es am Flughafen oder auch am Bahnhof kaufen kann." Von der Ideenentwicklung, übers Kochen und Gestalten der Verpackung bis zum Preis, in einer Woche müssen wir alle Probleme lösen. Manager von Catering Firmen, die am Genfer Flughafen angesiedelt sind, werden die Ergebnisse bewerten. Noch sitzen die Studenten im "Dungeon" und arbeiten fieberhaft an der Fertigstellung. Selbst über die Patentierung ihrer Verpackungen denken einige nach.Derweil geht die Skisaison ihrem Ende zu. Segelboote auf dem See läuten den Frühling ein, lassen auch unsere Gedanken davon segeln, und wir beginnen über das Leben nach IMD nachzudenken. Welche Branche in welchem Land und welche Position interessiert mich, und wen könnte ich kontaktieren? Fragen, die immer konkreter werden. Die genaue Route kennen viele zwar noch nicht, doch Dank Defne und Andrew haben wir jetzt zumindest schon mal eine Idee, wie es in im benachbarten Montreux aussieht. Ein erster Schritt in die Welt außerhalb von IMD.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.03.2004