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Dinner for One

Von Ingo Reich
Rudolf-August Oetker zählt zu den letzten großen Firmenpatriarchen. Morgen wird der Enkel des Backpulverpioniers 90 Jahre alt.
Einmal im Jahr zeigt sich Rudolf-August Oetker noch der Öffentlichkeit. Immer Ende Juni, wenn der Nahrungsmittelkonzern in Bielefeld seine neuesten Zahlen präsentiert. Es ist stets das gleiche Bild. Sohn August antwortet auf die stereotype Frage aus dem Publikum nach dem Ergebnis der Geschäftstätigkeit genauso stereotyp, es sei ?zufrieden stellend?. Und der betagte, aber rüstige Firmenpatriarch sitzt neben ihm auf dem Podium und schmunzelt in sich hinein. Meistens nuckelt Rudolf-August Oetker an seiner Pfeife und macht einen rundum zufriedenen Eindruck ? the same procedure as every year, wie im berühmten TV-Sketch ?Dinner for One? zu Sylvester.Das war nicht immer so. Es gab eine Phase im Leben des legendären Unternehmers, der am morgigen Mittwoch neunzig Jahre alt wird, da galt er quasi als Griesgram der Nation. In den frühen fünfziger und sechziger Jahren benahm er sich wie die fleischgewordene protestantische Arbeitsethik, die den weitaus meisten weltlichen Genüssen und Gelüsten eine Abfuhr erteilt. Noch heute gilt es für eine Führungskraft im Hause Oetker als unschicklich, länger als zwei Wochen Urlaub pro Jahr zu machen. Ein Geburtstag ? auch ein runder ? wird im Hause Oetker ?begangen?, keinesfalls aber ?gefeiert?.

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Seinen eigenen Geburtstag ?begeht? der Firmenpatriarch im Kreise der Oetker-Pensionäre. Außerdem hat er die Mitglieder der Gruppenleitungen nebst Ehefrauen zu einem Empfang nach Bielefeld eingeladen. Oetkers ursprüngliche strikte puritanische Haltung hat sich den Berichten aus seinem persönlichen Umfeld zufolge erst ein wenig nach der Hochzeit mit seiner dritten Frau Marianne geändert, die er 1963 heiratet. Die fast zwanzig Jahre jüngere Unternehmertochter aus München lernt schon bald die ausgeprägte Sparsamkeit des Industriellen kennen. Aber den Versuch, der charmanten und willensstarken Frau aus bester Familie das Kleidergeld zu kürzen, macht Oetker nur einmal.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Seine acht Kinder hält er finanziell an der kurzen LeineSeine acht Kinder (aus drei Ehen) hält er jedoch weiter finanziell an der kurzen Leine. ?Lange Jahre haben wir Entnahmen nur in Höhe unserer privaten Steuern gehabt. Das heißt: Wir waren zwar vermögend, aber illiquide?, beklagte sich sein Sohn August einmal gegenüber dem Handelsblatt.Großzügiger ist der Enkel des Backpulverpioniers nur dann, wenn es um die Erweiterung seines Firmenimperiums geht. Von Nahrungsmittelherstellern über Brauereien bis hin zu Finanzdienstleistern oder Luxushotels, Oetker kauft ? selbstverständlich zu günstigen Preisen ? wann immer sich eine Gewinn versprechende Gelegenheit bietet.Die vielen ?Pferde?, die der einst begeisterte Reiter ins Rennen schickt, machen den Konzern bis heute von Branchenkonjunkturen weitgehend unabhängig. ?Jetzt würden wir aber nicht mehr in derart viele Geschäftsfelder einsteigen?, bewertet August Oetker, der inzwischen die Unternehmensgruppe in vierter Generation führt, die Sammelleidenschaft seines Vaters.In der vorwärts gerichteten Nachkriegsära gerät die politisch anrüchige Vergangenheit des einstigen ?Nationalsozialistischen Musterbetriebes? bald in Vergessenheit. Vielmehr profitiert das Unternehmen weiter von der ungebrochenen Markenkraft (?Man nehme Dr. Oetker?), welche die Nahrungsmittelsparte des Konzerns bis heute auszeichnet.Dem Andenken an seinen nationalsozialistisch geprägten Stiefvater blieb Oetker weiter treu. Der Kunstmäzen wollte sogar, gegen eine respektable Spende, ein Museum in seiner Geburtsstadt nach Richard Kaselowsky benennen lassen. Das Vorhaben scheiterte aber am Widerstand der Bielefelder Stadtväter.Oetkers liebstes Betätigungsfeld im Geschäftsleben ist die Seeschifffahrt. Noch heute ist er bei jedem Stapellauf eines neuen Frachters dabei. Die Reederei Hamburg Süd hat an den sieben Milliarden Umsatz, die der Konzern im letzten Jahr erlöste, inzwischen den größten Anteil.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Den Grundstein legte Oetker Anfang der 50er-JahreDen Grundstein legte Oetker Anfang der 50er-Jahre. Ihm gehörte zwar noch die Reederei. Er besaß aber als Folge des Weltkriegs kein einziges Schiff mehr. Also beteiligte er befreundete Industrielle an seiner neuen Flotte und war bald wieder manövrierfähig. Das deutsche Steuerrecht, das Schiffsbeteiligungen mit hohen Verlustzuweisungen belohnte ? und damit willkommen steuermindernd wirkte ? machte dies möglich. Durch persönliche Kontakte ins Bonner Regierungsviertel, wie er dem Handelsblatt einmal gestand, sorgte Oetker dafür, dass dies auch noch lange Jahre so blieb.Wie vielen Einzelunternehmern galt Oetker in seiner aktiven Berufszeit ? seit 1981 führt er nur noch den Vorsitz im Konzernbeirat ? das gesprochene Wort mehr als ein Stück Vertragstext. Domänenrat Wolfgang Schleicher, langjähriger Verwalter der firmeneigenen Weingüter, beschreibt Oetkers mündlichen Arbeitsauftrag wie folgt: ?Wenn ich schon meinen eigenen Wein trinken muss, dann soll er wenigstens auch schmecken.? Schleicher dankt es mit zahlreichen Auszeichnungen, die er in der Folge mit seinen Rieslingen erringt.Bis heute nimmt Rudolf-August Oetker an der Firmenpolitik regen Anteil. Den Bestand des Unternehmens hat er für die nachfolgenden Generationen per Familienstatut gesichert. Er gilt heute als ?bescheiden und wohltuend normal?. Einmal platzte dem Firmenpatriarchen allerdings noch der Kragen: Als Konzernchef August Oetker, mit seinen 62 Jahren auch schon kurz vor der Pensionsgrenze, 2004 den Getränkekonzern Brau und Brunnen für 330 Millionen Euro plus weiterer Verpflichtungen erwarb, raunzte der Senior nur: ?Das ist doch viel zu teuer.?
FAMILIE OETKER ÜBERSTEHT ZWEI KRIEGEErster WeltkriegRudolf-August Oetker wird am 20. September 1916 in Bielefeld geboren. Sein Vater Rudolf, Sohn des Backpulverpioniers August Oetker, war bereits ein halbes Jahr zuvor in der Schlacht von Verdun gefallen, und so wächst er unter dem strengen Regiment seiner Großmutter Caroline auf. Mutter Ida heiratet bald darauf ein zweites Mal. Zweiter Weltkrieg Oetkers Stiefvater Richard Kaselowsky ist ein glühender Anhänger des Nationalssozialismus ? und Mitglied des Freundeskreises von SS-Reichsführer Himmler. So wird aus der Puddingfabrik ein ?Nationalsozialistischer Musterbetrieb? ? und aus Rudolf-August ein Mitglied der Waffen-SS. Im Jahr 1944 sterben Oetkers Mutter und ihr Gatte bei einem Bombenangriff. Rudolf-August wird nach Kriegsende interniert und vor seiner Entlassung von Wachmännern schwer misshandelt.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.09.2006