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Dingomäßig durchgebissen

Martin Roos
Ankommen, auspacken, arbeiten - ganz so einfach ist es nicht. Man braucht eine Arbeitserlaubnis, eine Jobagentur und das Talent, sich gut verkaufen zu können.
Als Kerstin Wadehn in Australien ihren ersten Job suchen musste, fühlte sie sich wie ein Känguruh ohne Beutel. "Mir fehlte etwas Entscheidendes: Ich hatte keine Ahnung, wie ich Arbeit finden sollte", sagt die 34-jährige Norddeutsche. "So schwierig hätte ich mir das nicht vorgestellt.

Als Wadehn im Januar 2000 mit drei Koffern in Sydney ankam, hatte sie eine gute Ausgangsposition. Die Betriebswirtin wurde nicht nur von ihrem damaligen Arbeitgeber, der Unternehmensberatung Accenture, mit einem Zeitvertrag auf sechs Monate nach Australien entsendet, sondern sie hatte auch ein Permanent Resident Visum in der Tasche, also eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis.

Die besten Jobs von allen


Für den, der nicht von einem Arbeitgeber geschickt oder von einem australischen Unternehmen gesponsert wird, geht ohne dieses Visum überhaupt nichts. "Das hatte ich mir in Deutschland besorgt, um unabhängig zu bleiben", sagt Wadehn. Ein weiser Entschluss, denn vier Monate nach ihrer Ankunft wurde ihr wie vielen anderen bei Accenture aus "Restrukturierungsgründen" gekündigt. Aber als Permanent Resident war ja alles kein Problem. Dachte sie.

Kein Job ohne Agenten

Rund 90 Prozent aller Jobs, besonders bei Großunternehmen, werden kostenlos über eine Employment Agency, eine Jobagentur vergeben, der Rest ist "word of mouth", Mundpropaganda. Bei Wadehns erstem Bewerbungsgespräch schaute sich der Personalberater ihr CV, den Lebenslauf, an und fragte nach den Erfolgen in ihren bisherigen Jobs. "Da sagte ich nur: Wie bitte? Ich war überfordert mit der Aufgabe, mit meinen Erfolgen auf die Pauke zu hauen." Die zurückhaltende Deutsche brauchte eine Weile, um ihr CV zu australisieren - Lebenslauf als Marketinginstrument. "Am Ende hatte ich das Gefühl, die Unterlagen einer anderen Person in den Händen zu halten."

Grundsätzlich besteht eine australische Bewerbung aus dem Anschreiben und einem tabellarischem Lebenslauf - und zwar, um Diskriminierung vorzubeugen, ohne Foto. Selbst die Angabe des Alters ist nicht obligatorisch. "Australische Unternehmen legen besonders Wert auf die Arbeitserfahrung. Deswegen absolvieren auch schon viele Studenten Praktika", sagt Markus Meier-Lindner, Mitarbeiter der Jobagentur Polyglot Personnel in Sydney. Hinzu komme die Visitenkartengläubigkeit. "Hier zählen akademische Titel nicht so sehr - dafür aber Positionen wie Manager oder Partner. Damit kann man hier gut aufwarten."

Größter Wermutstropfen für Wahl-Australier: bis zu 30 Prozent weniger Gehalt als in Deutschland und kürzerer Urlaub. Das durchschnittliche Einstiegsgehalt liegt bei 25.000 Euro - bei ähnlichen Lebenshaltungskosten wie in Europa.

Telefon-Check beim Ex-Chef

"Ich brauchte nie Zeugnisse vorzulegen. Die Australier erkundigen sich lieber telefonisch beim letzten Arbeitgeber über den Bewerber", erzählt Wadehn. Wenn sie bis zum "Reference Check" - die letzte Hürde im Bewerbungsprozess - gelangte, musste sie stets ihre Ex-Chefs vorwarnen: "Das war schwierig, wenn man keinen Kontakt mehr zu ehemaligen Vorgesetzten hatte, weil die längst woanders waren.

Schließlich fand die Deutsche einen Job bei einem IT-Unternehmen - in Form von Contracting, Zeitarbeit. "Contracting ist in Australien fast schon ein Lebensstil und wird meistens sogar besser bezahlt als entsprechende Festanstellungen", sagt Wadehn. Nachteil: Man ist auch schnell raus. Nach zwei Monaten war sie den Job wieder los

"Auf viele meiner Bewerbungen bekam ich keine Antwort. Nur durch Nachfragen fand ich heraus, dass man sich längst für jemanden anderes entschieden hatte." Unhöflich fand sie das. Dass es sofort Bingo wie im Glücksspiel macht, würde sie nicht erwarten, aber so fühle man sich doch recht abserviert und weggebissen wie von Dingos - Australiens wild lebenden Artverwandten des Hundes.

Australians first

"Australische Unternehmen haben ein Problem", sagt Marijke Wright, Karriereberaterin an der University of Technology in Sydney und Präsidentin der Australischen Gesellschaft für Karriereberatung. "Solange sie nicht nachweisen können, dass der lokale Arbeitsmarkt zu wenig eigenen Nachwuchs hervorbringt, dürfen sie keine ausländischen Kandidaten einstellen." Im Klartext: In Australien wartet niemand auf einen. Das hat auch mit politischen Interessen zu tun: Die Regierung verspricht zum Beispiel ausländischen Ärzten und Pflegern Jobs - denn vor allem auf dem Land gibt es einen großen Bedarf. Die australischen Ärzteverbände jedoch blocken ab, wollen ihre eigenen Leute unterbringen und lassen viele Ausländer schon an den schweren Aufnahmebedingungen scheitern. Die verdienen ihr Geld dann mit Taxifahren

Um solche Enttäuschungen zu vermeiden, warnt Wright: "Vorbereitung auf die Jobsuche ist wichtig. Gute Hinweise bieten zum Beispiel die Internet-Karriere-Seiten von Universitäten. Aber man muss dann auch den Mut haben, ohne Job nach Australien zu kommen. Denn Agenturen interessieren sich nur für Leute, die sofort vermittelbar sind." Fast schon hatte Kerstin Wadehn ihre Jobsuche aufgegeben. Im Juli 2001 wollte sie wegen akuten Geldmangels das Land vorzeitig verlassen, da erhielt sie innerhalb von zwei Tagen drei Jobangebote. "Reines Glück", sagt Wadehn. Die Deutsche entschied sich für die Stelle einer Lohn- und Gehaltsanalystin bei der Westpac, eine der größten Banken Australiens

Dass auch dieses Kapitel nach gut einem Jahr wieder vorbei war, schockte Wadehn nicht allzu sehr. Denn längst hatte sie aus ihrer Not eine Tugend gemacht: Im Sommer schloss sie eine zweijährige Ausbildung am College for Career Practitioners in Sydney ab, die sie neben ihrem Job absolvierte. "Wenn es mit der Jobsuche auch schwer war, weiß ich aber heute, was ich beruflich machen will: Karriere- und Managementthemen." Sollte es damit in Australien nicht klappen, will sie nach Deutschland zurückkehren, um in der Karriereberatung zu arbeiten. "Erfahrung habe ich ja jetzt genug."

Dieser Artikel ist erschienen am 28.02.2003