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Dieter Zetsche ? der doppelte Diedö

Von Josef Hofmann
Dieter Zetsche kehrt bei der Messe in Detroit an seine alte Wirkungsstätte zurück. Da er sowohl als Vertreter der deutschen als auch amerikanischen Managementkultur gilt, weckt er bei vielen die Hoffnung, er könnte Daimler und Chrysler tatsächlich zusammenführen.
Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche spricht auf der North American International Autoshow in Detroit bei der Vorstellung der Mercedes-Benz Neuheiten. Foto: dpa
DETROIT. Nur für einen Moment kann Tom LaSorda, der neue Chef des Autobauers Chrysler, die ungeteilte Aufmerksamkeit genießen. Kaum hat er seine Rede auf der Detroiter Autoshow begonnen, werden eine große Kiste und ein Brief auf die Bühne geliefert. Absender: sein Vorgänger Dieter Zetsche ? mit nostalgischen Worten und den besten Grüßen. LaSordas Freudenausbruch ist gut einstudiert: ?Diedö ist immer da, wenn man ihn braucht, und manchmal auch, wenn man ihn nicht brauchen kann?, witzelt der Amerikaner. Er packt die E-Gitarre aus, mit der der extrovertierte neue Daimler-Konzern-Chef Zetsche für die Tochter Chrysler einst gerockt hat, während im Hintergrund auf einer Großleinwand eine Fotoserie abläuft: Zetsche mit Feuerwehrhelm, Zetsche im Western-Stil, Zetsche inmitten schöner Frauen. Eine wilde Show, die darin gipfelt, dass LaSorda Zetsche unter dem Applaus des Publikums leibhaftig aus der verzierten Kiste zerrt. Dieter Zetsche Superstar.Die Szene hat Symbolkraft: ?Die-dö?, wie ihn hier in Detroit alle nennen, ist ?out of the box?. Aus dem Machtgerangel um die Nachfolge Jürgen Schrempps ist er als Sieger hervorgegangen. Nun ist er der Chef des Ganzen. Über ihm ist bei Daimler-Chrysler nur noch der Himmel. Auch wenn der momentan ziemlich wolkenverhangen ist. Die Vorzeigemarke Mercedes hat ihren Nimbus als Ausnahmeunternehmen mit Erfolgsgarantie verloren, die Kleinstwagenmarke Smart produziert weiter munter Verluste. Probleme, die schnell gelöst werden müssen. In Detroit traut ihm jeder zu, dass er Daimler-Chrysler wieder nach vorne bringt. Hier muss Zetsche keinem beweisen, was er kann. Hier kann er sich der Bewunderung sicher sein, die er sich in der Stuttgarter Zentrale erst noch verdienen muss. Man spürt förmlich, wie Zetsche seinen Auftritt genießt ? fernab von den Problemen in Deutschland und in der Nähe seiner Familie, die erst im Sommer nach Deutschland zurückkommen wird. Bis dahin wird der 52-Jährige für Privates sowieso nicht viel Zeit haben.

Die besten Jobs von allen

Die öffentlichen Auftritte auf der Detroiter Autoshow sind für den doppelten Diedö eine Atempause zwischen Verhandlungen um Sanierungsschritte bei Mercedes und den Mühen, sich in Stuttgart eine Hausmacht aufzubauen. In Amerika hat Zetsche mit der gelungenen Sanierung von Chrysler den Grundstein für seinen Aufstieg an die Konzernspitze gelegt, hier hat er sein außerordentliches Showtalent entdeckt, Detroit ist Zetsche-Land. Der Manager, den US-Kommentatoren bei seinem Antritt in der Chrysler-Zentrale vor fünf Jahren mit Nazi-Vergleichen begrüßten, ist einer von ihnen geworden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ein Manager, der mit den Arbeitern in der Kantine ansteht und isst, das war etwas völlig Neues?Der Kult ist umso verwunderlicher, da seine Aufgabe bei Chrysler keine war, mit der man sich normalerweise Freunde macht. Zusammen mit dem heutigen VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard, der während der Messe seine ?Freunde bei Chrysler? im Feuerwehrhaus besuchte, musste er 30 000 Arbeitsplätze abbauen. Er hat Fabriken geschlossen und den wankenden Koloss von einem Sanierungsfall zu einer Ertragsstütze innerhalb des Daimler-Imperiums umgebaut. Vor allem aber hat es das Duo Zetsche/Bernhard geschafft, diese Sanierung fast lautlos über die Bühne zu bringen. Trotz der harten Einschnitte wird er bis heute sogar von den Gewerkschaften gefeiert. ?Ich danke Gott für Dieter?, jubilierte der für Chrysler zuständige Gewerkschaftsvorstand und Daimler-Chrysler-Aufsichtsrat, Nate Gooden. Auch er, einer der treuesten Zetsche-Fans, der zuletzt im Kontrollgremium sogar mit der Kapitalseite gegen seine europäischen Gewerkschaftskollegen gestimmt hat, demonstriert gerne seine Verbundenheit mit dem Deutschen. Seite an Seite mit Zetsche steht er abends in Detroit hinter der Theke im von Chrysler während der Messe zur Bar umfunktionierten Feuerwehrhaus, zapft Bier, mixt Cocktails und bedient Gäste. Berührungsängste? Keine.Seine Offenheit hat dem schnurrbärtigen Zetsche in den USA viel Sympathie eingebracht. ?Ein Manager, der mit den Arbeitern in der Kantine ansteht und isst, das war etwas völlig Neues?, sagt ein Chrysler-Weggefährte.Dass unter Zetsche bei Daimler-Chrysler ein anderes Klima herrscht als unter seinem Vorgänger, dem eher egozentrischen Jürgen Schrempp, hat auch die Mercedes-Belegschaft in Stuttgart schon erfahren. Zetsche geht auf die Leute zu. Als im September bei Mercedes der Abbau von 8 500 Beschäftigten bekannt gegeben wird, tritt Zetsche selbst vor die Betriebsversammlung. Schrempp wäre das nie eingefallen.Zetsche ist es wichtig, dass sich die Beschäftigten mit dem Unternehmen und auch mit ihm identifizieren können. Vielleicht kann er es schaffen, ein ?Wir-Gefühl? in dem deutsch-amerikanischen Konzern aufzubauen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zetsche hat nun die große Chance, beide Kulturen im Unternehmen zu verbinden.Noch ist es allerdings so, dass die Chrysler-Leute den Deutschen mehr als einen der ihren betrachten als die Schwaben. Auf die Frage an den Amerikaner LaSorda, ob die Führung von Chrysler unter seiner Ägide wieder amerikanischer werde, antwortete der prompt: ?Wieso, Diedö ist doch einer von uns.?Zetsche hat nun die große Chance, beide Kulturen im Unternehmen zu verbinden, denn er verkörpert die Stärken beider Managementkulturen: deutsche Sachkunde und Disziplin, amerikanische Offenheit und Verkaufstalent. Unter ihm muss sich niemand fremd regiert fühlen.Allein das könnte Daimler-Chrysler schon ein gutes Stück nach vorne bringen, denn nicht zuletzt die Reibungsverluste haben den Konzern in den vergangenen Jahren viel Zeit, Managementkapazität und Geld gekostet. Bislang bedurfte es immer schwieriger Verhandlungen, wenn Chrysler ins Mercedes-Teileregal greifen wollte. Das dürfte sich unter Zetsche ändern. Er ist der geborene Integrator: ?Die größere Chance liegt noch nicht einmal darin, gemeinsame Teile zu verwenden oder gemeinsam einzukaufen?, erklärte er Journalisten in Detroit. ?Wichtiger ist, die Fähigkeiten und das Know-how, das im Konzern steckt, allen zugänglich zu machen.? Den sauren Beigeschmack des Witzes ?Wenn Daimler-Chrysler nur wüsste, was Daimler-Chrysler alles weiß? will er nicht mehr gelten lassen. Und schon gar nicht will er den Eindruck aufkommen lassen, dass er nun zum reinen ?Mercedes-Mann? mutiert, und lobt die Amerikaner: ?Mercedes kann zum Beispiel von Chrysler einiges in Sachen schlanke Produktion lernen?, betonte er. Aus der Zusammenarbeit könne man ?noch viel, viel mehr rausholen?.Solche Worte hören die Amerikaner, deren automobiles Selbstbewusstsein durch die Krisen von General Motors und Ford erschüttert ist, gerne. Sie festigen die große Popularität des Managers Zetsche, dessen Namen selbst die Taxifahrer mit Respekt nennen. Und mit denen sie Produkte verbinden wie die erfolgreiche Chrysler-Limousine 300C, die als Symbol für Chryslers Comeback steht. Während die Konkurrenz von GM und Ford in Amerika Milliardenverluste einfährt, trägt Chrysler mit einem Milliardengewinn zur Daimler-Konzernbilanz bei.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Mit einer Produktoffensive hat Zetsche Chrysler wieder auf Kurs gebracht. Dafür ehrt ihn Detroit. Um auch in Deutschland, wenn überhaupt, solche Anerkennung zu finden, hat Zetsche noch einen steinigen Weg vor sich. Er weiß, dass er auch Mercedes nur mit harten Einschnitten wieder richtig fit machen kann. Insgesamt sollen bei Daimler-Chrysler in den nächsten Jahren noch 16 000 Jobs wegfallen, Widerstand hat sich bereits geregt. So stimmte die Mehrheit der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gegen Zetsches ersten Finanzplan, der bis 2008 reicht. Abrücken wird Zetsche davon nicht. ?Wir müssen unser Geschäft mit mehr Effizienz und weniger Ressourcen als in der Vergangenheit schaffen?, lautet sein Credo. Je später er das Problem angehe, umso tiefgreifendere Maßnahmen seien nötig, so seine einfache Logik.Statt wie seine Vorgänger Jürgen Schrempp und Edzard Reuter Visionen vom integrierten Mobilitätskonzern oder der Welt AG nachzujagen, will sich Zetsche auf die Basisarbeit konzentrieren. Er will Hierarchien abbauen und so Entscheidungsprozesse beschleunigen. Doch ?unsere wichtigste Aufgabe ist es, tolle Produkte zu entwickeln und zu bauen?.Mit einer Produktoffensive hat er auch Chrysler wieder auf Kurs gebracht. Dafür ehrt ihn Detroit. Am zweiten Abend der Messe nehmen die Amerikaner Zetsche, den Deutschen, in den amerikanischen Autohimmel auf. Für sein ?außerordentliches Engagement und seinen Erfolg? wird er zum 23. Mitglied der ?Automotive Hall of Fame? gekürt.Fast schon gerührt nimmt Zetsche die Ehrung entgegen, ?die normalerweise nur Rentnern ? oder noch schlimmer ? Toten verliehen wird?, kommentiert er. Und wieder: Standing Ovations. Diedö, Diedö, Superstar!
Dieser Artikel ist erschienen am 12.01.2006