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Dieter Hahn: Von kaltem Blute

Von Th. Knüwer und H.-P. Siebenhaar
Die gefährlichsten Angreifer kommen schlicht daher, ohne große, bunte Fahnen, ohne lautes Geschrei. So wie Dieter Hahn am Mittwoch. In einer schlichten Anzeige sucht die rechte Hand des ehemaligen Medien-Machers Leo Kirch Mitstreiter im Kampf gegen einen Titanen: die Deutsche Bank.
Dieter Hahn auf einem Archivbild von 2001. Foto: AP
MÜNCHEN. Hahn fordert die Aktionäre des Finanzkonzerns auf, sich einer von ihm initiierten Klage gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Rolf Breuer anzuschließen. Ziel: Die Deutsche Bank soll Regressansprüche gegen den Ex-Lenker stellen.Ende Januar hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass die Bank und Breuer grundsätzlich für Schäden haften müssten, die der Printbeteiligungs GmbH, einst Teil des Kirch-Imperiums, aus einem Interview Breuers vom Februar 2002 entstanden sind. In einem weltweit ausgestrahlten Gespräch mit dem Wirtschaftssender Bloomberg hatte Breuer damals als Vorstandsvorsitzender der Bank der Kirch-Gruppe die Kreditwürdigkeit abgesprochen.

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Nach Meinung von Hahn waren diese Worte die Ursache für die spätere Insolvenz im April 2002. Der Bundesgerichtshof stellte fest, das Breuer mit seinen Äußerungen die Aufnahme dringend benötigter Kredite erheblich erschwert habe. Das Interview sei eine Verletzung der aus dem Darlehensvertrag folgenden Pflicht, die Kreditwürdigkeit des Kunden nicht zu gefährden.Die Höhe eines möglichen Schadensersatzes wird nun in weiteren Verfahren geklärt. Die Deutsche Bank hat Breuer aber bisher nicht in Regress genommen ? das will Hahn jetzt ändern.Obwohl: Ist es Hahn? Oder Leo Kirch? Schon immer war der steile Aufstieg des Oberhausener Juristen eng gekettet an das wechselvolle Schicksal der Kirch-Gruppe und ihres Patriarchen.1993 holt Kirch Hahn in sein Reich. Schon zu diesem Zeitpunkt ist dessen Karriere eine bemerkenswerte Mischung aus persönlichem Aufstieg und dem Fall der Geschäfte, für die er tätig war. 1990 startet er ein Trainee-Programm bei Axel Springer und wird nach kurzer Zeit Vertriebsleiter des spanischen Boulevardblatts ?Claro? ? das Magazin wird eingestellt. Er geht zum deutschen Pendant ?Super? ? auch das verschwindet vom Markt. Ähnlich geht es bei Kirch weiter: Hahn wird Chef des Deutschen Sportfernsehens (DSF) ? der Kanal bleibt defizitär.Doch der greise Mediendirigent lernt den Bankkaufmann und hemdsärmeligen Manager schätzen. ?Er kam bei jedem Mitarbeiter bis zur Poststelle gut an. Hahn ist extrem bodenständig?, sagt ein Weggefährte. Das gefällt Ziehvater Leo Kirch aus dem mainfränkischen Fahr: Er macht ihn zu seinem Stellvertreter.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein "Glücksfall" für Hahn, Kirch getroffen zu haben?Nach außen markiert er den grimmigen Geschäftsmann, gegenüber Kirch zeigt er sich allerdings sehr ehrerbietig?, sagte der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma einmal dem ?Tagesspiegel?. Giftig ergänzte er: Hahns Erfolge ließen sich allerdings bestimmt nicht in Zahlen messen. Hahn selbst nannte es einen ?Glücksfall?, Kirch getroffen zu haben. Dieser sei ?einer letzten großen Unternehmer?.1997 liefert er für seinen Herren das Meisterstück ab: Er kauft die TV-Rechte an den Fußball-WM-Turnieren 2002 und 2006. Bei den Verhandlungen in Genf redet allein Hahn. Kirch, der kein Englisch spricht, sitzt schweigend daneben. ?Er ist ein sehr guter Verhandler mit einer unglaublichen Auffassungsgabe?, sagt ein früherer Hahn-Mitarbeiter.Kritiker aber meinen, Hahns Fähigkeiten am Verhandlungstisch seien weit besser als sein Managementkönnen. Sie verweisen auf die Zeit ab dem Jahr 2001, als es langsam, aber erkennbar zu Ende geht mit dem Kirch-Reich. Der Kronprinz jongliert zu dieser Zeit mit zu vielen Bällen. Die Schuldenlast von mehreren Milliarden Euro erdrückt den Konzern, der Name Kirch steht heute für eine der größten Unternehmenspleiten der Bundesrepublik. Nur: Die meisten Tochterfirmen erweisen sich mit neuen Gesellschaftern als rentabel. Beispiel: Pro Sieben Sat 1.Hahn ist zutiefst überzeugt, dass der Kirch-Gruppe durch Breuers Verhalten schwerer Schaden zugefügt wurde. Deshalb ist der Kampf gegen Breuer keine Frage des Geldes ? sondern vielmehr eine Frage der Ehre.Seit zweieinhalb Jahren schmiedet die Doppelspitze der Vergangenheit, Hahn und Kirch, in der Münchener Kardinal-Faulhaber-Straße 15, im gleichen Gebäude wie das Luxushotel ?Bayerischer Hof?, an Kampfplänen gegen die Doppeltürme der Deutschen Bank. Heerscharen von Juristen, darunter die Kanzlei des CSU-Politikers Peter Gauweiler, unterstützt das Tandem.Für Hahn ist das Duell mit ungewissem Ausgang zum Lebensinhalt geworden. Die Ehe ist zerbrochen, mal spielt er Fußball mit dem Sohn, mal Golf mit Freunden. Doch das juristische Schachspiel gegen Breuer ist der dominierende Part seines Lebens. ?Er hat Spaß beim Poker. Und er pokert bis zum Schluss?, sagt ein langjähriger Weggefährte aus der Kirch-Zeit über Hahn. ?Er ist mit viel kaltem Blut durchdrungen?, ergänzt ein Vertrauter. ?Bulldozer? wurde er von Gegnern früher auch schon mal genannt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hahn ist bereit, den Kampf durchzustehenEinige von Breuers Schutzwällen hat er weggerammt: Zum Beispiel ist der Banker dem Druck gewichen und als Aufsichtsratschef zurückgetreten. Er begründete den Schritt Anfang April damit, dass er die Deutsche Bank nach der Entscheidung des Bundesgerichtshofs von weiteren Diskussionen über seine Person entlasten wolle. Auch der umformierte Aufsichtsrat soll sich beugen: ?Nach der Rechtssprechung des Bundesgerichtshofes ist der Aufsichtsrat der Deutschen Bank AG verpflichtet, den früheren Vorstandssprecher Dr. Breuer auf Ersatz dieser Schäden in Regress zu nehmen?, schreibt Hahn in seiner Zeitungsanzeige am Mitwoch. Aus seiner Sicht hat der Aufsichtsrat seine Pflichten verletzt, weil er gegen Breuer nicht gerichtlich vorgeht.Es könnte ein langer Kampf werden ? Hahn ist bereit, ihn durchzustehen. Im Gegensatz zum gebrechlichen Kirch bringt er die nötige Physis mit. In den Zeiten der Krise soll er 20-Stunden-Arbeitstage über Wochen durchgehalten haben, wispert die Münchener Branchenszene.Wie viele Aktionäre sich der Klage gegen Breuer bereits angeschlossen haben, war am Mittwoch nicht zu erfahren. Hahn hat eine kostenlose Servicenummer einrichten lassen, auch eine Internetseite ist eingerichtet. Bezeichnenderweise heißt sie www.relativ-komfortabel.de. In jenem Bloomberg-Interview hatte Breuer auf die Frage, wie exponiert seine Bank angesichts der Kirch-Schulden sei, geantwortet: ?Relativ komfortabel, würde ich mal sagen ...?
DIETER HAHN1961 wird er am 20. Juni in Oberhausen geboren.1990 beendet er sein Jura-Studium an den Unis Freiburg und Hamburg, das er nach einer Banklehre begonnen hat. Er beginnt das Trainee-Programm des Axel-Springer-Verlags und wird noch im selben Jahr Vertriebsleiter des spanischen Magazins ?Claro?.1992 schließt er seine Dissertation ab und wird stellvertretender Verlagsleiter der Zeitschrift ?Super?.1993 wechselt er ins Kirch-Reich als Geschäftsführer des DSF.1997 beruft ihn Kirch in die Geschäftsführung seiner Gruppe, ein Jahr später ist er stellvertretender Vorsitzender.2002 meldet die Kirch-Gruppe Insolvenz an. Hahn konzentriert sich ab Jahresende auf die Prozesse rund um die Tochter Taurus.2005 stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Insolvenzdelikten gegen ihn und andere Kirch-Manager ein.2006 gilt er als Kettenhund Kirchs in dessen Kampf um Schadensersatz gegen den ehemaligen Deutsche-Bank-Chef Breuer.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2006