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Dieselkraft für Alitalia

Von Maecello Berni, Handelsblatt
Der 65-jährige Giancarlo Cimoli übernimmt die Führung der maroden italienischen Fluggesellschaft Alitalia. Manche halten ihn deshalb für verrückt, doch ihm ist bereits die Sanierung der Ferrovie dello Stato gelungen.
Alitalia-Maschine, Foto: dpa
HB MAILAND. Dieser Satz stammt von Giulio Andreotti, dem vielleicht einflussreichsten Politiker im Nachkriegsitalien. Nach dieser Definition übernimmt ab sofort ein Verrückter die Führung der krisengeschüttelten Alitalia. Denn Giancarlo Cimoli hat in den vergangenen sieben Jahren nicht nur beharrlich an die Sanierung der Ferrovie dello Stato geglaubt. Mehr noch: Das Kunststück ist ihm sogar gelungen.Durchgeknallt oder abgedreht wären aber ganz unpassende Attribute, mit denen man den 65-jährigen Chemieingenieur aus der Toskana beschreiben könnte. Bände spricht dagegen der Spitzname ?Diesel?, den sich der bullig wirkende, rundgesichtige Mann wegen seiner Zuverlässigkeit, des Langmutes und des Durchhaltevermögens in den vier Jahrzehnten seiner Karriere verdient hat.

Die besten Jobs von allen

?Er arbeitet 14 bis 15 Stunden am Tag. Er steht für Disziplin und Härte?, sagt einer, der ihn gut kennt. ?Auf der anderen Seite besitzt er eine Herzlichkeit und menschliche Seite, wie sie nur selten bei Top-Managern vorkommen.? Cimoli wird beide Charakterzüge benötigen, um seine Mission bei Alitalia erfolgreich zu erfüllen. Denn die staatlich kontrollierte Fluggesellschaft ist krank ? schwer krank.Durch jahrzehntelanges Missmanagement sowie den erdrückenden Einfluss der politischen Parteien und der Gewerkschaften ist das Unternehmen aus Rom an den Rand des Absturzes manövriert worden. Im letzten Jahrzehnt hat Alitalia nur ein einziges Mal schwarze Zahlen geschrieben. Im vergangenen Jahr lag der Verlust bei über einer halben Milliarde Euro. Und in den ersten vier Monaten dieses Jahres sind schon 250 Millionen Euro Miese aufgelaufen. Derzeit verbrennt das Unternehmen jeden Tag eine weitere Million. Die Liquiditätslage ist derart kritisch, dass die Zulieferer damit begonnen haben, sich für das Kerosin oder die Sandwiches der Fluggäste schon Sicherheiten geben zu lassen. Oder sie verlangen gar Vorkasse. Derweil hatten die Gewerkschaften in den zurückliegenden Wochen nichts Besseres zu tun, als durch wilde Streiks und Flughafenblockaden die Lage weiter zu verschärfen.Angesichts dieses Horrorszenarios ist es nicht weiter erstaunlich, dass Cimoli zunächst einmal abwinkte, als ihn Berlusconis rechte Hand, Gianni Letta, in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag anrief und ihm den Job anbot. Dass er sich 24 Stunden später dann doch bereit erklärte, hat mit den Zusicherungen der ihm bislang nicht sonderlich wohl gesinnten Regierung zu tun. Dem Manager soll bei der Sanierung völlig freie Hand gelassen werden. Letta: ?Wir stehen 100 Prozent hinter dir.? Dass auch die allmächtigen Gewerkschaften Cimoli mit offenen Armen empfangen, hat mit der Art und Weise zu tun, wie der Freund guter Küche und feiner Weine die Staatsbahnen umgekrempelt und ihnen zum Erfolg verholfen hat.Als er sich dort 1996 auf den Chefsessel setzte, regierte Vetternwirtschaft und Pöstchenschieberei. Demotivierte Mitarbeiter spielten auf den Gängen Fußball. In einem der muffigen römischen Büros ? so geht zumindest die Legende ? soll ein Angestellter eine regelrechte Schneiderei betrieben haben. Statt Akten und Arbeitsmappen lagen Stoff, Schere und Faden auf dem Schreibtisch.So vertrieben sich die Eisenbahner munter ihre Zeit und verdienten nebenbei noch so manche Lira schwarz. In ganz Europa waren die Züge der Ferrovie dello Stato (FS) gefürchtet und berüchtigt für den Schmutz und die Verspätungen. Die Folge: 1996 schloss das Staatsunternehmen mit einem Verlust von umgerechnet zwei Milliarden Euro ab.Mit dem Schlendrian war bald nach Cimolis Ankunft Schluss. Aus einer verstaubten Behörde machte er ein marktorientiertes Unternehmen. Pünktlichkeits- und Serviceoffensive, Bau eines Hochgeschwindigkeitsnetzes und die radikale Erneuerung des Fuhrparks sind die für den Kunden sichtbarsten Signale für die neue Bahn. Unter seiner Ägide ist in Italien der Teilnehmer des Schienenverkehrs zum Fahrgast geworden.Um das zu erreichen, hat er die Organisation drastisch umgebaut. Und den vielen inkompetenten Führungskräften, die nur auf Grund politischer Empfehlungen bei der FS geparkt waren, drückte er Kündigungsschreiben in die Hand. Unterm Strich baute er in den vergangenen sieben Jahren 30 000 der bis dato 150 000 Arbeitsplätze ab: durch Frühverrentung, teils durch Outsourcing, vor allem aber dadurch, dass er unproduktive Jobs strich. Dies alles erreichte der Vater zweier erwachsener Töchter in Einklang mit der allmächtigen Eisenbahnergewerkschaft in einem ruhigen und sachlichen Klima, ohne nennenswerte Streiks.Hinter diesem Frieden steckt zum einen die Behutsamkeit, mit der er die harten Schnitte durchsetzte, weshalb der Hobbysegler und Pferdenarr in Italien als ?sozialer Manager? gilt. Zum anderen ist ihm auch nach Ansicht der Gewerkschaft durch die Sanierung des Unternehmens gelungen, die Arbeitsplätze langfristig zu sichern. Im vergangenen Jahr hat die FS bereits zum dritten Mal in Folge einen Gewinn vorgelegt.Gelänge Giancarlo Cimoli in seinem neuen Job bei der maroden Fluggesellschaft Alitalia eine ähnliche Wende, würde man ihm sicherlich dafür in Rom ein Denkmal setzen.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.05.2004