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Die zweite Chance der Ankläger

Von Tobias Moerschen, Handelsblatt
Auch der zweite Anlauf der Staatsanwaltschaft, zu einem Urteil gegen den Star-Banker Frank Quattrone zu kommen, steht unter einem ungünstigen Stern. Denn das spektakulär gescheiterte Verfahren gegen die Ex-Chefs des US-Konzerns Tyco beeinflusst die heute startende Neuauflage des Quattrone-Prozesses in New York.
NEW YORK. Quattrones Anwalt John Keker forderte bereits, die Namen und Adressen der Geschworenen geheim zu halten. Nur so sei ausgeschlossen, dass Medienberichte einzelne Juroren unter Druck setzen. Im Tyco-Prozess hatten zwei US-Zeitungen den Namen einer Geschworenen veröffentlicht und damit Konventionen gebrochen. Die betreffende Jurorin hatte zuvor im Gerichtssaal ein Handzeichen gegeben, das Solidarität mit den Angeklagten auszudrücken schien.Der zuständige Richter im Tyco-Prozess erklärte den Prozess für gescheitert, nachdem die Jurorin sich über Beschimpfungen in Anrufen und Briefen beschwert hatte. Auch in der US-Presse war ihr Handsignal kritisiert worden.

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Der für den Quattrone-Prozess zuständige Richter Richard Owen lehnte jedoch eine Anonymisierung der Juroren ab. Er versprach aber, die Medien aufzufordern, die Namen nicht zu veröffentlichen. Das Tyco-Verfahren beweist ? wie bereits der erste Quattrone-Prozess ? die Unkalkulierbarkeit von Geschworenenurteilen. Im amerikanischen Rechtssystem beurteilen Laienjurys ohne juristische Vorbildung teils hochkomplexe Sachverhalte mit dünner Beweislage.Der Vorwurf gegen Quattrone, der einst auch für die Deutsche Bank arbeitete, lautet Beeinflussung von Zeugen und Aufruf zur Vernichtung von Beweismaterial. Das erste Verfahren scheiterte, weil die Juroren sich nicht auf ein Urteil einigen konnten. Nach US-Recht müssen die Geschworenen ein einstimmiges Urteil fällen.Die Staatsanwaltschaft setzte daraufhin ein neues Verfahren in Gang. Sie wirft dem einst legendären Investmentbanker vor, dass er im Jahr 2000 Ermittlungen gegen seinen damaligen Arbeitgeber Credit Suisse First Boston (CSFB) behindern wollte. In der CSFB-Niederlassung im kalifornischen Palo Alto hatte Quattrone fast uneingeschränkte Kontrolle. Mit einem Gehalt von 120 Millionen Dollar im Jahr 2000 zählte Quattrone zu den Top-Profiteuren des High-Tech-Börsenbooms. Von 1996 bis 1998 arbeitete Quattrone für die Deutsche Bank.Quattrone forderte seine Mitarbeiter im Frühjahr 2000 per E-Mail auf, ihre elektronischen Dokumente ?aufzuräumen? - sprich: alte Dateien zu löschen. Damals wusste er von einer Untersuchung der Staatsanwaltschaft und der US-Börsenaufsicht SEC gegen CSFB. Die Ankläger argumentieren, dass Quattrone bewusst sensible Unterlagen vernichten wollte. Der Banker bestreitet dies.Weil sich die Anklage im Quattrone-Fall wesentlich auf eine einzige E-Mail des Bankers stützt, dürfte der Vorsatz schwer nachzuweisen sein. Im ersten Verfahren stimmten zum Schluss acht Juroren für eine Verurteilung und drei dagegen.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.04.2004