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Die zwei vom Traumschiff

Von Gregory Lipinski, Handelsblatt
Das Drehbuch des ZDF-Serienknüllers und die Wirklichkeit liegen nah beieinander. Denn die wahren Eigner des Traumschiffs sind gleich zwei Frauen: Hedda und Gisa Deilmann sind nach dem Tod ihres Vaters die neuen Eigner der ?MS Deutschland?Ž.
Szene aus der ZDF-Sendung das Traumschiff mit Kapitän Paulsen (Siegfried Rauch) und der Sängerin Lea Johnson (Angela Roy).
HB NEUSTADT. Das Drehbuch des ZDF-Serienknüllers und die Wirklichkeit liegen nah beieinander. Denn die wahren Eigner des Traumschiffs, das im wirklichen Leben ?MS Deutschland? heißt, sind gleich zwei Frauen: Gisa und Hedda Deilmann. Die 37-jährigen Zwillinge erbten vor mehr als einem Jahr überraschend das Schifffahrtsunternehmen Peter Deilmann Reederei GmbH & Co. KG in Neustadt ? einem kleinen Ostseebad an der Lübecker Bucht.?Eigentlich wollte unser Vater langsam die Führung der Reederei an uns abgeben, um sich allmählich zur Ruhe zu setzen?, sagt Hedda Deilmann. Im November 2003 stirbt der Firmengründer jedoch überraschend: ?Wir waren praktisch über Nacht auf uns allein gestellt, hatten aber die Unterstützung der langjährigen Mitarbeiter?, sagt ihre Schwester Gisa.

Die besten Jobs von allen

Die Zwillinge fackeln nicht lange und packen an. Schnell entrümpeln sie das Arbeitszimmer ihres Vaters und lassen zwei neue Schreibtische hineintragen, die sie bewusst einander gegenüberstellen. ?Wir können so besser und schneller über alles reden?, meinen die beiden Chefinnen. Heute leiten sie von dem knapp zwanzig Quadratmeter großen Büro die Geschicke von Deutschlands größtem privatem Kreuzfahrtunternehmen. Das erzielte im vergangenen Geschäftsjahr nach eigenen Angaben mit mehr als 1 400 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 100 Millionen Euro und einen nicht genannten Gewinn.Auf den ersten Blick wirken die beiden blonden Erbinnen wie zwei Fotomodelle, die für Modetitel wie ?Vogue? oder ?Harper?s Bazaar? posieren. Sie sind schlank und sportlich gebaut. Ihre Kleidung ist figurbetont. Ihre Gesichter sind blass geschminkt. Und Hedda lässt zwei goldgelbe Strähnen locker ins Gesicht fallen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Anschein eines unbeschwerten Jetset-Lebens trügtDoch der Anschein eines unbeschwerten Jetset-Lebens trügt. Die Geschwister sind nicht nur Mütter von zwei und vier Kindern. Sie sind auch seit Jahren Geschäftsfrauen: Hedda, bereits seit 1990 im väterlichen Betrieb tätig, ist gelernte Reisekauffrau, Gisa, die Anfang 2003 dazukam, war Chefin eines Fünf-Sterne-Hotels im irländischen West Cork. Für sie zählt vor allem der Kunde: ?Wir achten sehr darauf, dass sich unsere Gäste auf den Schiffen wohl fühlen. Nur so haben wir eine hohe Auslastung.?Dies gilt vor allem für die ?MS Deutschland?, das Flaggschiff der Flotte. Das ?Traumschiff?, das dem ZDF schon 50 Folgen mit hohen Einschaltquoten von fast 25 Prozent beschert hat, garantiert der Reederei im richtigen Leben eine Auslastung von rund 80 Prozent.Dafür sorgt ein Marketing-Konzept, das der Gründer mit dem Begriff ?deutsche Kreuzfahrttradition? beschrieben hat. ?Auf unseren Schiffen haben wir ausschließlich deutschsprachiges Personal?, sagt Hedda. Dies soll auch den jährlich rund 50 000 Gästen auf dem ?Traumschiff? ein Gefühl von Heimat vermitteln.Das gefällt offensichtlich der Zielgruppe, betuchten Senioren ab 50 Jahren aufwärts, ebenso wie die mondäne und etwas plüschige Ausstattung des ?Traumschiffs?: Edle Teak- und Mahagonihölzer zieren die Decks, riesige Flächen von Tiffanyglas erhellen die Gänge, Ölgemälde schmücken die Lounges. Dafür zahlen die Passagiere rund 400 Euro pro Person und Tag.Dennoch ist die Führung der Reederei für die Schwestern kein Kinderspiel: Denn auf dem internationalen Kreuzfahrtmarkt herrscht ein harter Konkurrenzkampf, der sich nach den Terroranschlägen des 11. September verschärft hat. ?Wir verzeichnen erst jetzt erste Erholungstendenzen?, meint Werner Lundt, Chef des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik. Viele Reedereien haben sich zusammengeschlossen oder wurden geschluckt.Aber die Deilmann-Töchter pochen weiterhin auf ihre Eigenständigkeit. ?Wir wollen damit die Tradition unseres Vaters fortsetzen?, sagt Gisa Deilmann, und Hedda nickt.Andererseits bemühen sich die jungen Frauen, eine neue Unternehmenskultur einzuführen. Denn ihr Vater herrschte in der Reederei wie ein ?Patriarch?, erzählen die Schwestern. ?Das Unternehmen war stark auf den Vater zugeschnitten?, bestätigt Henning Reimann, Bürgermeister von Neustadt.Dies wollen die Schwestern ändern. Mehr Eigenverantwortung und schnellere Arbeitsabläufe sollen das Unternehmen flotter machen. Den Kurswechsel traut Bürgermeister Reimann den Schwestern zu. ?Sie müssen sich derzeit zwar noch im Unternehmen positionieren.? Doch sie hätten die Willenskraft und Stärke von ihrem Vater geerbt. ?Sie sind couragiert und engagiert, um sich auf dem Kreuzfahrtmarkt zu behaupten?, ergänzt Reimann.Wie Pech und Schwefel halten die Schwestern zusammen. Davon können sich auch die Mitarbeiter überzeugen. Vor kurzem stellten die Chefinnen eine Galionsfigur des ehemaligen Deilmann-Schiffs ?Prinzessin von Preußen? vor dem Bürogebäude auf. Es zeigt ein weibliches Zwillingspaar, das mit wehenden Haaren auf die Ostsee blickt. Der Bildhauer nannte das Werk: ?Die deutsche Einheit?.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.02.2005