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Die zwei Gesichter des Herrn Meine

Von Josef Hofmann
Locken und drohen: Hartmut Meine, Verhandlungsführer der IG Metall im Tarifstreit bei VW, hat 20 Jahre Kampferfahrung.
HB WOLFSBURG. Er ist froh, dass es endlich losgeht. Er weiß aber auch, dass es hart wird. Und die rote Krawatte ist sein persönliches Symbol für solche Zeiten. Er trägt sie bei jedem Tarifstreit. Sie wird erst wieder im Schrank verschwinden, wenn er die Verhandlungen zu Ende gebracht hat. Dieses Mal könnte die Rotphase lange dauern ? bis in den November. Die Gewerkschaft will Härte zeigen. Gestern noch hat er gesagt, man werde VW ?vor sich hertreiben?. Zuvor hatte der VW-Vorstand damit gedroht, 30 000 Jobs abzubauen, wenn die Gewerkschaft nicht spurt.Die rote Krawatte. Das Markenzeichen ist dabei, wenn Meine am Mittwoch Nachmittag nach der ersten Runde der VW-Tarifverhandlungen mit ernster Miene und tiefer Stimmen vor die Kameras tritt, in Mikrofone spricht oder griffige Formeln und Forderungen in Schreibblöcke diktiert. Er ist in Hannover das Gesicht der IG Metall, und er vertritt als Verhandlungsführer rund 103 000 VW- Beschäftigte.

Die besten Jobs von allen

Der 52-Jährige ist Tarifprofi. Er weiß, dass er dieses Mal seine gesamte Erfahrung aus 20 Jahren Tarifauseinandersetzung aufbieten muss. Nach dem Debakel der IG Metall im Kampf um die Einführung der 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland und nach den schmerzlichen Kompromissen bei Daimler-Chrysler und Siemens richten sich die Hoffnungen der Frankfurter Gewerkschaftszentrale nun auf ihn.Man merkt ihm an, dass er die Bürde spürt, heißt es aus seinem Umfeld: Sein privat eher lockeres Auftreten wird für die nächsten Wochen dem Machtgehabe des Funktionärs weichen, seine Bereitschaft zur Kooperation wird zumindest in der ersten Phase der Verhandlungen hinter der Gewerkschaftsrhetorik zurückstehen. ?Doppeltes K? nennt er die Strategie: Konflikt und Kompromiss. Er scheue keinen Streit, um seinen Zielen Nachdruck zu verleihen, suche aber den Kompromiss, um ein tragfähiges Ergebnis zu erzielen.Sein Hauptauftrag aus Frankfurt lautet: Flagge zeigen. Für Meine, der intern eine stärkere Öffnung der Gewerkschaften für die Belange der Angestellten fordert, kein Problem. ?Jetzt wird?s hammerhart?, lässt er in der IGM-Postille ankündigen. ?Wir lassen uns nicht abzocken?, hat er bereits zuvor getönt. Tradition verpflichtet: Schließlich war sein Vorgänger Jürgen Peters, heute Chef der IG Metall. Er hat zum Teil bei VW die Besitzstände herausgehandelt, um die nun gefeilscht wird. Meine war als Tarifexperte einer seiner engsten Mitarbeiter. Als Peters 1999 nach Frankfurt ging, nahm er seinen Platz ein.Meine ist ein gewiefter Taktiker, der den Machterhalt seines eigenen Arbeitgebers immer im Hinterkopf hat. Doch ?Hardliner? nennen ihn nicht einmal seine Gegner. Auch wenn er sie in Verhandlungen schon mal brüskiert, in dem er Gesprächsrunden mit barschen Worten vorzeitig abbricht, wenn er das Gefühl hat, die Gegenseite ?eiert herum?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zukunftsfähigkeit der Standorte steht auf dem Spiel?Es gehört zu seinen wichtigsten Aufgaben dieses Mal, gut zu trompeten, obwohl die Schlacht nicht gewonnen werden kann?, sagt einer aus der Gewerkschaftsszene. Meine ahnt, was auf ihn zukommt, er braucht Kondition, denn er weiß, dass es dieses Mal um mehr geht ?als ein paar Prozent?.Der Tarifprofi, der sich genau auf die Verhandlungen vorbereitet, hält sich mit Laufen fit, joggt jeden Sonntag um die zehn Kilometer und misst seine Leistung jährlich beim ?Hannover-Halbmarathon?. Wie ein guter Sportler lotet er vor jedem Kampf seine Chancen aus und greift nur dann an, wenn er glaubt, punkten zu können. Bei VW steht eine große Mannschaft hinter ihm. Gut 97 Prozent der Beschäftigten sind organisiert ? ein Spitzenwert. Dennoch gab es bei Europas größtem Autobauer noch nie einen richtigen Streik.Dieses Mal wird es härter als in den Vorjahren. Es geht um die Zukunftsfähigkeit der Standorte. Das weiß auch Meine nur zu gut. Und der sportliche schlanke Mann mit dem hohen Haaransatz und der dünnrandigen Brille weiß auch, dass die Gegenseite auf Härte setzt: ?Nullrunde?, hat sich Meines Widerpart, VW-Personalvorstand Peter Hartz, bereits in Position gebracht.Wenn sich am Mittwoch nach der ersten Runde die Türen zum Verhandlungsraum öffnen, wird Meine nicht versuchen, die Anspannung zu verbergen. Er nimmt den Job bierernst. Doch der Kommunikationsprofi ? das Kompliment kommt von der Gegenseite ? wird seinem Auftrag im Sinne der IG Metall gerecht werden. Er wird gar nicht erst versuchen, in der Öffentlichkeit die schwierige Verhandlungsmaterie vollends zu erklären. Stattdessen setzt er in der ersten Phase der Auseinandersetzung auf simple Sätze: ?Die VW-Forderungen sind überzogen, unrealistisch und unausgewogen.? ?Solange VW den Aktionären eine Dividende zahlen kann, haben auch die Beschäftigten Anspruch auf Teilhabe an den Gewinnen.? So einfach ist die Welt des Arbeitskämpfers Meine.Die Welt des Verhandlungsführers Meine ist komplizierter: Hart in der Sache, aber mit beiden Beinen in der Realität. Er hat bei der Expo den ersten Tarifvertrag für Leiharbeiter durchgesetzt, und er hat das VW- Modell 5 000 x 5 000 durchverhandelt, der erste Ausstieg aus dem VW-Haustarif. Er wird auch dieses Mal wieder nach dem Ende der Verhandlungen das Positive für die Gewerkschaft herausstellen. Erst wenn er es geschafft hat, das Ergebnis zu verkaufen, kommt die Krawatte wieder in den Schrank. Dann ist er wieder Privatmann ? einer, der gerne reist, gerne liest, ins Kino geht und mit spitzer und zuweilen zynischer Zunge sein Umfeld kommentiert.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hartmut Meine1952 kommt er in Hildesheim zur Welt.1970 macht er Abitur in Münster.1976 schließt er sein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der Technischen Hochschule Karlsruhe ab.1976 wird er Fertigungsplaner bei Telefunken in Hannover und tritt in die IG Metall ein.1981 wird er pädagogischer Mitarbeiter am IG-Metall-Bildungszentrum Sprockhövel, seine Schwerpunkte sind tarifpolitische Seminare.1988 wird er Sekretär in der Abteilung Tarifpolitik beim Vorstand der IG Metall.1991 steigt er zum Bezirkssekretär der Bezirksleitung Hannover auf, später zum Leiter der IG Metall in Niedersachsen.2001 handelt er den Tarifvertrag 5 000 x 5 000 bei VW mit aus.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.09.2004