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Die Zugmaschine

Von Eberhard Krummheuer
Lokomotiven aus dem Baukasten ? das ist das Erfolgsgeheimnis des Bombardier-Werks in Kassel. Die Basis schuf Edmund Schlummer, ein emsiger Werkschef und visionärer Ingenieur. Wie Wirtschaft funktioniert, hat Edmund Schlummer während des Studiums gelernt. Nein, nicht in den Vorlesungen und Seminaren an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, wo er Elektrotechnik studierte. Weiter gebracht hat ihn der Investmentclub, in den er zufällig geriet: Zum Spaß und zum Lebensunterhalt investierten dort junge Leute an der Börse.
KASSEL. Wie Wirtschaft funktioniert, hat Edmund Schlummer während des Studiums gelernt. Nein, nicht in den Vorlesungen und Seminaren an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, wo er Elektrotechnik studierte. Weiter gebracht hat ihn der Investmentclub, in den er zufällig geriet: Zum Spaß und zum Lebensunterhalt investierten dort junge Leute an der Börse.?Morgens um zehn konnte jede noch so wichtige Vorlesung laufen ? da mussten wir zum Börsenticker, um die Eröffnung an der Frankfurter Börse mitzubekommen?, erinnert sich der 46-jährige Diplom-Ingenieur. Und auch daran: ?Wir sind nicht reich geworden, aber wir haben gelernt.?

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Inzwischen hat er sich an große Zahlen gewöhnt. Der kräftige, ein wenig kantig wirkende Mann mit dem festen Händedruck ist Chef des Werks von Bombardier Transportation in Kassel. Die traditionsreiche Lokomotiv-Fertigung in Kassel, die in mehr als eineinhalb Jahrhunderten über 30 000 Maschinen baute, boomt wie nie zuvor. Sie schraubte ihren Umsatz im letzten Jahr auf eine nie zuvor erreichte Euro-Milliarde ? und sie erwartet einen weiter wachsenden Auftragseingang.Lokomotivbau: Das klingt noch nach Ruß und Rauch, nach ölverschmierten Produktionsstätten. In der ehemaligen Kasseler Schmiede entstehen High-Tech-Produkte ? hochmoderne, leistungsstarke Elektrolokomotiven für den Güterverkehr und Triebköpfe für Hochgeschwindigkeitszüge für den gesamten europäischen Markt. Zu den Konkurrenten gehören Siemens und der französische Alstom-Konzern.Made in Germany im besten Sinne, beschreibt Schlummer, der in der internationalen Konzernsprache ?President Locomotives? ist. In seiner schnörkellosen und nüchternen Art, die in der von Ingenieuren dominierten Bahntechnik-Branche immer noch prägend ist, schwingt schon fast Euphorie mit: ?Im Lokomotivbau ist noch richtig Wertschöpfung für Deutschland drin.? Und das Ende der Fahnenstange sei noch lange nicht erreicht. Das weltweite Bestellvolumen für Streckenlokomotiven ? im Gegensatz zu den kleineren Rangierlokomotiven ? wird in der Branche auf über fünf Milliarden Euro im Jahr geschätzt.Das Erfolgsgeheimnis des Werkes verbirgt sich hinter dem Kunstwort ?Traxx?. Unter dieser Marke verkauft Bombardier weltweit Lokomotiven gewissermaßen aus dem Baukasten. Die Lokomotivbauer haben eine ?Plattform? entwickelt, die heute Grundlage für nahezu jede Lok-Bestellung ist ? ob schwere Güterzugmaschine oder Hochgeschwindigkeitsrenner, mit jedem gewünschten Strom- oder Signalsystem.An der langjährigen Entwicklungsarbeit für dieses Konzept war Schlummer in etlichen Stationen beteiligt ? auch als an den Werkstoren zunächst noch ABB Henschel und später Adtranz als Firmennamen gestanden hatten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mitarbeiter stöhnen schon malZunächst mit der elektrischen Antriebstechnologie befasst, bekam er dann die Chance, ?mal ein ganzes Fahrzeug zu machen?. Natürlich nicht allein: Er sei ein ?ausgeprägter Teamworker?, betont er. Allerdings ein sehr dominanter, ehrgeiziger und ungeduldiger, stöhnen Mitarbeiter schon mal. Gleichwohl bescheinigt ihm Betriebsratschef Rolf Schäffer: Schlummer sei ?keiner, der über den Dingen schwebt? ? ein kompetenter, karrierebewusster Gesprächspartner, ?der ein offenes Ohr für die Belange der Arbeitnehmer hat und sich für sie Zeit nimmt?.Die hohe Standardisierung der Traxx-Plattform rationalisiert das Lok-Geschäft konsequent durch. Viele Teile sind in unterschiedlichen Baureihen völlig gleich. Das spart beim Werkseinkauf ebenso wie in der Produktion und auch bei den Bahnunternehmen, die dadurch weniger Ersatzteile vorhalten müssen.Edmund Schlummer hat einen Traum: ?Ich möchte, dass der Lokführer in den Führerstand geht und feststellt: Das ist eine Traxx ? so, wie ein Pilot sich im Airbus jeden Typs vertraut fühlen kann.? Neuerdings ist die Plattform auch Basis für Dieselloks. Im Sommer sollen die ersten elf für die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen aus dem Werk rollen. Schlummer: ?E-Loks und Dieselloks von einer Plattform ? da haben wir ein Alleinstellungsmerkmal im Markt.?Elektrotechnik reizte Schlummer früh. Geboren im westfälischen Hamm, verließ er mit der mittleren Reife die Schule: ?Ich wollte meinen Eltern nicht länger auf der Tasche liegen.? Bei Dupont wurde er Facharbeiter für Elektrotechnik und holte auf dem Abendgymnasium das Abitur nach, um zu studieren. Als junger Ingenieur startete er dort, wo er heute ist ? in Kassel.Nach diversen Karriereschritten im In- und Ausland, die ihn auch ins Beratungs- und ins internationale Vertriebsgeschäft führten, kehrte Schlummer 2002 zu den Lokomotivbauern nach Kassel zurück, zunächst als zweiter Mann unter dem heutigen Bombardier-Vorstand Wolfgang Tölsner. Als sein Mentor 2003 in die Berliner Konzernzentrale wechselte, öffnete sich der Weg ins schlichte, schmucklose Chefbüro für Schlummer praktisch von alleine.Es ist ein weithin papierloser Arbeitsplatz ohne die branchentypische Vitrine mit Lok-Modellen: Schlummer arbeitet mit dem Notebook und lebt aus dem Koffer. ?Drei bis vier Nächte pro Woche in fremden Betten?, das sei der Durchschnitt. Als ?oberster Vertriebsmanager? sieht er sich. Der Markt ist nicht einfach, denn so eine Traxx-Maschine kostet zwischen drei und fünf Millionen Euro ? viel Geld für das vom Wettbewerbsdruck und hoher Kapitalintensität geprägte Geschäft der Bahnen.Privatleben? Ja, die Familie weiß, dass er nur am Wochenende da ist und dann gerne im hessischen Bergland wandert, wenn er nicht ?leidenschaftlich? liest. Doch auch dann ist das Notebook nie ganz fern.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.08.2006