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Die Zeit-Arbeiterin

Von Martin Buchenau, Handelsblatt
Ingrid Hofmann verwirklicht in Oberfranken den amerikanischen Traum: vom Vorzimmer auf den Chefsessel. Im vergangenen Jahr erhielt sie dafür die Auszeichnung ?Unternehmerin des Jahres?.
NÜRNBERG. ?Maatwerk, das hat mich gar nicht überrascht?, sagt sie. Wenn die Bundesagentur den billigsten Anbieter beauftrage und eine Personal-Service-Agentur wähle, die sich im Markt nicht auskenne, dann sei das Scheitern programmiert.Ginge es nach der 49 Jahre alten Oberfränkin aus dem kleinen Ort Hiltpoltstein 30 Kilometer nördlich von Nürnberg, dann sollten Personal-Service-Agenturen ? wenn überhaupt ? von Unternehmen betrieben werden, die schon im Markt sind. Dabei spricht Sie natürlich pro domo.

Die besten Jobs von allen

Am wirkungsvollsten wäre es aus ihrer Sicht, wenn die Bundesagentur ihre Daten den Zeitarbeitsfirmen zugänglich machen würde. ?Das wäre die effektivste Form der Arbeitsvermittlung. Über die Modalitäten ließe sich ja reden?, sagt die Selfmade-Unternehmerin, die sich in 30 Jahren von der einfachen Sekretärin bis zur Chefin der eigenen Zeitarbeitsfirma mit über 4 000 Beschäftigten und 100 Millionen Euro Umsatz nach oben gearbeitet hat. Im vergangenen Jahr erhielt sie dafür die Auszeichnung ?Unternehmerin des Jahres?. Über den von dem Champagner-Hersteller Veuve Clicquot verliehenen und angesehenen Preis freut sie sich noch heute: ?Ich habe viel gute Publicity bekommen.??Ich will arbeiten, bis ich 84 Jahre alt bin?, sagt Ingrid Hofmann von sich. Ungläubige Blicke daraufhin kontert sie schnell und direkt: ?Warum nicht?? lächelt sie routiniert und kennt die Wirkung ihrer Mimik ganz genau. Den Konter hatte sie vorher schon einstudiert. Sie lässt sich nur ungern überraschen, wie es bei Menschen, die sich alles selbst erarbeitet haben, häufig vorkommt.Ihre Ausbildung zur Kauffrau machte sie als 16-Jährige bei einem Nürnberger Blumenimporteur. Eigentlich wollte sie Orchideenzüchterin in Südafrika werden, aber wegen der Apartheid nahm sie von ihrem Jugendtraum Abstand. An der Abendschule büffelte sie stattdessen Personalwesen und ließ sich zur Wirtschaftskorrespondentin Englisch ausbilden. In den frühen 70er-Jahren jobbte sie als Sachbearbeiterin und Sekretärin. Dann arbeitete Hofmann in diversen Zeitarbeitsfirmen, hier entdeckte sie ihren Unternehmergeist. Mit 31 Jahren gründete sie 1985 ihre eigene Zeitarbeitsfirma. In 19 Jahren wurde daraus eine der größten konzernunabhängigen Zeitarbeitsfirmen in Deutschland.Heute sagt sie: ?Ich habe einen Traumberuf, alles, was ich je gelernt habe, kann ich in meinem Unternehmen umsetzen.? Vorwürfe, Zeitarbeitsfirmen würden ihre Beschäftigten durch Zahlung geringer Löhne ausbeuten, lässt Ingrid Hofmann nicht gelten. ?Wir tragen alle Lohnnebenkosten, Urlaub und Krankheit inbegriffen.? Bei der Arbeitsvermittlung komme es auf Qualität an, und die habe ihren Preis. Bei Hofmann kümmert sich eine Disponentin um 25 Arbeitssuchende. Bei der Bundesagentur kämen auf eine Sachbearbeiterin 800 Arbeitslose. ?Das kann nicht funktionieren?, kann sie sich einen Seitenhieb nach Nürnberg nicht verkneifen.Sie weiß genau, dass sie bei einer Umsatzrendite von zwei Prozent kein Wohlfahrtsunternehmen sein kann, aber hinter der Geschäftsfrau blitzt doch missionarischer Eifer auf. ?Ich habe fast eine Sucht, Menschen in Brot und Arbeit zu bringen?, betont sie. Da schwingt das Pathos des Selfmade-Unternehmers mit, vielleicht klingen so pathetische Sätze aus ihrem Mund auch deshalb glaubwürdig.Im Osten, erzählt sie, habe sie ?viel Herzblut? gelassen. Zufällig war sie während einer Urlaubsreise Augenzeuge, als bei den Demonstrationen am Dresdener Bahnhof im Herbst 1989 die Panzer der Volksarmee in Stellung gingen. Als einer der Ersten gründete sie Zeitarbeitsfirmen im Osten. Bei einer Welle von Firmenzusammenbrüchen im Jahr 1995 verlor sie viel Geld, weil die Kunden nicht mehr zahlen konnten. Dennoch hielt sie durch. In 20 Niederlassungen beschäftigt sie in Ostdeutschland heute gut 1 000 Mitarbeiter. ?Da haben immerhin 1 000 Familien ein Einkommen?, ist die Mutter einer 14-jährigen Tochter stolz.Ingrid Hofmann hat einen warmen und ruhigen Tonfall. Manchmal wirken ihre Worte etwas zurechtgelegt. ?Sie vertritt keine Extremhaltungen und wägt alles ab, auch wenn das manchmal länger dauert?, sagt eine Mitarbeiterin. Vor großen Kundenpräsentationen sei sie auch heute noch etwas nervös.Doch unterschätzen dürfe man diese Frau keinesfalls, heißt es. Im Unternehmen gilt sie als Arbeitstier. ?Unglaublich zäh ? sie kommt mit vier Stunden Schlaf aus?, versichert ein Mitarbeiter. Auch sei es vorgekommen, dass sie eine Handverletzung vom Skilanglauf im Engadin so lange unterschätzte, bis der Arzt zuletzt einen komplizierten Bruch diagnostizierte.Ingrid Hofmann hat sich daran gewöhnt, der Chef zu sein. Auch ihr Mann arbeitet im Unternehmen, leitet den Einkauf. Sie kann privat und Geschäft nach eigener Einschätzung aber gut trennen. Nur für ihre Tochter ist sie zu jeder Tageszeit erreichbar. Wenn sie abschalten will, dann gönnt sie sich einen kleinen Luxus: Sie fährt an lauen Sommerabenden mit ihrem Mercedes SLK auf den kurvenreichen Landstraßen durch die fränkische Schweiz.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.03.2004