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"Die wirtschaftlichen Interessen im Sport werden in Zukunft zunehmen"

Interview: Marc Winkelmann
Zwischen kurzfristigen Trends und langfristigen Strategien: Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer über die Vorzüge eines BWL-Studiums, seine Arbeit beim Hamburger SV und warum Fußballvereine Absolventen suchen.
Herr Beiersdorfer, Sie sind beim HSV das Bindeglied zwischen der Mannschaft und der Geschäftsführung. Ihr BWL-Studium haben Sie bereits vor Ihrer Zeit als Profifußballer begonnen. Warum? BWL hat mir einfach die größten Möglichkeiten geboten. Früher, in den Ferien, habe ich regelmäßig bei Adidas gearbeitet und festgestellt, dass ich auf wirtschaftlicher Ebene mit Sport zu tun haben will. Nur waren die wirklich interessanten Positionen an Mitarbeiter vergeben, die studiert hatten.

Die besten Jobs von allen

Trotzdem sind Sie erst mal Profi geworden. Ich war gerade im dritten oder vierten Semester, als mir der HSV einen Einjahresvertrag anbot. Ich spielte damals in Fürth. Das musste ich einfach versuchen. Es fiel mir ehrlich gesagt auch nicht schwer, das Studium abzubrechen. In Hamburg fehlte mir dann die Zeit, regelmäßig zur Uni zu gehen.Sie haben Ihre Karriere 1998 beendet. Wie ging es danach weiter?Ich bekam mehrere Angebote und hätte etwa als Spielerberater einsteigen können. Das sagte mir aber nicht zu. Also habe ich meine alten Scheine reaktiviert, auch den in Buchführung, der noch in Nürnberg im Keller lag, und bin zurück an die Uni.Später haben Sie bei den Wirtschaftsprüfern KPMG gearbeitet. Was haben Sie dort gemacht?KPMG wollte sportnahe Unternehmen beraten und suchte die Erfahrung eines ehemaligen Profisportlers. Also sprach mich ein Mitarbeiter an, und während meines Studiums habe ich dann unter anderem beim HSV und bei St. Pauli geprüft. Ich musste zum Beispiel das Anlagevermögen bewerten und einschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit der Zahlung von Erfolgsprämien an die Spieler ist. Die Vereine müssen dafür Rückstellungen bilden.Sie sind inzwischen seit sechs Jahren Sportdirektor. Was gehört alles zu Ihren Aufgaben?Die Aufgaben sind sehr umfangreich. Ich bin verantwortlich für die gesamte Abteilung Bundesligafußball beim HSV, kümmere mich um den Nachwuchs und das Scouting neuer Spieler, und in Absprache mit dem Vorstand handele ich die Verträge mit den Spielern aus.Der Fußball ist gerade bei Spitzenteams mit sehr vielen Spielen stark von kurzfristigen Stimmungen und Trends geprägt. Was tun Sie, um mittel- und langfristig zu planen?In meinem Stab sind Leute, die sich ausschließlich um solche Fragen kümmern. Bei einem unserer letzten Projekte wollten wir zum Beispiel klären, ob es Sinn macht, in Afrika ein eigenes Scouting-System aufzubauen, ob wir Kooperationen mit dortigen Vereinen eingehen oder uns in einer Fußballschule engagieren sollten. Solche Projekte bringen Spaß, weil sie nichts mit dem Tagesgeschäft zu tun haben, aber trotzdem wegweisend für die kommenden Jahre sein können.1992 musste der HSV Sie aus finanziellen Gründen verkaufen. Inzwischen fällen Sie solche Entscheidungen. Wie schwer fällt das?Das kann ich nicht ganz abstreifen, schließlich kann ich mich noch gut in die Spieler hineinversetzen. Aber die Zeit bleibt nicht stehen, und deshalb ist es wichtig, Entscheidungen zu treffen und sich auch mal von Spielern zu trennen.Die Kommerzialisierung im Sport ist weit vorangeschritten. Wird die Wirtschaft in Zukunft eine noch größere Rolle spielen?Ja, ich denke schon, dass die wirtschaftlichen Interessen in Zukunft eher zu- als abnehmen. Viele Firmen und Unternehmen wollen die Leidenschaft, die Atmosphäre und die Identifikation des Sports für ihre Interessen nutzen. Und es gibt bereits von mehreren Seiten Bestrebungen, die 50+1-Regelung zu enthebeln, was hieße, dass die Vereine nicht mehr über 50 Prozent und eine Stimme, also die Mehrheit, verfügen würden. Daraus folgt: Wer wettbewerbsfähig bleiben will, muss Mitarbeiter einstellen, die das entsprechende Know-how mitbringen. Wie groß sind die Chancen für Absolventen, bei einem Verein wie dem HSV zu arbeiten?Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Absolventen, die das entsprechende Wissen und die Leidenschaft für den Sport mitbringen, bei Sportvereinen eine relativ gute Chance haben, eingestellt zu werden. Auch wir übernehmen häufig Leute, die wir über die praktische Erfahrung oder eine freie Mitarbeit im Verein kennen- und schätzen gelernt haben.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.05.2008