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Die Wahrhaftige

Von Andreas Kötter
Wenn Anne Will ins Plaudern kommt, dann denkt sie über Dinge nach, die auch den Fernsehzuschauern auffallen.
Die Frau, die in ihrem Büro im Fernsehhaus des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg-Lokstedt so entspannt dasitzt, unterliegt selbst diesen Mechanismen der Medien-Gesellschaft. Aber: Mit ?eins zu eins? ist Anne Will ganz sicher nicht zu beschreiben.Die Moderatorin der ARD-Tagesthemen, die ein Kollege mal als die ?Mona Lisa des deutschen Journalismus? bezeichnet hat, gilt gemeinhin als von kühler, unnahbarer Strenge.

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Und kürzlich, am Wahlabend, wirkte sie dank der zweifelhaften Bemühungen der Maskenbildner tatsächlich etwas maskenhaft und sogar ein wenig verloren neben der mächtigen Erscheinung ihres ARD-Kollegen Thomas Roth.?Die meisten Menschen stellen sich mich wohl größer vor?, sagt die 1,69 Meter große Moderatorin, die an diesem Nachmittag entspannt und im tatsächlichen, wie im übertragenen Sinne ungeschminkt und wohl auch deshalb ? noch ? attraktiver wirkt als auf dem Bildschirm.?Natürlich laufe ich in Wirklichkeit nicht so herum wie im Fernsehen, bin viel weniger geschminkt und nicht so frisiert?, sagt sie.Grundsätzlich spricht sie aber ihr Äußeres nicht so gern an. Denn ?männliche Kollegen werden danach schließlich auch nicht gefragt?, erklärt sie.
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Und tatsächlich hat Anne Wills Wirkung auf dem Bildschirm weniger mit ihrem Teint zu tun denn mit so etwas kaum Greifbarem wie Wahrhaftigkeit. Sie besitzt offensichtlich das Audrey-Hepburn-Gen, diese Form von makelloser Schönheit, die ohne Reinheit des Geistes kaum möglich scheint.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Die ?Tagesthemen? und Will, das scheint eine perfekte Mischung.Die ?Tagesthemen? und Will, das scheint eine perfekte Mischung. Reine Form kommt hier zu reiner Form, und die 39-Jährige ahnt das auch. ?Es gibt nur ganz wenige Sendungen im deutschen Fernsehen wie die Tagesthemen, für die man sich nie entschuldigen muss. Wenn es um die Dinge geht, die die Menschen wirklich betreffen, dann schalten sie die ARD ein?, sagt sie. Die Zuschauer vertrauen eben der Sendung und Anne Will. Nicht zuletzt, weil die zierliche Frau auch einem zeitweiligen Macho wie Gerhard Schröder schon mal zeigt, wo?s langgeht.Den befragte sie kürzlich per Liveschaltung nach Washington zu Innenpolitischem. Entgegen einem unausgesprochenen Gentleman?s Agreement, das Politikern auf Auslandsreisen zugesteht, sich nur zu Außenpolitischem zu äußern. ?Dieses Agreement aber hat er selbst schon gebrochen?, sagt die gebürtige Kölnerin. ?Aus Saudi-Arabien hat er mal die Arbeitslosenzahlen kommentiert. Außerdem hatte er, Tage bevor ich das Interview mit ihm führte, gesagt, dass wir nach der Neuwahl-Ankündigung in einer politischen Ausnahmesituation seien.? Sichtlich aus der Fassung gebracht war jedenfalls die sonst so selbstsichere SPD-Ikone.Will hatte mit Schröder einige Wochen zuvor schon einmal ein längeres Interview geführt, für ihre Radiosendung ?Zwischentöne?. ?Es ist schon beeindruckend, wie er über sein Tun reflektiert, auch wie charmant er das erzählen kann?, sagt Anne Will. Sie spricht aber gleichzeitig auch einen heiklen Punkt an. ?Neutralität ist nicht immer leicht, aber unbedingte Pflicht.? Insbesondere in politisch aufgeregten Wahlzeiten wie diesen.?Natürlich habe ich eine politische Haltung und eine klare Meinung zu den Dingen. Die Zuschauer darf ich damit aber nicht belasten. Ich habe vor der Kamera überparteilich zu sein, sonst verwirke ich auch den Anspruch der Tagesthemen.?Seit vier Jahre moderiert die ehemalige ?Sportschau?-Moderatorin nun schon im Wechsel mit ihrem Kollegen Ulrich Wickert die ?Tagesthemen?. Und zwangsläufig hat sich so etwas eingestellt wie eine Gewöhnung an Elend, Leid und Tod. ?Der Zuschauer darf erwarten, dass wir ruhig bleiben.? Sie fügt hinzu: ?Nach dem 11. September 2001 hat man mir geschrieben: ,Danke für Ihre Ruhe.? Spätestens da habe ich verstanden, dass es auch darum geht in aufgeregten Zeiten und sicher nicht darum: ,Wie fühlt sich Anne Will??? Und sie verweist darauf, dass auch der Moderator im Studio dem Zuschauer immer nur ?eine gebrochene Wahrnehmung? anbieten kann. Nachrichten bieten halt immer nur einen bestimmten Ausschnitt aus der Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Vielleicht ist das auch der Grund, warum Anne Will deshalb kürzlich erstmals in Afrika gewesen ist.Vielleicht ist das auch der Grund, warum Anne Will deshalb kürzlich erstmals in Afrika gewesen ist, im Sudan, als Botschafterin von ?Gemeinsam für Afrika?. ?Natürlich ist es etwas anderes, wenn man erstmals einen Lepra-Kranken anfasst oder in einer Tuberkulose-Klinik sieht, wie Menschen sterben. Das ist dann die andere Seite der Welt, die wir jeden Abend in den Tagesthemen zu erklären versuchen und die ich zum Teil auch nur von fern oder über den Fernseher kenne?, sagt sie. Sie erklärt, ?noch einmal neu nachgedacht zu haben über die Begrenztheit unseres Mediums?.Vielleicht hat sie auch deshalb das Radio einmal als ?schöneres Medium? bezeichnet ? weil es die Phantasie mehr anregt als das Fernsehen und vielleicht auch, weil sie, die für viele immer nur die schöne Nachrichtenfrau ist, hier hinter ihrer Stimme verschwinden kann. ?Kaum einer gibt sich vor der Kamera so, wie er wirklich ist?, sagt sie.
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Und ist wahrscheinlich sogar froh darüber. Denn wie Anne Will wirklich ist, das bleibt ihr Geheimnis. ?Ich versuche, mich zu schützen, so gut es geht?, sagt sie und tatsächlich ist es ihr ? dank ihrer Konsequenz ? bis dato gelungen, dass das Thema ?Anne Will? in der Boulevardpresse nicht stattfindet. Ganz im Gegensatz etwa zu ihrer Fernsehkollegin ?Sabine Christiansen?.?Wer ein Interview mit mir führen möchte, dem sage ich: ,Sie kommen zu mir wegen der Tagesthemen, also sprechen wir über die Tagesthemen??, lautet ihre Maxime. ?Würde ich an der Käsetheke arbeiten, würden Sie sich schließlich auch nicht für mich interessieren.?Da allerdings irrt sie sich denn doch. Ob Käsetheke im Supermarkt oder Moderatorenpult in der ARD, ob Anne will oder nicht: Anne Will würde wohl selbst noch zwischen Gouda und Emmentaler faszinieren.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.10.2005