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Die unsichtbare Hand der BASF

Von Martion Noe, Handelsblatt
Jürgen Hambrecht wirkt unscheinbar. Aber im Chef des weltgrößten Chemiekonzerns kocht es. Er muss mehr Risiken eingehen, als ihm lieb ist ? Porträt eines Getriebenen.
LUDWIGSHAFEN. Wer steht denn da am Rand, gleich neben der Tür? Beide Hände in den Hosentaschen des abteilungsleitergrauen Anzugs. Um ihn herum wuselt der BASF-Nachwuchs: Akademiker, zwei Jahre in der Firma, Teil des weltweiten Führungsnachwuchses. Es ist gleich acht Uhr morgens. Draußen streifen die ersten Sonnenstrahlen die gewaltigen Chemie-Anlagen des Ludwigshafener Werkes. Noch schnell einen Kaffee trinken, gleich geht?s los. Der neue Vorstandsvorsitzende wird sprechen, Chef der weltgrößten Chemiefirma und damit von 89 000 Mitarbeitern, Herr über mehr als 32 Milliarden Euro Umsatz. Jürgen Hambrecht heißt er.Aber wo bleibt er denn? Oder ist es etwa der Mann mit dem grauen Anzug und den grauen Haaren am Eingang?

Die besten Jobs von allen

Fünf Minuten später haben sich 120 junge BASF-Lohnabhängige auf die Stühle des Konferenzzentrums verteilt. Vor ihnen, fast auf Augenhöhe, sitzt der Mann vom Eingang jetzt auf der Tischkante neben dem Overhead-Projektor: Jürgen Hambrecht, 57, seit Mai Vorstandsvorsitzender. Er sagt: ?Die Zukunft der BASF sind Sie, ganz einfach.? Er sagt es auf Englisch, mit hartem schwäbischen Akzent. Dazu gestikuliert er mit schnellen Bewegungen, fast so schnell wie seine blauen Augen, die hinter der randlosen Brille hin und her huschen.Jürgen Hambrecht ist ein ehrlicher Mann. Aber eben hat er nicht ganz die Wahrheit gesagt. Denn er ist die Gegenwart der BASF, und macht er jetzt etwas falsch, werden sich viele vor ihm im Saal ihre beruflich Zukunft irgendwo anders suchen müssen. ?Es kann sein, dass Ihr Job in dieser Form in fünf Jahren nicht mehr existiert?, warnt er.Die BASF, der letzte große deutsche Chemieriese, stapft ins Morgen, und es ist jener unauffällige, eher kleine und hagere, zähe Mann, der ihn nach vorn treibt. Kaum einer außerhalb des Unternehmens hatte ihn auf der Rechnung, als es um die Nachfolge Jürgen Strubes ging. Noch immer ist Hambrecht manchen in der BASF so wenig vertraut, dass sie sich zu ihm an den Tisch in der Kantine des Hochhauses in Ludwigshafen setzen und erst dann gewahr werden, wer da neben ihnen sein Mittagessen verspeist.Er ist gewissermaßen die unsichtbare Hand, die die BASF führt. Aber er führt, auch wenn der politisch versierte stellvertretende Vorstandschef Eggert Voscherau gerade in Berlin und rund um den Standort Ludwigshafen präsenter wirkt. ?Die Arbeitsteilung funktioniert?, attestiert ein Aufsichtsratsmitglied.Gestern hat Hambrecht vor der Presse erklärt, wie er sich die Zukunft vorstellt. Sie verdichtet sich in einem neuen Logo und einer Zusatzinformation. Der Name BASF dominiert das Logo, darunter die Zeile ?The Chemical Company?. Das ist keine Überraschung, aber spätestens seit Bayers angekündigtem Ausstieg aus der Chemie ein Bekenntnis. Oder wie der BASF-Betriebsratsvorsitzende Robert Oswald sagt: ?Wir stehen jetzt ziemlich einsam in der Landschaft.? Die Zusatzinformation besteht darin, dass es heute 70 Millionen ernsthaft konsumierende Chinesen gibt und dass es im Jahr 2015 rund 700 Millionen sein werden, also zehnmal so viele wie in Deutschland und mehr als zweimal so viele wie in den USA.Das heißt schlicht, dass künftig ein immer größerer Teil der Investitionen ? derzeit rund zwei Milliarden Euro jährlich ? nach China fließen wird. ?Das Wachstum der Chemieindustrie wird künftig vor allem in Asien, insbesondere in China, stattfinden?, sagt Hambrecht. Er sagt es so bestimmt, als handele es sich um eine chemische Formel. Dabei ist es Politik. Deshalb setzt er auf Einparteienherrschaft statt Demokratie. ?Erforderlich ist aus meiner Sicht, dass die Planwirtschaft in China für eine gewisse Zeit erhalten bleibt, um einen Wandel ohne größere Brüche zu ermöglichen.?Er geht ein hohes Risiko ein, getrieben von den Finanz- und Absatzmärkten. Er tut es wie jeder Unternehmensführer. Und doch ist es für die BASF mit ihrer 138-jährigen Geschichte etwas Besonderes. Denn nirgendwo außer vielleicht in Fort Knox dominiert das Sicherheitsdenken so wie dort.?Nie würde er alles auf eine Karte setzen?, schrieb das ?Manager Magazin? über Hambrechts Vorgänger Strube, als es ihn 2002 zum ?Manager des Jahres? kürte. Der Zwang, sich abzusichern, zeigt sich in fast jedem Detail. Kaum eine Treppe auf dem Ludwigshafener Werksgelände kommt ohne die Ermahnung an den Treppengänger aus: ?Handlauf benutzen!? Radfahrer müssen einen Fahrradhelm tragen, ansonsten setzt es ein Bußgeld.In dieser Unternehmenskultur ist Jürgen Hambrecht groß geworden, mit ihren strengen Hierarchien, mit ihrem ausgefeilten Berichtswesen, mit der Übung, dass Journalisten, bevor sie mit Hambrecht sprechen dürfen, einen Lebenslauf von sich abzugeben haben. Damit er weiß, wen er vor sich hat.Im Frühling hat die BASF-Spitze unter seiner Führung ihr Konzept erarbeitet. Dazu gehört die Asien-Strategie genauso wie das Ziel, die Kapitalrendite vor Steuern von zuletzt 9,4 Prozent im Jahr 2002 auf elf Prozent zu steigern. Dazu dienen Sparprogramme, in Ludwigshafen, vor allem aber in den USA, wo die Rentabilität des Konzerns nahe null liegt. ?Da geht er relativ radikal ran?, sagt ein Aufsichtsrat mit Blick auf Nordamerika und attestiert dem neuen Chef, dass er sich von seinem Vorgänger und jetzigen Aufsichtsratschef ?freischwimmt?.?Zupackend? sei Hambrecht, heißt es anerkennend, auch wenn es organisatorisch oder personell wenig herausragende Änderungen gibt. ?Organisationen sind Lebewesen, die sich weiterentwickeln?, sagt er dazu und sucht einen Vergleich aus der Biologie: ?Eine gute Struktur muss wie eine Amöbe sein, die sich verschiedenen Lebensbedingungen anpasst.?Seit 1976 arbeitet der promovierte Chemiker für die BASF. Er hat im Kunststofflabor geforscht, das nur wenige Schritte neben seinem heutigen Vorstandsbüro steht. Noch immer ist er stolz darauf, dass er selbst für Patente und Produkte gesorgt hat. Später hat er den Forschungsbereich für Farben und Lacke geleitet, dann ging er Mitte der 90er-Jahre nach Hongkong und verantwortete das Asiengeschäft. Dort machte er sich einen Namen als ?Mr. Verbund?. Keiner beherrscht besser die Technik, verschiedene Chemie-Anlagen an einem Ort zu konzentrieren, so dass die eine den Abfall der anderen als Rohstoff für ein neues Produkt nutzt. Das ist die Stärke der BASF, nur deshalb bringt ein Standort mit hohen Lohnkosten wie Ludwigshafen solide Gewinne.Ab 2005 soll eine Drei- Milliarden-Investition im südchinesischen Nanjing anlaufen. Hambrecht hat früh erkannt, welch große Chancen China bietet. Der ehemalige deutsche Botschafter in Peking, Konrad Seitz, sagt, er sei ?ein Anhänger und Bewunderer? Hambrechts. Nie habe er, abgesehen von Ex-Krupp-Chef Gerhard Cromme, einen so guten deutschen Manager kennen gelernt. Mit Hambrecht und dem damaligen Premier Zhu Rongji ?trafen sich zwei Leute, die ideal zusammenpassten, weil jeder zur Sache redete?, hat Seitz beobachtet. Beide hätten ?eine ungeheure Detailkenntnis? gehabt.?Einen extrem hart arbeitenden Manager? nennt ihn Jörg Wuttke, der BASF-Generalbevollmächtigte in Peking, der ihn lange in Asien erlebt hat. An der Arbeitsweise hat sich auch in Ludwigshafen nichts geändert. Morgens um sieben Uhr fängt Hambrecht an ? übrigens in einem Vorstandsbüro, kaum ein Drittel so groß wie das von Post-Chef Klaus Zumwinkel (?Ich brauche nicht mehr Platz?). Am Abend lässt er sich in sein Haus in Neustadt an der Weinstraße fahren. Und am Wochenende nimmt er sich Mappen mit und bombardiert enge Mitarbeiter regelmäßig mit Faxen, die er handschriftlich mit Anmerkungen zu Vorlagen versehen hat.Der Mann ist ein Getriebener. In der Chemie muss man sehr früh Investitionsentscheidungen treffen, weil der Bau eines Verbundwerkes sieben, acht Jahre dauert. ?2015 ist für uns übermorgen?, sagt er.Und was sind die Entscheidungsgrundlagen? ?Zuerst kommen die Zahlen. Aber die Antwort auf die Frage: Wo sind meine Kunden von morgen? erfahren Sie nicht aus den Zahlen. Da müssen Sie auch auf Ihr Gefühl vertrauen?, erklärt er dem Führungsnachwuchs. So etwas sagt er nicht bedächtig, mit der analytischen Strenge seines Vorgängers. Hambrecht reißt bei solchen Gelegenheiten beide Arme nach oben.?Wir müssen emotionaler werden als in der Vergangenheit?, fordert er von seinen Leuten. Längst ist die Rede in ein Frage-und-Antwort- Spiel übergegangen, fast hierarchiefrei. Ein holländischer Jungforscher traut sich gar, den Chef zu unterbrechen, als der von grüner Genforschung schwärmt. ?Wir sollten uns nicht (den Agrotech-Konzern) Monsanto zum Vorbild nehmen?, widerspricht der blonde Niederländer, ?dort ist man zu arrogant.?Hambrecht stimmt zu, aber nur, was die Form angeht. In der Sache will er hart bleiben, die Gentechnosoll kommen. Alles, was sich ihm und der BASF in den Weg stellt, scheint der frühere Fußballer (SSV Reutlingen) und Freizeitjogger gleich niederrennen zu wollen.Das Ergebnis ist manchmal etwas eigenwillig und holzschnittartig, eben so wie die Werke des schwäbischen Künstlers HAP Grieshaber, die Hambrecht sammelt ? nur weniger anschaulich. So fordert er als Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) zwischen Zahlen zur Chemiekonjunktur und zur Asien-Stärke unvermittelt ?einen nationalen Befreiungsschlag? für die deutsche Industrie. Was er damit genau meint, sagt er nicht. Er ergänzt nur: ?Das ist es, was wir brauchen.? Dazu nicken neben ihm auf dem Podium drei VCI-Funktionäre mit Trauerkloßmienen.Am Ende der Veranstaltung verkündet der Pressesprecher vorausschauend: ?Die nächste Pressekonferenz findet statt am 1. Juli um 11 Uhr.? Die VCI-Präsidentschaft hat Hambrecht erst im Oktober übernommen. Seine überschäumende Art und seine Dynamik haben den Verband noch nicht erreicht.Aber vielleicht ist das ja alles nur ein Vorurteil, und in der Chemie arbeiten generell überaus witzige, selbstironische Menschen. Der Sitzungssaal des BASF-Vorstandes macht das beinahe glauben. Dort hängt am Kopfende ein Bild, in dem ein Dutzend roter Teufel sich an Musikinstrumenten versucht. Es sieht alles sehr wirr aus. ?Orchesterprobe? ist das Bild betitelt.Die Handelsblatt-Serie "Höhenluft" präsentiert die neuen Vorstandsvorsitzenden großer deutscher Unternehmen. Es folgen Wulf Bernotat (Eon) und Dieter Rampl (Hypo-Vereinsbank).
Dieser Artikel ist erschienen am 11.12.2003