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Die Überzeugungstäterin

Von Frank M. Drost
Sabine Lautenschläger ist die neue Leiterin der Bankenaufsicht bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Dass sie einen wesentlichen Charakterzug für den neuen Posten bereits mitbringt, beweisen die diversen lukrativen Angebote aus der Bankenbranche, die sie allesamt abgelehnt hat: Bei Geld wird die burschikose Juristin nicht schwach.
Die neue Chef-Aufseherin der BaFin, Sabine Lautenschläger: ?Die Finanzaufseher sind nicht die besseren Manager und wollen es auch nicht sein.? Foto: dpa
BONN. Blitzlichtgewitter. Die Jahrespressekonferenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Deutschlands mächtiger Allfinanzaufsicht, droht zur One-Man-Show zu werden. Denn natürlich haben es die Fotografen nur auf den Präsidenten, Jochen Sanio, abgesehen und nicht auf die vier ?Exekutivdirektoren?, die nach der jüngsten Reform die BaFin gemeinsam leiten.Zu ihnen zählt auch die frisch gekürte Leiterin der Bankenaufsicht, Sabine Lautenschläger. Doch der Verlauf der Veranstaltung zeigt, dass sich die burschikose 44-jährige Juristin vom Aufsichtsurgestein Sanio, der sich gern wortgewaltig über die Bedrohungen unregulierter Finanzmärkte auslässt, nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Sie überlässt ihm zwar die Bühne, ist aber detailsicher und beantwortet Fragen souverän. Ihre Gelassenheit mag auch damit zusammenhängen, dass Sanio zu ihren Förderern zählt.

Die besten Jobs von allen

Die neue Chef-Aufseherin der Banken in Deutschland, die die Verantwortung für 285 Mitarbeiter trägt, hat sehr genaue Vorstellungen über die Eigenschaften eines Bankenaufsehers. Er müsse neugierig sein und Freude daran haben, ständig zu lernen. Er dürfe vor Verantwortung keine Angst haben, müsse gleichzeitig selbstbewusst Vorständen gegenübertreten, durchsetzungsfähig sein und eine gesunde Portion an Misstrauen mitbringen. Vor Überstunden dürfe er nicht zurückschrecken und natürlich keinen Frust schieben, dass er weitaus weniger verdiene als die Leute, die er beaufsichtige. Kurzum, Bankenaufseher müssten ?Überzeugungstäter? sein.Selbstredend zählt sich die verheiratete Mutter einer Tochter auch zu dieser Spezies. Ihren Führungsstil beschreibt sie als kooperativ, transparent und ergebnisorientiert. Ohne Koketterie lässt die ehemalige BaFin-Abteilungsleiterin durchblicken, dass es in der Vergangenheit an lukrativen Angeboten aus der Branche nicht gemangelt hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Die Finanzaufseher sind nicht die besseren Manager und wollen es auch nicht sein?Doch richtig gelockt hat sie die Aussicht auf mehr Geld dann doch nicht. Schließlich sei die Bankenaufsicht eine ?unglaublich interessante Arbeit, weil der Aufseher mit den sich rasant weiterentwickelnden Finanzmärkten und den sich anpassenden Instituten Schritt halten muss?, urteilt die Beamtin, die bereits 1995 als Referentin in einer der BaFin-Vorgängerorganisationen angeheuert hat.Mit der Rasanz mancher Entwicklung haben selbst Bankmanager Probleme, wie die im Sommer 2007 ausgebrochene Finanzmarktkrise anschaulich demonstriert. BaFin, Bundesbank, Regierung und Kreditwirtschaft orchestrierten in den vergangenen Monaten Rettungsaktionen beispielsweise für die Mittelstandsbank IKB und die SachsenLB. Jede Bank ist noch mit sich selbst beschäftigt, weil sich die Finanzkrise in fast jeder Bilanz negativ bemerkbar macht: sowohl durch Abschreibungen auf direkte Engagements in Subprime-Anlagen als auch durch Kursschwankungen festverzinslicher Wertpapiere.Im Zuge der Finanzmarktkrise ist auch die Bankenaufsicht in die Kritik geraten. Schließlich sind die Aufseher dicht an den Instituten dran und hätten beispielsweise mehr Informationen über die mittlerweile berüchtigten Zweckgesellschaften anfordern können, die viele Institute außerhalb der Bilanz führten. Liquiditätsgarantien für ihre Zweckgesellschaften hatten die SachsenLB beispielsweise fast in die Pleite geführt. ?Niemand kann vollständig die Entwicklung der Märkte vorhersehen?, konstatiert Lautenschläger. Wer diese Fähigkeit besäße, bräuchte nicht mehr zu arbeiten. Im Laufe der Finanzmarktkrise hätten alle Beteiligten eine Entwicklung durchgemacht, auch die Finanzaufseher selbst. Denn auch die Aufsicht stand bislang nicht vor der Frage, wie man Finanzinstrumente in einem illiquiden Markt bewerten muss.Gleichzeitig legt Lautenschläger Wert auf die Feststellung, dass die geschäftspolitischen Entscheidungen immer noch vom Vorstand der jeweiligen Bank getroffen werden. ?Die Finanzaufseher sind nicht die besseren Manager und wollen es auch nicht sein?, sagt Lautenschläger. Originäre Aufgabe der Aufsicht sei es zu schauen, ob die Banken risikoadäquat zu Werke gingen. Durch das Gesetz sei eine Risikobremse vorgegeben, die darin bestehe, für bestimmte Geschäfte bestimmte Eigenmittel vorzuhalten. ?Der Vorstand hat dafür zu sorgen, dass das Risikomanagement und -controlling seines Instituts nach Art, Umfang und Komplexität der betriebenen Geschäfte angemessen ist. Je höher das Risiko für das Institut ist, desto ausgefeilter muss das interne Kontrollverfahren sein.?
Dieser Artikel ist erschienen am 04.06.2008