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Die Übernommene

Zähne zusammen beissen und durch: Nach mehreren nicht ganz so dollen Zeitarbeitsjobs landete die studierte Germanistin Anja Labussek in ihrem Traumjob als Redakteurin. Ihr Zeitarbeitsjob war der Türöffner.
Ihr erster Tag als Zeitarbeiterin wäre für Anja Labussek fast auch der letzte gewesen. ?Als ich abends da rauskam, hatte ich Tränen in den Augen", erinnert sich die 32-Jährige. Ein Druckerhersteller hatte sie als Vertretung für eine Telefonistin angefordert. Klingt harmlos, war es aber nicht. Denn unzufriedene Kunden lassen ihre Wut gerne am erstbesten Menschen aus, der ans Telefon geht. Kein Job für empfindsame Seelen also.Doch Anja Labussek ließ sich nicht unterkriegen: ?Ich habe die Zähne zusammengebissen und weitergemacht. Nach einigen Wochen war ich abgehärtet und hatte viel über Gesprächsführung gelernt. Das kann ich heute noch gut gebrauchen."

Die besten Jobs von allen

Was vor drei Jahren so alptraumhaft begann, hat sich inzwischen als Glücksgriff für die Germanistin und Skandinavistin entpuppt. Denn die siebte Station als Zeitarbeiterin - zuerst war sie bei Kötter Personalservice, dann bei Halbach Zeitarbeit - bescherte ihr ihren Traumjob als Redakteurin in einem kleinen Düsseldorfer Fachzeitschriftenverlag.Eigentlich sollte sie nur als Sekretärin in einem Verband arbeiten, wie schon so viele Male zuvor. Aber dann erwähnte eine Kollegin, dass in der dazugehörigen Redaktion eine Stelle frei werde. Anja Labussek horchte auf - schließlich hatte sie nach dem Studium eine Zusatzausbildung in Public Relations absolviert. Sie bewarb sich und bekam die Stelle. ?Ausschlaggebend war wohl, dass ich im Haus schon gearbeitet und gezeigt hatte, dass ich auch unter Stress bestehen kann", vermutet sie.Bei der Kündigung ihres Arbeitsvertrags machte ihr das Zeitarbeitsunternehmen, von dem sie sich immer gut betreut fühlte, keine Probleme. ?Das passiert denen sehr häufig, dass ihre Mitarbeiter von einem Kundenunternehmen übernommen werden."Heute schaut sie mit überwiegend positiven Erinnerungen auf ihre Zeit als Leiharbeiterin zurück. ?Keiner meiner Arbeitseinsätze war sinnlos - irgendetwas habe ich immer mitgenommen." Zwar fühlte sich die Akademikerin bei manchen Jobs unterfordert - Kaffeekochen und Kopieren blieben ihr nicht erspart -, doch anspruchsvolle Stationen wie die Mitarbeit an einer Schulungs-CD-ROM glichen diesen Makel wieder aus.Dass sie sich immer wieder an neue Kollegen gewöhnen musste, sieht Anja Labussek ebenfalls positiv: ?Das schult ganz gut die Fähigkeit, auf andere Leute zuzugehen. Die meisten waren ohnehin sehr nett und kooperativ."
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2002