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Die Transformatoren

Von Markus Fasse und Axel Granzow
Es ist Bewegung in die einst so beschauliche Welt der Tüvs gekommen: Bruno Braun und Axel Stepken wollen einen deutschen Tüv-Champion schmieden. Der soll weniger ein Verein sein, sondern ein internationaler Börsenkonzern.
Ein Mitarbeiter des Tüv Rheinland prüft in Düsseldorf die Fahrtauglichkeit eines Pkw. Sein Arbeitgeber will mit dem Tüv Süd fusionieren. Foto: dpa
MÜNCHEN. Auf dem Podium im ?Grand Ballroom 1? des edlen Hotels Intercontinental an Düsseldorfs Königsallee sitzen Zukunft und Vergangenheit einvernehmlich nebeneinander. Axel Stepken, Chef des Münchener Tüv Süd, und Bruno O. Braun, der Patriarch des Kölner Tüv Rheinland. Der 50-jährige Stepken wirkt nervös, während Braun, der in diesem Jahr 66 wird, strahlt wie ein Geburtstagskind.Der kleine, aber kräftige Professor der Ingenieurwissenschaften mit dem üppigen Schnurrbart hat allen Grund zum Jubeln: Sein Traum einer Tüv Deutschland AG, die alle großen Technischen Überwachungsvereine unter einem Dach als schlagkräftigen Dienstleistungskonzern bündelt, geht in Erfüllung ? wenn auch nicht vollständig. Immerhin: Mit Tüv Süd und Tüv Rheinland wollen die beiden größten fusionieren. Zwei kleinere wie etwa der Tüv Nord bleiben außen vor ? vorerst.

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Es ist Bewegung in die einst so beschauliche Welt der Tüvs gekommen. Die im alten Preußen zur Selbstüberwachung der Dampfmaschinen gegründeten Prüfvereine haben ihre kuscheligen Branchen- und Gebietsmonopole endgültig verloren. Seit Beginn dieses Jahres dürfen sogar Aufzüge und ganze Kraftwerke von Fremdfirmen geprüft werden, es drohen Kampfpreise im Kerngeschäft. Nur wer sich zusammenschließt, kann bestehen, so das Kalkül.Es sind die beiden ?großen Alten?, Braun und Tüv-Süd-Aufsichtsratschef Hans-Jörg Bullinger, die den Deal eingefädelt haben. Zunächst führt Braun das neue Unternehmen. Aber dem Dauerläufer Axel Stepken gehört die Zukunft. Er weiß, dass er in zwei Jahren am Ziel ist. Dann wird der studierte Starkstromtechniker Chef des dann fertig aufgestellten Konzerns, für den ein Name noch gesucht wird. So entsteht die zweitgrößte technische Prüforganisation der Welt nach der Schweizer SGS Société Générale de Surveillance. Endlich auf Augenhöhe mit der internationalen Konkurrenz, das ist das Ziel.Braun hat nie aufgesteckt, seinen Traum eines Tüv Deutschland zu verfolgen, fast schon mit Bismarck?scher Entschlossenheit suchte er die Einigung der zersplitterten Fürstentümer. Nun ist er seinem Traum sehr, sehr nahe gekommen. Wenn auch der Name Deutschland in der Marke des neuen Tüv aus rechtlichen Gründen nicht auftauchen darf.Niederlagen und Rückschläge pflasterten den Weg. Nur mit einem Konkurrenten, dem Tüv Berlin Brandenburg, klappte das Zusammengehen. Das war allerdings bereits Mitte der 90er-Jahre. Eine Fusion mit dem ehemaligen RWTüv aus Essen scheiterte in letzter Minute. Als der Schiffs-Tüv Germanischer Lloyd verkauft wurde, kam Braun ebenfalls nicht zum Zuge. Neben der komplizierten Vereinsstruktur der Tüv-Gesellschaften setzt stets das Kartellamt den Fusionsplänen Grenzen. Auch der Fusion mit dem Tüv Süd muss die Wettbewerbsbehörde noch zustimmen. Möglicherweise drohen Auflagen in Deutschland.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Börsengang kein ThemaBraun, der klassische Musik und moderne Malerei liebt, ist ja gewohnt, seine Ziele hartnäckig zu verfolgen. Vielleicht liegt es an der Industrieerfahrung, die der promovierte Ingenieur bis 1993 als Vorstand in deutschen Konzernen wie den Deutschen Babcock-Werken und der Lentjes AG sammelte. Denn der gebürtige Schwabe und Vater zweier erwachsener Söhne weiß: Die Welt der Überwachungsvereine, die über Jahrzehnte von Monopol, Gebühren und artigen Kunden bestimmt wurde, ändert sich selbst unter dem Druck von Deregulierung und zunehmender Konkurrenz nur langsam. ?Nicht jeder von uns begreift den Wandel als Chance. Da ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten?, sagt Braun. Für die meisten Kunden sei Tüv eben Tüv. Nur die Vereine wollten dies nicht wahrhaben und verteidigten ihre Fürstentümer, auch wenn dies Marktanteile koste, schimpft er.Braun habe sich nie als Behördenleiter verstanden, sondern als Konzernlenker, der im Wettbewerb stehe, sagen Mitarbeiter. Denn die Konkurrenz kommt mit vollen Kassen. Sowohl die SGS als auch die französische Bureau Veritas sind an der Börse notiert. Bei ihnen haben längst Finanzinvestoren das Sagen und forcieren die internationale Expansion der Konzerne.Der Gang an die Börse sei aber im Moment kein Thema, versichern Braun und auch Stepken. Doch Stepken zögert etwas und weicht aus. ?Wir wollen kapitalmarktfähig führen?, sagt der gebürtige Essener, der nach Promotion bei ABB Karriere machte. Er weiß, dass ihm dieses Thema als künftiger Chef des neuen Groß-Tüv auf die Füße fallen wird. Denn zur Finanzierung der internationalen Expansion muss sich das Unternehmen über kurz oder lang Geld am Kapitalmarkt beschaffen, um gegen die bereits an der Börse notierten Konkurrenten anzukommen.Vorbereitungen für einen Börsengang oder den Einstieg eines Finanzinvestors wurden auch bereits getroffen. Eine neue Stiftung, mit der der Ingenieurnachwuchs gefördert werden soll, wird gegründet. Sie soll mindestens 25 Prozent der Anteile am neuen Tüv halten. Mit der Beteiligung des ?unveräußerbaren, neutralen und unabhängigen Dritten? wird die Vormacht der Vereine beschnitten und die Eigentümerstruktur neu ausgerichtet. Das Unternehmen hat also schon Kurs auf die Börse genommen. Das Kapital braucht der neue Konzern und sein Chef, der den Super-Tüv ab 2010 führen soll, für die Expansion. Stepken, der für den ABB-Konzern mal das Geschäft in Indonesien leitete, glaubt an die Chance der Globalisierung. Der Tüv Süd macht 25 Prozent seines Geschäfts im Ausland, der Tüv Rheinland 40 Prozent. So wie die Industrie nach Osteuropa und Asien abwandert, so müssen die Prüfkonzerne mitziehen. Sie kontrollieren heute schon die Chemieanlagen der BASF in China oder zertifizieren die Garnelenzucht in Thailand. Aber auch das klassische Prüfgeschäft für Autos ist ein Exportgeschäft. So baut der Tüv Süd derzeit ein Netz für Fahrzeugkontrollen in der Türkei auf.Wie riskant aber Fusionsgespräche sind, hat Stepken im vergangenen Sommer erfahren. Monatelang verhandelte er mit Guido Rettig, dem Chef des Tüv-Nord über ein Zusammengehen, im letzten Moment bliesen sie das Vorhaben ab, weil sie sich nicht einigen konnten. Diesmal soll alles anders werden.Zumindest an Stepkens Naturell dürfte es nicht scheitern. Der 50-Jährige, der gerne segelt, gilt als umgänglich und unprätentiös.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2008