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Die Tage der Entscheidung

Von Christoph Nesshöver, Handelsblatt
Der Chef des französischen Stromriesen EDF, François Roussely, kämpft um seinen Job. Während die Möchtergern-Nachfolger schon Schlange stehen, sind sein vielleicht größter Trumpf ausgerechnet die Gewerkschaften.
PARIS. Eigentlich ist der Termin reine Routine. Electricité de France (EDF), Europas größter Stromkonzern, stellt zwei neue Marken vor. Stolze PR-Manager in der ersten Reihe freuen sich über neue Logos und neue Plakate, von denen selbstbewusste Gesichter herabschauen: Manager, Bäcker, Bauern.Das Gesicht von François Roussely hingegen verweigert ein selbstbewusstes Lächeln. Die markanten Nasenfalten drücken die Mundwinkel herunter, auf der Oberlippe schimmern Schweißtröpfchen im gut gekühlten Saal eines Pariser Kongresszentrums, die rechte Hand lässt den Kugelschreiber zappeln. Entspannung sieht anders aus.

Die besten Jobs von allen

Für den EDF-Chef läuft ein doppelter Countdown. In 107 Tagen, am 1. Juli, tritt die nächste Etappe der Strommarktliberalisierung in Kraft. Dann können in Frankreich auch Mittelständler und Handwerker ihren Lieferanten frei wählen ? 70 Prozent des Strommarktes werden offen sein. Damit sie EDF treu bleiben, ließ Roussely die Marken ?EDF Entreprise? und ?EDF Pro? erfinden. Aber was ihn mehr zu interessieren scheint: Am 1. Juli kann auch Frankreichs Regierung frei wählen: ob sie den Vertrag von Roussely verlängert ? oder nicht.Roussely will bleiben. ?Ich bin noch nicht fertig mit dem, was ich begonnen habe, und ich habe Lust, es weiterzuführen?, sagt er. Und kokett stichelt der 59-Jährige bei der Präsentation der Jahresergebnisse vergangene Woche hinterher: ?Daniel Camus, unser Finanzchef, und ich werden Ihnen im September auch die Halbjahresergebnisse vorstellen!? Sollen die Politiker nur ganz genau hinhören . . .An sich ist Teetrinker Roussely ein Freund der leiseren Töne. Mit der monotonen Stimme und den mausgrauen Anzügen wirkt er eher wie ein netter Dorfschullehrer denn der toughe Chef eines 45-Milliarden-Euro-Weltkonzerns ? mehr betulich als bedrohlich. Aber die Funkstille seitens seines einzigen Anteilseigners macht ihn ungeduldig. Einzige Reaktion von Seiten der Regierung bisher: Industrieministerin Nicole Fontaine stritt das Offensichtliche ab. Rousselys Nachfolge stehe ?absolut nicht auf der Tagesordnung?. Bei EDF wundert man sich nur. ?Es sind nur noch dreieinhalb Monate, und EDF steht vor der größten Herausforderung seiner Geschichte: vollkommene Marktöffnung bis 2007 und Teilprivatisierung nächstes Jahr?, heißt es im Umfeld Rousselys.Das Problem der Personalie ist ihre politische Natur. Ernannt wird der EDF-Chef vom Finanzminister, ausgesucht vom Präsidenten der Republik, Jacques Chirac, höchstselbst. Da gilt es, verdiente Parteigänger nicht zu vergrätzen. Ein solcher wäre Ex-Industrieminister Gérard Longuet, der sich bereits selbst ins Rennen geschickt hat. Auch Jean-François Cirelli, der strategische Kopf hinter der Wirtschaftspolitik der Regierung und Ex-Berater Chiracs, wäre gerne endlich sein eigener Chef. Als unterbeschäftigt und politisch geeignet gilt auch Yves-Thibault de Silguy, der als EU-Währungskommissar zu einem der Väter des Euros wurde. Der Ex-Berater Chiracs versucht seit seinem Abschied aus Brüssel, nicht vergessen zu werden.Neben den Politikern gibt es die Spitzenmanager. Derzeit ohne Posten, der ihrer Biografie gerecht wür-de, sind Ex-Air-France-Chef Christian Blanc, der als Politiker scheiterte, und Jean-Pierre Rodier, der beim Aluminiumkonzern Pechiney gehen musste, als der Anfang dieses Jahres vom kanadischen Konkurrenten Alcan geschluckt wurde. Unbekannt, aber vom Fach ist André Merlin, bei EDF für die Stromübertragung zuständig. Rousselys Nummer zwei, Gérard Creuzet, gilt hingegen als zu sehr mit Roussely verbandelt, als dass er einen Neubeginn verkörpern könnte. Airbus-Chef und Chirac-Freund Noël Forgeard sei schon gefragt worden, heißt es in Paris, aber der habe abgewinkt.Während sich hinter den Kulissen seine Möchtegern-Nachfolger warm laufen, nutzt Roussely jede Gelegenheit, um seine Bilanz zu polieren und seine Unersetzlichkeit zu demonstrieren. Da sind einmal die Zahlen: Nach zwei schwachen Jahren vervierfachte er den Nettogewinn von EDF im vergangenen Jahr auf 857 Millionen Euro, obwohl die Beteiligungen in Lateinamerika, Italien und an Energie Baden-Württemberg das Ergebnis um 2,5 Milliarden Euro drückten. Und der EDF-Chef hat noch mehr vor: 25 Milliarden Euro will er in den nächsten vier Jahren investieren.Sein vielleicht größter Trumpf: Roussely kann gut mit den Gewerkschaften. Obwohl er seit Jahren darauf drängt, EDF per Teilprivatisierung mit frischem Kapital auszustatten, ist der offene Konflikt mit den Beschäftigten ausgeblieben. Das Gesetz, das EDF von einer Behörde in eine Aktiengesellschaft umwandelt, soll noch in diesem Jahr verabschiedet werden. Ab 2005 wäre EDF dann ?privatisierbar?, räumt Finanzminister Francis Mer ein. Mit Roussely an der Spitze? ?Seine Chancen stehen 50 zu 50?, sagt einer, der es wissen kann.Jüngst gelang Roussely ein Coup: Beim Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao in Paris ließ er den Eiffelturm feuerrot erstrahlen. Dafür durfte er mit aufs Erinnerungsfoto gleich neben Chirac. So was verbindet, hofft der EDF-Boss.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.03.2004