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Die Steve-Show

Von Dirk Hinrich Heilmann, Handelsblatt
In Silicon Valley geniesst Steve Jobs Kultstatus. Der Apple-Chef musste sich zwar der Übermacht von Microsoft und Intel beugen. Doch der iPod hat das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino wieder ins Rampenlicht gerückt.
Steve Jobs' weiß sich in Szene zu setzen. Foto: dpa
HB LONDON. Fernbrille ab, Lesebrille auf ? Jobs setzt sich an den Schreibtisch und demonstriert ein paar ?coole neue Features? der nächsten Version der iTunes-Software. ?Ich weiß, das wird Euch gefallen?, verspricht er den Tausenden von Zuschauern im Saal und Hunderten weiterer Gäste, die per Live-Schaltung in einem Londoner Theater die Show verfolgen. Lesebrille ab, Fernbrille auf ? Jobs steht vor der gigantischen Leinwand und hämmert dem Publikum wie ein strenger Lehrer technische Daten ein, die die Überlegenheit der neuesten Apple-Produkte untermauern sollen.Steve Jobs ist Apple und Apple ist Steve Jobs. Ebenso unverkennbar wie das edle, schlichte Design der Laptops und iPods ist das Outfit des 49-jährigen Firmengründers. Kurzrasierte graue Haare, schwarzes, langärmeliges Shirt, Ärmel hochgekrempelt, dazu eine Jeans. Seit den Achtzigerjahren, als er den Siegeszug des Computers in die Büros und Wohnzimmer der Welt anführte, genießt er im Silicon Valley Kultstatus.

Die besten Jobs von allen

Auch wenn Apple vor der Übermacht von Microsoft und Intel zwischenzeitlich in die Nische zurückweichen musste ? der iPod hat das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino wieder ins Rampenlicht gerückt. Zu den Apple-Jüngern, die sich jahrzehntelang mit ihren schicken Laptops mit dem angebissenen Apfel als Logo als Elite fühlten, sind innerhalb von nur zwei Jahren Abermillionen iPod-Fans gekommen. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, wenn Messias Steve nach monatelanger Gerüchteküche neue Produkte präsentiert.Wie wird Jobs das spektakuläre Jahr 2004 toppen? Zunächst ein paar nette Details: Eine neue Software-Version des Online-Musikladens iTunes, alle Harry-Potter-Audiobücher exklusiv zum Herunterladen, eine Live-Schalte zu Madonna. Die Sängerin sitzt nach ihrem Reitunfall mit schwarzer Armschlinge wie eine TV-Korrespondentin vor einem Londoner City-Hintergrund und Steve ist ?super-excited?, dass jetzt auch ihr komplettes Werk Song für Song auf iTunes runterzuladen ist.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jobs enthüllt die Neuheiten.Dann endlich der Höhepunkt der Show, vorher Gegenstand aufgeregter Branchenspekulationen: Das erste iPod-Handy. Es heißt ?Motorola Rokr? und sieht aus, na ja, wie ein modisches Handy mit zwei Ohrstöpseln. Es kann das gleiche wie der iPod Shuffle, der einfachste Musikspieler von Apple, und wie ein marktübliches Foto-Handy. Telefonieren und Musikhören mit einem Gerät ? praktisch, aber kaum revolutionär.Jobs macht?s vor: Musik dröhnt über die Lautsprecher, dann klingelt es, er drückt eine Taste, ein Kollege ist dran. ?Und jetzt drücke ich einfach diesen Knopf und die Musik setzt an der gleichen Stelle wieder ein?, sagt er. Nichts. Dann beginnt der Song von vorne. ?Da habe ich wohl die falsche Taste gedrückt.?In den Werbespots, mit denen Mobilfunkpartner Cingular ab sofort die USA überziehen will, klappt das besser. Doch der Funke springt nicht recht auf die Händler, Musikmanager und Journalisten in den Sälen über. Während Cingular- und Motorola-Manager in bestem Verkäufer-Amerikanisch den ?Motorola Rokr? anpreisen, rührt sich in mancher Applaus-Pause keine Hand.Mehr Bewegung kommt erst ins Publikum, als Jobs den ?iPod Nano? vorstellt. Mit einem endlosen Stakkato technischer Daten preist er den Nachfolger des iPod Mini an: 62 Prozent kleiner als dieser, 87 Prozent kleiner als jenes Konkurrenzgerät, 1 000 Songs auf vier Gigabyte, nur 42 Gramm. Vor allem aber ist der flache Winzling schick und cool ? und das ist den Fans sowieso das Wichtigste.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.09.2005