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Die Spätzünderin

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Foto: Dietmar Theis
Diese Frau hört Stimmen. Verrückt ist Christiane Dätsch aber nicht. Auch wenn einige Kollegen sie vor einem Jahr dafür erklärten. Damals räumte die begeisterte Politikredakteurin ihren Schreibtisch und folgte ihrem Doktorvater nach Hamburg.
Diese Frau hört Stimmen. Verrückt ist Christiane Dätsch aber nicht. Auch wenn einige Kollegen sie vor einem Jahr dafür erklärten. Damals räumte die begeisterte Politikredakteurin ihren Schreibtisch bei den Stuttgarter Nachrichten, kündigte die 83-Quadratmeter-Wohnung, verscherbelte Einbauküche, Schlafzimmermöbel, Rattansofas, ließ den Freundeskreis im Schwäbischen zurück und folgte ihrem Doktorvater nach Hamburg. Alles aufgeben, um zu promovieren – eine Kurzschluss-Entscheidung?

?Nein, eher ein jahrelanger Schwelbrand“, sagt die 31-Jährige. Der brach nach dem Examen aus. Elf Semester Germanistik, Journalistik und Romanistik in Bamberg und Lyon hatte Dätsch gerade erfolgreich hinter sich gebracht, da rief die Heilbronner Stimme zum Zeitungsvolontariat. Eigentlich perfekt, wenn da nicht noch eine andere Stimme gewesen wäre. ?Mein Magisterarbeitsthema, die Kurzprosa des Autors Ernst Weiß, hat mich nicht losgelassen. Aber ich dachte, ich könnte ja auch extern promovieren.“

Die besten Jobs von allen


Wie im Zeitraffer ging die journalistische Ausbildung in einen Redakteursjob über, dann wechselte Dätsch zu den Stuttgarter Nachrichten. Der Entwurf für die Diss blieb in der Schublade. Kurz vor dem 30. Geburtstag meldete sich die vertraute Stimme wieder. Dieses Mal lauter als in den vier Jahren zuvor: ?Jetzt promovieren. Oder gar nicht mehr!“ Ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung löste die leidige Geldfrage.

Die Schwäbin zog in die Hansestadt, wo Weiß-Kenner und Doktorvater Hans-Harald Müller lehrt, der sie schon bei ihrer Magisterarbeit unterstützt hatte. Endlich ihr Thema ausrecherchieren ... ?Natürlich frage ich mich an Tagen, an denen ich mit meiner Arbeit nicht richtig vorwärts komme: War das richtig?“, erzählt Dätsch. ?Bei der Kündigung wusste ich ja, dass die Promotion eine Herausforderung für mich wird. Ich mochte meinen Job, aber da war einfach noch eine Rechnung offen.“

Nach der Promotion will die Germanistin in einen Medienberuf zurückkehren. Dass die Doktorarbeit ihr auch für den Job viel bringt, davon ist sie überzeugt: ?Für eine Dissertation braucht man Hartnäckigkeit und Ausdauer – wichtige Eigenschaften für den Journalismus. Und Leute, die ihrer inneren Stimme folgen, sind auch im Beruf souverän. Daran glaube ich“, sagt Dätsch und lacht.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.06.2001