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Die Selbstverbrenner

Von Christine Hunger, Business News
Die 60-Stunden-Woche: kein Problem. Noch ein Projekt durchziehen: auch kein Problem. Alles zu schaffen befriedigt schließlich auch. Magenschmerzen und Schlafstörungen können ausgeblendet werden, solange bis die Psyche streikt. Viele Berufstätige merken erst viel zu spät, dass sie ihre Grenzen überschritten haben. Die Diagnose lautet dann: Burnout-Syndrom.
Burnout: Die wenigsten Menschen geben gerne zu, dass sie unter Stress leiden.
Nach einer neuen Studie leiden mehr als 28 Prozent der Erwerbstätigen unter Stress. Bei rund 15 Prozent von ihnen mündet dies in ein so genanntes Burnout-Syndrom (Englisch: to burn out ? ausbrennen) mit chronischer Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen und Magenbeschwerden.?Das Burnout-Syndrom ist eine Störung, eine Krankheit ist es aber nicht?, sagt der Burnout-Experte Matthias Burisch von der Universität Hamburg. Es ist zunächst einfach ein deutlicher Hinweis, dass die Betroffenen an ihre Belastungsgrenzen gestoßen seien.

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Trotz der schwerwiegenden Folgen, die das Burnout-Syndrom für die Betroffenen haben kann, geben die wenigsten gern in einem frühen Stadium zu, dass sie unter Stress leiden. Viele fürchten, es würde ihnen als Schwäche ausgelegt. Aber genau diese Schlussfolgerung ist falsch. Vielmehr lautet ein häufig im Zusammenhang mit dem Thema Burnout zu lesender Satz: ?Ausbrennen kann nur, wer auch (für eine Sache) gebrannt hat.?Das Syndrom trifft vor allem Menschen, die aus ideellen Gründen viel Energie investieren und hohe Erwartungen an die Arbeit und ihre Leistungsfähigkeit stellen. Viele sind schon als Kind sehr leistungsbewusst aufgewachsen. Wenn das persönliche Engagement die eigenen Bedürfnisse deckt und erfolgversprechend ist, kann Stress positiv erlebt werden. Negativer Stress entsteht dagegen, wenn sich Anerkennung und Erfolg nicht mit den Erwartungen decken.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie sich erste Anzeichen für eine Störung bemerkbar machen.Erste Anzeichen für eine Störung können sein, dass der Betroffene abends nicht mehr abschalten kann, sagt Burisch. Wenn man also über die Arbeit noch lange grübeln müsse. Eine eindeutige Diagnose sei aber schwierig. Burisch hat rund 130 Burnout-Syndrome gezählt. Neben den Ehrgeizigen, die er ?Selbstverbrenner? nennt, stellt er ihnen noch eine weitere Gruppe von Burnout- Betroffenen gegenüber: Das sind Menschen, die ohne eigenes Zutun in eine Zwickmühle geraten: Menschen, die ihren Job verloren haben und das Haus noch bezahlen müssen. Im Vergleich dazu sind Selbstverbrenner in der besseren Position: Ihnen kann der Psychologe helfen. Burisch zufolge kommt es darauf an, die ?kleinen Antreiber?, die vielen Menschen in der Kindheit eingepflanzt wurden, zu entschärfen: Lebensregeln wie ?sei perfekt?, ?sei stark?, streng dich an?.Und vor allem sollte man sich bewusst machen, dass man im Zweifel nicht allein ist. Das belegt der Gesundheitsbericht des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen. Während die Zahl der Krankentage immer weiter sinken ? 2006 ist mit 10,6 Tagen ein Rekordtief in 30 Jahren erreicht worden ? nahmen die Fehltage aufgrund psychischer Störungen rasant zu: seit 1991 um 33 Prozent. Damit seien sie schon die vierthäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Schätzungen zufolge kosten psychische Erkrankungen die europäischen Volkswirtschaften jährlich 300 Milliarden Euro.Einige Unternehmen bieten deswegen Anti-Stress-Programme an. So begann Volvo Logistik schon vor sechs Jahren damit. Die Anti-Burnout- Seminare werden mittlerweile allen 1 000 Mitarbeitern angeboten. Und beim Otto-Konzern kümmert sich ein Gesundheitsmanager mit einem Team um die Angestellten. Mithilfe verschiedener ?Work-Life- Balance-Seminare? können Angestellte ihr individuelles Stressprofil entwickeln.
Quelle: BusinessNews
Dieser Artikel ist erschienen am 26.01.2007