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Die Schweiz lockt

Von Jan Dirk Herbermann
Viele Deutsche suchen ihre berufliche Chance im Ausland ? mit Vorliebe in der Schweiz. Früher waren es nur die Großverdiener, doch inzwischen hat der Trend auch weniger vermögende Bevölkerungsschichten erfasst. Ihnen hat das Alpenland einiges zu bieten.
Die Schweiz zieht Deutsche an - nicht nur zum Urlaub. Foto: dpa
GENF. Schon ein Blick in die ?Bilanz?-Liste der 300 Reichsten in der Schweiz bringt Klarheit. Das Alpenland zieht Deutsche an: Die Milliardäre Otto Beisheim, Curt G. Engelhorn, Friedrich Christian Flick, Michael Schumacher ebenso wie eine ganz Schar von Millionären mit deutschem Pass haben sich hier eingerichtet.Inzwischen hat der Trend auch weniger vermögende Bevölkerungsschichten erfasst: Von Mai 2005 bis April 2006 zog es 13 345 Bundesdeutsche in die Schweiz; Helvetien verdrängte damit die USA von Platz eins der Zielländer deutscher Auswanderer. Insgesamt leben 162 000 Deutsche in der Schweiz, das sind rund elf Prozent der ?ausländischen Wohnbevölkerung?.

Die besten Jobs von allen

In der Stadt Zürich haben sich fast 20 000 Deutsche niedergelassen ? sie bilden in der Finanzmetropole die größte Ausländergruppe. ?Wir beobachten über Jahre eine immer stärker werdende Entwicklung: Die Deutschen kommen?, fasst Dominique Boillat vom Bundesamt für Migration in Bern zusammen.Die Zuwanderer aus dem ?großen Kanton? finden fast überall Jobs: Im Banken- und Versicherungsgewerbe, in der Industrie, im Hotel- und Gaststättengewerbe, aber auch als Handwerker etwa in der brummenden Schweizer Uhrenindustrie. Viele Migranten steigen direkt ganz oben ein oder arbeiten sich an die Spitze vor: Oswald Grübel sorgt als Chef der Großbank Credit Suisse für Milliardengewinne, Jürgen Dormann brachte die schlingernde ABB wieder auf Kurs, und Stefan Lippe hat es bis in die Führungsriege des Rückversicherers Swiss Re geschafft.Im Gesundheitswesen und in der Wissenschaft geht es fast gar nicht mehr ohne die Deutschen: Mehr als ein Drittel aller ausländischen Wissenschaftler sind Deutsche. Im angesehenen Berner Inselspital beispielsweise stammt fast ein Drittel der behandelnden Mediziner aus Deutschland.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wieso immer mehr Deutsche in die Schweiz kommen.Wieso kommen immer mehr Berliner, Hamburger oder Mannheimer in die Schweiz? ?Natürlich ist der Nettoverdienst hier viel höher als in Deutschland?, sagt ein deutscher Angestellter einer Schweizer Bank. Das Mehr in der Tasche macht auch die höheren Preise in der Schweiz wett. Zudem herrscht in der Schweiz seit Jahren eine robuste Konjunktur; die Wahrscheinlichkeit, den Job zu verlieren, ist gering. Im August 2006 lag die Arbeitslosenrate bei 3,1 Prozent.Natürlich hilft den Deutschen auch, dass ihre Mentalität der schweizerischen ähnlich ist. ?Die Deutschen integrieren sich sehr leicht?, erklärt Francis Matthey, Präsident der Eidgenössischen Ausländerkommission. Größter Vorteil ist die gemeinsame Sprache: das Hochdeutsche ? auch wenn die Schweizer untereinander ihren Dialekt verwenden.Ein weiteres Plus: In Schweizer Firmen geht es laut Thomas Schmidt, Sprecher von ABB, informeller zu als in deutschen Unternehmen: ?Hier sind die Hierarchien doch flacher?, so Schmidt.Auch im Privaten verhalten sich Schweizer oft lockerer, als man ihnen zutraut. Klaus Wellershoff, deutscher Top-Bankier im Dienste des weltweit größten Vermögensverwalters UBS, betont: ?Die Schweizer haben mich schnell eingebunden.? Wie vielen Deutschen hat es Wellershoff auch die Natur des Landes angetan. ?Ja, es lebt sich schon gut hier.?Werden in Zukunft noch mehr gut ausgebildete Deutsche die Vorzüge der Schweiz kennen lernen? Der Geschäftsführer der Handelskammer Deutschland-Schweiz, der Deutsche Ralf Bopp, rechnet laut ?Südostschweiz? mit einem Abflauen des Booms: ?Andere Standorte schlafen nicht. Auch München und Stuttgart wollen diese qualifizierten Arbeitskräfte.?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.09.2006