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Die Schrittmacher

Astrid Oldekop
Der Energieriese RWE hat einen neuen Ansprechpartner für Großkunden: RWE Solutions. Die Frankfurter Tochter hat sich vorgenommen, den Traditionskonzern auf Tempo zu trimmen.
Am Ende zählt nur das Geld. Und das überweist ihm seit drei Jahren das Ingenieurbüro "Harald Meyer VDI". Namen sind im Arbeitsleben von Dirk Klingenberg Schall und Rauch: Zunächst gehörte sein Ingenieurbüro der über 100-jährigen Beteiligungsgesellschaft Lahmeyer. Aus dieser und dem Nuklear-Dienstleister Nukem - beide im Besitz der RWE - wurde 1999 mit viel Geld die Tessag konstruiert.

Seit September muss sich Klingenberg schon wieder an einen neuen Namen gewöhnen: RWE Solutions. Dieser macht nun endlich klar, dass Deutschlands größter Stromversorger hinter den mehr als 100 Beteiligungen steckt. Was bisher ein wild zusammengewürfelter Haufen aus kleinen und mittelständischen Ingenieurbüros sowie Dienstleistern war, soll nun das Tor des Weltkonzerns RWE für alle Großkunden werden.

Die besten Jobs von allen


Für das 100-köpfige Kelkheimer Büro "Harald Meyer VDI" leitet Betriebsingenieur Dirk Klingenberg ein Projekt in Obertshausen bei Frankfurt. Der Kunde ist seit Anfang 1999 derselbe, sein Name änderte sich aber mehrfach: Das Angebot schrieb Klingenberg für den kanadischen Autozulieferer Magna, der zuvor Ymos geschluckt hatte. Aus Magna wurde schließlich Decoma, ein Zulieferer, der 600 Leute in Obertshausen beschäftigt.

Energie für Kühlergitter

Ende 1999 erhielt "Harald Meyer VDI" den Zuschlag für das Automobilzulieferer-Projekt: Das Team von Klingenberg betreibt, wartet und erneuert seitdem die Nebenanlagen des Automobilzulieferers, der unter anderem Kühlergitter herstellt. Für alles, was mit Dampf, Strom, Kälte, Druckluft, Wasser, Abwasser, Sprinkler- und Sanitäranlagen bei Decoma und den damit fälligen Behördenkontakten zu tun hat, ist Klingenberg zuständig; der Autozulieferer Decoma konzentriert sich auf das Kerngeschäft. Outsourcing heißt das auf Neudeutsch - Contracting im RWE-Jargon.

Menschen als Kapital

Die Maschinen, die zum Teil Jahrzehnte alt sind, belasten keine RWE-Bilanz. Sie sind die "Hardware" und gehören weiterhin dem Autozulieferer. "Unser Job ist die Software, also Manpower und Ideen", sagt der 35-jährige Bereichsleiter Klingenberg. In seinem Angebot sagte der Contract Manager dem Autozulieferer nicht nur den Betrieb der Nebenanlagen zu, sondern auch die Senkung des Energieverbrauchs um zehn Prozent.

Strom und Wasser bezieht der Autozulieferer noch immer von den Stadtwerken. Natürlich hole man Angebote von RWE-Schwestern ein, sagt Klingenberg, aber es gäbe keinerlei Verpflichtung, RWE-Energie zu nehmen. Am Ende entscheide nur der Preis.

Vom Autozulieferer übernahm "Harald Meyer VDI" die fünf Handwerker, die zum Teil seit über 20 Jahren die Anlagen betreuen. Es sei schon schwierig gewesen, die Leute vom Arbeitgeberwechsel zu überzeugen, erinnert sich Klingenberg. Irgendwie habe man ihnen die Grundlage ihres Arbeitens genommen. Doch Klingenberg, der vor dem Studium der Anlagenbetriebstechnik in Hamburg eine Heizungsbauer-Lehre gemacht hat, weiß seine Mitarbeiter zu motivieren und ihnen veränderte Arbeitsweisen und -zeiten schmackhaft zu machen

Der Bereichsleiter, der in einer Patchwork-Familie mit zwei Töchtern in Limburg lebt, ist wie die meisten der 13.600 Solutions-Mitarbeiter viel unterwegs: von seinem Obertshausener Schreibtisch auf dem Decoma-Gelände zum Projekt in Augsburg, zu potenzielqen Kunden oder zum Kelkheimer Büro. Für ihn gilt wie für viele Solutions-Mitarbeiter die Vertrauensarbeitszeit.

Exoten im Traditionskonzern

"Wir sind schon ein bisschen exotisch", gesteht der RWE Solutions-Vorstandsvorsitzende Lutz Bücken. Mitten in der Nacht beantwortet er Mitarbeiter-Mails, die Handy-Nummer ist seinen Leuten selbstverständlich bekannt, und abends um zehn ruft auch er seine Mitarbeiter noch an.

Auslands-Projektarbeit sei bei RWE Solutions normal. Einige Menschen würden dadurch abgeschreckt. Eine RWE alter Couleur habe Leute eingestellt, die ihren Lebensmittelpunkt in Essen sehen, und das müsse natürlich auch sein.

Schon längst sei der RWE-Konzern kein verstaubter Energieversorger mehr. Man hofft auf einen großen Anteil am 500 Milliarden Mark schweren europäischen Energiemarkt. Obwohl noch knapp 30 Prozent des Unternehmens im Besitz von kommunalen, also staatlichen Aktionären sind, hat sich RWE eine gute Marktposition erarbeitet: Im Strom-, Wasser- und Entsorgungsgeschäft ist man in Deutschland die Nummer eins, im Wasserbereich weltweit Nummer drei.

Geschwindigkeit ist ein Lieblingswort des Solutions-Chefs in der 180-köpfigen Frankfurter Zentrale. Ein deutscher Meister im Hürdenlauf trimmt Solutions-Mitarbeiter auf Tempo, sieht man sich doch als "Pacemaker" - Schrittmacher - innerhalb der RWE.

Als Tessag-Vorstandschef hatte Bücken aus einer reinen Verwaltungsholding eine schlagkräftige Gruppe gemacht. "Wir hatten viele Solisten, aber kein Orchester", resümiert Bücken heute. "Dann haben wir ein Orchester gebildet und ihm den Namen Tessag gegeben."

Seit September soll die neue RWE Solutions "der ganzheitliche Gesprächspartner der RWE für Großkunden" sein, "auch für Bereiche, die wir nicht direkt anbieten". Man hofft auf Großprojekte wie die Multi-Utility-Versorgung - gemeint sind Strom, Wasser, Gas und Abfall - beim Bau des BMW-Werks in Leipzig

Für die neue RWE Solutions mussten 80 Manager von der Konzernschwester RWE Plus in Essen, die sich bisher als einzige innerhalb des Konzerns um den Stromvertrieb kümmerte, zu RWE Solutions nach Frankfurt wechseln. Im Gepäck: viele Kontakte und nahezu eine halbe Milliarde Euro Umsatz - die nun bei RWE Plus fehlen.

Schlechter Ruf

"Wir stehen mit BMW, Lufthansa, Accenture im Wettbewerb um die wirklich guten Leute", sagt Bücken. In Frankfurt weiß man, dass Ex-Monopolisten aus dem Energiebereich unter Absolventen oft den Ruf haben, unkreative, schlecht bezahlte Jobs zu bieten. "RWE Solutions ist ein Unternehmen mit ganz anderen Perspektiven als ein Energieversorger", widerspricht Erich Unkrig, Personalentwicklungsleiter. "Management von komplexen Zusammenhängen kennzeichnet unseren Alltag." Über Einstiegsgehälter schweigt man sich im Konzern allerdings aus. "Eins unterscheidet uns von den Unternehmensberatungen: Ihre Arbeit endet meist da, wo es spannend wird. Bei uns erlebt man auch die Umsetzung." Gesucht würden Techniker mit BWL-Background und BWLer mit klarem Beratungsanspruch.

Um den Einstieg zu erleichtern, hat RWE Solutions das 12- bis 18-monatige Einsteiger-Programm "Fast Practice" für Hochschulabsolventen und junge Direkteinsteiger entwickelt, das Trainee-Bausteine aufweist, Netzwerke fördert und den Mitarbeitern sofort volles Gehalt und eine unbefristete Stelle garantiert. "RWE Solutions ist sehr komplex. Damit ist es nicht einfach, auf den ersten Blick zu erkennen, wer für was verantwortlich ist, was wo produziert wird, welche Dienstleistungen angeboten werden", erklärt Personalmanagerin Christiane Freihoff

Sanfter Ausflug ins Ausland

Auch Jean Martin Maurer war "Fast Practice"-Teilnehmer. Mit Geschwindigkeit steigt der Diplom-Kaufmann seitdem die flache Solutions-Karriereleiter nach oben. Der Leverkusener kam als interner Revisor von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young zur Tessag. Für die interne Revision prüfte er Nukem Nuclear Ltd. in Manchester, arbeitete in der Frankfurter Zentrale und kehrt nun nach Manchester zurück. Dort soll er die Integration eines wesentlich größeren Unternehmens in die Nukem Nuclear Ltd. begleiten.

Die Entscheidung, für drei Jahre nach England zu gehen, traf der 31-Jährige schnell, ein Risiko ist der Wechsel für ihn aber nicht: Maurer hat eine Rückkehrgarantie zur RWE Nukem, die Perspektive eines Weltkonzerns - mit anonymem Stellenmarkt im Intranet - und hofft, nach seiner Rückkehr in das Solutions-"Talente-Programm" aufgenommen zu werden, das Führungskräfte fördert.

Als "Talent" ist auch Betriebsingenieur Dirk Klingenberg von seinem Chef für das High-Potential-Programm vorgeschlagen worden. Sollte er ausgewählt werden, wird er noch intensiver Netzwerke quer durch die gesamte RWE Solutions knüpfen.

Das tut er bisher vor allem jeden letzten Donnerstagabend im Monat bei den Frankfurter Hofgesprächen in der Zentrale, wo Vorstände, Sekretärinnen, Angestellte und Projektleiter sich bei Bier und Imbiss zusammensetzen. 200 Leute kommen zu dieser Informationsbörse.

Klingenberg weiß das Forum zu nutzen und stellte dort sein Outsourcing-Projekt vor. Immer dabei: die fünf Handwerker seines Obertshausener Teams. "Da weiß man: Man ist nicht allein. Es gibt Kollegen, die arbeiten an vergleichbaren Projekten und bieten ähnliche Produkte an."

mail to: dirk.klingenberg@in.rwesolutions.com
jean.maurer@rwenukem.co.uk
Dieser Artikel ist erschienen am 19.10.2001