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Die Scharfmacher

Hannelore Gude-Hohensinner
Foto: Darius Ramazani; Harris Fashion
Ein Diskothekenbetreiber und ein junger Hotelkaufmann aus reichem Haus wollen den deutschen Mann in Dessous stecken. Ihr Trumpf ist ein exzentrisches Designerduo, dessen Name mehr wert ist als Werbemillionen. Eine Gründergeschichte, wie sie nicht im Lehrbuch steht.
Ein Diskothekenbetreiber und ein junger Hotelkaufmann aus reichem Haus wollen den deutschen Mann in Dessous stecken. Ihr Trumpf ist ein exzentrisches Designerduo, dessen Name mehr wert ist als Werbemillionen. Eine Gründergeschichte, wie sie nicht im Lehrbuch steht.

Spätsommer im Jahr 2000. Durch die Hörsäle der deutschen Wirtschaftsunis schwappen die letzten Ausläufer der New-Economy-Welle. Zur gleichen Zeit beschließen der Hotelkaufmann Rupert Blessing, heute 21, und der gestandene Diskothekenbetreiber Harry Beck, 57, die Eroberung der Modewelt - mit Harris Fashion, einer Textilproduktions- und Vertriebsgesellschaft. Und das unbelastet von jeglicher Erfahrung in diesem Metier.

Die besten Jobs von allen


Paradiesvögel als Werbeträger

Ort dieser Gründung ist die Diskothek Okay in Donaueschingen, die Beck seit zwei Jahrzehnten gehört. Die Eröffnungsbilanz sieht anders aus als bei den üblichen Gründungen. Rupert Blessings Einstand sind ein Erbvorschuss in sechsstelliger Höhe, Papis Kontakte zu ausgedienten Promis und jugendlicher Enthusiasmus – Harry Becks Aktiva die amüsierbetriebsgestählte Abgeklärtheit und die Beziehung zu dem exzentrischen Berliner Modeduo Pompöös.

Paradiesvogel Harald Glööckler und sein Partner Dieter Schroth sind zwar in der deutschen Modeszene dank ihrer verrückten Shows bekannt, allerdings fehlt ihnen das Geld für eine Kollektion in großer Stückzahl. Harris Fashion übernimmt auf Lizenzbasis Produktion und Vertrieb. Dafür verschafft die Bekanntheit von Pompöös Blessing und Beck ein Entree auf dem Modemarkt.

Schaltzentrale Wohnzimmer

Seinen ersten Anlauf hatte Blessing kurz zuvor abgebrochen. Nach einer ?anständigen" Ausbildung als Hotelkaufmann wollte er etwas Eigenes machen. ?Und weil ich teure Dinge - Kleidung, Accessoires, Luxusschnickschnack - schon immer mochte, wollte ich ein Geschäft eröffnen, das sich darauf spezialisiert." Beeindruckt von so viel Hartnäckigkeit zückte Papa, der als Bauunternehmer sein Geld gemacht hat und es heute an der Côte d'Azur ausgibt, das Scheckbuch. Die Chancen standen gut. Bis sich in der Nachbarschaft ein Outletcenter ankündigte, das Designermode zu Lagerpreisen verkaufen wollte. Blessing ließ es beim Versuch.

Trotzdem redet Blessing, als sei er seit Jahren im Metier: ?Viele Gründer machen am Anfang den Fehler, viel Startkapital zu verpulvern, bevor sie Umsatz machen, zum Beispiel für unsinnige Marketingmaßnahmen, überdimensionierte Büroräume und teure Einrichtungen." Harris Fashion richtet seine Schaltzentrale stattdessen in Harrys Stuttgarter Wohnung ein. Ein Jahr lang besuchen Blessing und Beck Mode- und Stoffmessen, suchen nach Partnern und prüfen, wo sie am günstigsten produzieren können. Rupert Blessing macht diverse Schulungen in Vertrieb und Betriebswirtschaft.

Angriff von unten

Aber was produzieren und vertreiben? Eine Kollektion in den Sand gesetzt, und die Pleitegeier würden sofort über dem Startup kreisen - bevor der große Traum von einer umfassenden Marke namens Harris wahr würde: Harris Entertainment, Harris Merchandising, Harris Musik- und Fernsehproduktionen, Harris Gastronomie.

Dann die Erleuchtung: Herrenunterwäsche! ?Das ist ein relativ schnell verkäufliches Produkt und in der Herstellung nicht so teuer wie andere Textilien", erkennen Beck und Blessing und blasen zum Angriff auf die Feinrippnation. Doch Statistiken legen nahe, dass der deutsche Mann eine Drüber-hui-drunter-pfui-Kreatur ist.

Bei Unterwäsche denken 90 Prozent an Schiesser, erfuhr der Marktführer 1998 in einer Umfrage. Um die restlichen zehn Prozent balgen sich die anderen Produzenten: Von Versace und Cerutti über die Berliner Verkehrsgesellschaft - die mit Modellnamen wie Rohrdamm (Slip) oder Onkel Toms Hütte (Short) Berlins Topographie in 100 Prozent Baumwolle auf den Mann bringen will - bis zu Harris Fashion. ?Je modischer, desto größer die Gefahr, auf dem Wühltisch zu landen, denn in diesem Preissegment will der Kunde nur den letzten Schrei", weiß Walter Holthaus vom Gesamtverband der deutschen Maschenindustrie.

Adlon und Spitzenhöschen

Davon unbeeindruckt demonstrieren Pompöös und Harris Fashion im Dezember stilecht wider die freudlose Leibwäsche: Im Berliner Luxushotel Adlon defilieren durchtrainierte Körper in kecken Herrendessous, und ?Modeprinz" Harald Glööckler schmeißt Küsschen ins Publikum. Mit Materialien wie Spitze und femininem Zuschnitt will das Duo-Doppelpack die Herrenlenden erobern.

45.000 Euro haben Beck und Blessing bereits für jeweils 2.000 Exemplare der zehnteiligen Kollektion bezahlt. Produziert wird in der Ukraine. Mit den Musterkoffern bereisen fünf freie Handelsvertreter die Republik. Weil sie nur am Umsatz beteiligt wird, spart Harris Fashion Geld, aber nicht an den Ansprüchen. ?Ich lege sehr großen Wert auf die optische Erscheinung und ein junges Team. Meine Mitarbeiter müssen strotzen vor Stolz auf unsere Produkte", sagt Blessing.

Skeptische Kunden

Glaubt man Harris Fashion, dann giert die Kaufhauskette Breuninger bereits nach den ?pompöösen" Unterziehern, und Deutschlands Inbegriff des Gold-Card-Shoppens, das Berliner KaDeWe, signalisiert Interesse. In den Häusern selbst ist man zurückhaltend. Die Lage im Textileinzelhandel mache es für neue Label sehr schwer, Fuß zu fassen, meint Klaus Germann, im KaDeWe zuständig für die Bestellung von Herrenmode.

Trotzdem will Harris Fashion im April die ersten Herrendessous ausliefern. Ob Adam made in Germany bereit ist, 35 bis 105 Euro fürs Darunter hinzulegen? Die Harris-Macher denken schon weiter. Warum sollten Österreicher oder Schweizer nicht auch beglückt werden? Und dann die Franzosen und Italiener - und später die ganze Welt?
Dieser Artikel ist erschienen am 10.04.2002