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Die Rückkehr des Online-Assessment

Von Manfred Böcker, Handelsblatt
Im Internet-Boom war es einfach nur hip, Bewerber übers Internet zu testen. Jetzt entdecken Firmen das Sparpotenzial dieses Instruments.
HB DÜSSELDORF. Als erstes Unternehmen in Deutschland hat der internationale Markenhersteller eine internetbasierte Prüfung in ein Standard-Auswahlverfahren eingebunden: Alle Bewerber, die bei Unilever an dem Nachwuchsprogramm ?UniTrain? teilnehmen möchten, durchlaufen seit Mitte April das ?unique.st? genannte Online-Verfahren, bisher waren es 200.Unilever ist mit dem Ergebnis zufrieden: ?Wir gewähren der Zielgruppe intensive Einblicke in die Karrierewelt bei Unilever und positionieren uns mit der Vorauswahl per E-Test als besonders fortschrittliches und attraktives Unternehmen?, sagt Kay Flothow, Leiter von Anwerbung und Entwicklung bei Unilever. Früher musste das Unternehmen die Bewerber zu einem Vortest nach Hamburg einladen. ?Jetzt können sie das bequem von ihrem Rechner aus erledigen. Vom Eingang der Bewerbung bis zur Zusage dauert der gesamte Prozess im Idealfall eine Woche?, sagt Flothow.

Die besten Jobs von allen

Etwa die Hälfte aller Teilnehmer besteht den Test im Internet und nimmt an einem Telefoninterview teil. ?Wenn sich am Hörer unser positiver Eindruck bestätigt, laden wir die Bewerber zum Live-Assessment ein. Auf dieser Entscheidungsgrundlage stellen wir High Potentials ein?, sagt Flothow.Unilever testet mit Hilfe des Online-Verfahrens ausschließlich kognitive Fähigkeiten. Zum Verfahren gehört auch eine Aufgabe aus der Unternehmenspraxis. ?Weiche? Faktoren wie Teamfähigkeit oder Kommunikationsgeschick werden bewusst nicht per Internet geprüft: ?Wir halten nichts davon, diese Eigenschaften mit Hilfe eines anonymen, standardisierten Verfahrens zu testen?, sagt die Psychologin Nikolina Kopping, die die Tests für Unilever mitentwickelt hat.Trotz der geringen Verbreitung von Online-Assessments haben Bewerber in Deutschland eine genaue Vorstellung davon, was sie von den Tests erwarten, heißt es in einer Studie der Stockholmer Unternehmensberatung Potentialpark: Sie legen sehr großen Wert auf Datensicherheit und die Prüfung sollte nicht länger als eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. In jedem Fall möchten Jobsucher genaue Auskunft über die eigenen Stärken und Schwächen erhalten, vor allem zur Frage, ob sie zum Unternehmen passen.Online-Hindernisläufe haben derzeit Konjunktur: Bei vielen ausgeschriebenen Positionen herrscht ein immenser Bewerberüberhang. Da bietet es sich an, online einen Filter vorzuschalten, so dass nur noch wenige Bewerber kostenträchtig zum Vorstellungsgespräch oder Assessment- Center anreisen müssen. Das spart Kosten: Bei Unilever sind es jährlich über 75 000 Euro, allein für das Programm ?UniTrain?.Noch aber nutzen längst nicht alle Firmen die Vorauswahl per Internet: ?Derzeit setzen wir diese Testverfahren nicht ein?, berichtet Uwe Loof, Personalleiter bei der Hamburg-Mannheimer Versicherungs-AG. Mittel- und langfristig seien die Tests aber auch für den Versicherer ein Thema: ?E-Assessments sind nur in solchen Unternehmen sinnvoll, in denen die Personalarbeit schon weitgehend digitalisiert ist?, sagt Loof.Zudem stellen Online-Assessments eine beträchtliche Investition dar: Nach Angaben des Bochumer Eignungsdiagnostikers Heinrich Wottawa kostet ein firmenspezifisches Online-Assessment derzeit zwischen 30 000 und 100 000 Euro. Hinzu kommen weitere Kosten für die Auswertung der Tests: Bei über 10  000 Bewerbungen ?knapp zehn Euro pro Bewerbung aufwärts?.Diese Summen schrecken nicht alle Unternehmen ab. Als vor einigen Jahren die ersten Firmen internetgestützte Tests nutzten, galten sie vor allem als wirksames Instrument des Personalmarketing. Jetzt entdecken Personalverantwortliche das Rationalisierungspotential der Personalauswahl per Mausklick.Fehlentscheidungen in Einstellungsfragen kosten den Unternehmen nach wie vor eine Menge Geld. Noch werde in deutschen Personalabteilungen bei Einstellungen allzu oft allein ?aus dem Bauch heraus? entschieden, urteilt Wottawa.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.08.2004