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Die Rückkehr der Prophetin

Von Felix Schönauer, Handelsblatt
Die frühere Star-Analystin Abbey Joseph Cohen ist in ihrem Element und freut sich über den Aufschwung am US-Markt.
LONDON. Seit fast einem Jahr geht es an den Märkten ? mit Unterbrechungen ? aufwärts. Da machen die Prognosen wieder Spaß. Vor Journalisten in London erläuterte die Dame in den Fünfzigern dieser Tage in flüssigen Worten das US-Wachstum (?eine tatsächliche Erholung?), den Bullen-Markt bei den Aktien (?der ist real?) und die Nachhaltigkeit amerikanischer Unternehmensgewinne (?ein wirklicher Aufschwung?). Natürlich wies sie darauf hin, dass sie als erste die Erholung des amerikanischen S&P-Index prophezeit hat, als dieser noch bei läppischen 750 Punkten stand. Momentan liegt er wieder weit über der 1000er Marke, und der ?Konsens hat sich unserer Meinung angeschlossen?.Und ebenso selbstverständlich brachte sie der ? mittlerweile lichteren ? Fangemeinde eine Botschaft in zwei Teilen mit. Erstens: Aktien werden sich bald wieder deutlich besser entwickeln als Anleihen. Zweitens: Die Zeit der defensiven Dividendentitel ist vorbei. Potenzial bieten jetzt Papiere mit einem hohen Beta, also mit größeren Entwicklungschancen bei höherem Risiko. Wer die Augen schloss, konnte sich mühelos in Zeiten zurückversetzen, als Anleger an Kursverdoppelung im 14-Tagesrhythmus glaubten, die Wirtschaft in Schwung war und sich Worte von Frau Cohen sofort in Aktienkursen niederschlugen.

Die besten Jobs von allen

Zwar ist es nicht so, dass Abby Cohen in den letzten Jahren verschollen wäre. Nur hörte kaum jemand mehr auf die Frau, die Anfang der 90er Jahre durch die frühe Prognose des Börsenbooms in einen Kultstatus hineinwuchs. Es ging ihr wie anderen Gurus vom Schlage einer Mary Meeker: Sie, deren Popularität zeitweise der eines Hollywoodstars glich, sanken in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends in den Ranglisten der Fondsmanager deutlich ab. Zwar bestand Cohens einziger Fehler darin, dass sie zu spät auf die Bremse getreten hatte. Aber das war genug, um in einem dreijährigen Bärenmarkt von den Investoren abgestraft zu werden.Von dem damaligen Schlag hat sich Cohen bis heute nicht richtig erholt. So taucht sie in der wichtigsten Rangliste des ?Institutional Investor?- Magazins vom Oktober wieder einmal nicht unter den Top-Drei auf. Den Spitzenplatz belegt ein Morgan Stanley-Analyst namens Steven Galbraith, dessen Image hier zu Lande ebenso grau ist wie Abby Cohens Haare.Sollte ihr das etwas ausmachen, lässt sie es sich nicht anmerken. Im Gegenteil, sie verbreitet ihre eigene Theorie über die Fehler der Vergangenheit: Die optimistischen Prognosen seien auch durch schlechte Daten der Unternehmen zu stande gekommen. Und eigentlich wäre die Welt-Wirtschaft längst wieder auf dem ? von ihr prognostizierten ? Wachstumspfad. Wenn, ja wenn da nicht der 11. September, diverse US-Bilanzskandale und der Irak-Krieg jeweils zur Unzeit gekommen wären.Was bleibt Frau Cohn heute übrig, als optimistisch nach vorne zu gehen? Die US-Wirtschaft wird im nächsten Jahr um mindestens 3 % wachsen, das allgemein befürchtete Verschuldungsrisiko der Privaten droht nur in den unteren Einkommensklassen und das amerikanische Bilanzdefizit ist längst nicht so schlimm wie befürchtete. Eigentlich könnte es bald so wie früher sein, nur dass alle Beteiligten ein paar Jahre älter geworden sind. Etwas ist aber doch grundsätzlich anders: Als Bulle möchte sich Abbey Cohen nicht mehr bezeichnen lassen.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.10.2003