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Die Rückkehr der Familie

Von Katharina Kort
Der gebürtige New Yorker John Elkann rückt an die Spitze des Agnelli-Clans und wird damit zu einem der mächtigsten Männer Italiens. Mit dem 32-jährigem Elkann, dem ältesten Sohn von Gianni Agnellis einziger Tochter, übernimmt nach rund zehn Jahren wieder ein Familienmitglied die Führung der Holding,
Agnelli-Enkel John Elkann nimmt die Zügel im Clan in die Hand. Foto: Reuters
MAILAND. Ein schon weißhaariger Gianni Agnelli und sein halbwüchsiger Enkel mit Lockenkopf spazieren Seite an Seite im Central Park. Sie lachen herzlich, und die Jogger in der amerikanischen Finanzhauptstadt New York nehmen die beiden gar nicht zur Kenntnis. Ein ganz normaler Großvater, der mit seinem Enkelsohn das normale Leben genießt.Es ist eine Szene aus den 80er-Jahren. Mittlerweile ist der gebürtige New Yorker John Elkann 32 Jahre alt und schickt sich an, die Zügel des Agnelli-Clans endgültig in die Hand zu nehmen: Heute wird er auf der Hauptversammlung zum Präsidenten der Familienholding Ifil gekürt ? und damit zu einem der einflussreichsten Männer Italiens. Die Gesellschaft hält mehr als 30 Prozent der Aktien am Autokonzern Fiat und kontrolliert unter anderem den Fußballklub Juventus Turin.

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Mit Elkann, dem ältesten Sohn von Gianni Agnellis einziger Tochter, übernimmt nach rund zehn Jahren wieder ein Familienmitglied die Führung der Holding, an der insgesamt 90 Agnelli-Erben beteiligt sind. Der bisherige Präsident Gianluigi Gabetti gibt das Amt ab ? die Familie ist zurück.Die Agnellis sind die Kennedys Italiens: Reich, im Jetset zu Hause und vom Schicksal geschlagen. Mehrere Mitglieder der Familie starben schon jung bei Unfällen oder auch durch Selbstmord. Seinen Ruhm und seinen Einfluss verdankt der Clan Gianni Agnelli. Er hatte Fiat, das von seinem Großvater gegründet worden war, nach dem Krieg zu einem der großen Autohersteller Europas ausgebaut ? und zum wichtigsten Industrieunternehmen Italiens.Auch wenn unter der Ägide der Agnellis und der von ihnen gewählten Manager Fiat um die Jahrtausendwende in eine seiner schwersten Krisen schlitterte: Dem Mythos der Agnellis hat das in Italien keinen Abbruch getan. Als Gianni Agnelli im Jahr 2003 das Zeitliche segnete, kam seine Beerdigung der eines Königs gleich. Tausende Trauergäste gaben ihm das letzte Geleit, darunter viele Fiat-Mitarbeiter.Elkann ist in seiner Erscheinung weit von der seines Großvaters entfernt. Gianni Agnelli war als Playboy bekannt, er jettete zwischen der Karibik, New York und Monte Carlo hin und her und setzte Trends. Als er seine Armbanduhr über den Hemdmanschetten trug, ahmte ihn bald darauf halb Italien nach; als er die Schuhe der Marke Tod?s anzog, garantierte das dem Unternehmen endgültig den Erfolg.John Elkann dagegen ist kein Trendsetter. Er ist Kontinuität. Während sein Bruder Lapo mit Drogenexzessen und Transvestiten für Schlagzeilen sorgt, heiratet John, noch keine 30 Jahre alt, Livinia Borromeo, die einem der ältesten Adelsgeschlechter Italiens entstammt. Sie hat ihm mittlerweile bereits zwei männliche Nachkommen geboren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Aura des braven SchwiegersohnsDer schmal gewachsene Mann hat die Aura des braven Schwiegersohns. Ob er auf der Mole vor den ockerfarbenen Häuserfassaden des Edel-Badeörtchens Portofino mit seiner blonden Ehefrau spaziert oder auf dem Podium bei der Hauptversammlung von Fiat sitzt ? Elkann kommt stets etwas steif daher. Die gewellten Haare sind präzise gekämmt, der Anzug oder auch die Jeans sitzen perfekt.Sein Händedruck ist fest, aber nicht zu fest. Auf seinen Lippen trägt er stets ein freundliches, fast schüchternes Lächeln. Das Fortbestehen des Unternehmens und des Einflusses der Familie hat für ihn Priorität. Gemeinsam mit Gabetti sorgte Elkann vor zwei Jahren dafür, dass der Anteil des Clans an Fiat trotz einer Kapitalerhöhung nicht verwässerte.Der Deal war rechtlich nicht ganz koscher und rief sogar Börsenaufsicht und Staatsanwaltschaft auf den Plan. Denn die Agnellis vermieden durch geschickte Tricks, ein Übernahmeangebot für das gesamte Unternehmen vorlegen zu müssen.Aber der Zweck heiligt die Mittel. Und der Zweck ist der Fortbestand der Familie und ihrer Interessen. Das hat manchmal auch Vorrang vor der engsten Familie selbst. Als Johns Mutter Margherita Agnelli im vergangenen Jahr forderte, das Erbe von Gianni Agnelli neu zu verhandeln, ließ ihr Sohn sie abblitzen.Er distanzierte sich öffentlich von seiner Mutter, die sich von Gabetti und anderen Managern übergangen fühlte und mehr Anteile für ihre anderen Kindern forderte, und sprach Gabetti sein Vertrauen aus. Trotz seines Bubengesichts kann John Elkann auch hart sein. Das bestätigen Fiat-Mitarbeiter: ?Er ist sehr höflich und nett. Aber er weiß, was er will. Und er lernt dazu?, sagt einer aus dem Konzern.Wer mit ihm arbeitet, erkennt auch eine gewisse Parallele zum berühmten Großvater. ?In den Meetings hört er viel zu und macht nur den Mund auf, wenn er etwas von der Sache versteht ? wie Gianni Agnelli?, sagt ein Fiat-Manager.In der Öffentlichkeit kommt er immer noch etwas verkrampft und schüchtern herüber. Doch auch das richtet sich nach dem Publikum. Als er in Wisconsin Kindern der Firmenmitarbeiter ihre Stipendien verleiht, scherzt er mit den Studenten über ihre seltsame Studienwahl. ?Er war richtig locker?, berichtet einer, der dabei war. Aber da waren auch keine Analysten oder Wirtschaftsjournalisten im Publikum.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von John ElkannJohn Elkann1976
Er wird als Sohn von Margherita Agnelli und des Schriftstellers und Journalisten Alain Elkann geboren. Seinen Schulabschluss macht er 1994 in Paris.
1997
Noch während des Wirtschaftsingenieur-Studiums am Politecnico in Turin steigt er in den Verwaltungsrat der Fiat-Gruppe auf. Nach seinem Abschluss 2000 arbeitet er zwei Jahre im Ausland für General Electric.
2002
Er kehrt nach Turin zurück, um im Bereich strategische und finanzielle Planung zu arbeiten. 2004 wird er zum Vizepräsidenten Fiats ernannt.
2008
Elkann steigt zum Präsidenten der Familienholding Ifil auf. Dort hatte er bereits zwei Jahre den Vize-Posten inne.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.05.2008