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Die rote Zora

Von Martin Buchenau
Eine Karriere im Kaufhauskonzern ihres Vaters blieb Helga Breuninger verwehrt. Sie arbeitet in der Stuttgarter Bürgerstiftung und führt die Breuninger-Stiftung ? und schaut dahin, wo kaum jemand hinschauen mag. Helga Breuninger hilft Menschen, die in der Gesellschaft scheitern. Alter, Sterben, Trauer ist der Dreiklang, bei dem die promovierte Psychologin die meisten Defizite in der Gesellschaft sieht.
Sie sitzt in der ersten Reihe. Immer wieder blättert sie in ihren Unterlagen, um sich vor dem Auftritt zu beruhigen. Dann steht die elegant gekleidete Frau auf und steigt mit ruhigen, aber bestimmten Schritten auf die Bühne. Am Mikrofon ist alle Nervosität verflogen.?Es ist sicher nicht so angenehm, was sie jetzt zu sehen bekommen?, sagt Helga Breuninger. ?Haben Sie aber keine Angst, wenn Sie diesen Film anschauen. Lassen Sie sich einfach nur berühren, dann gibt er Kraft?, empfiehlt sie in ihrer Laudatio für den Preisträger der Stuttgarter Bürgerstiftung.

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Die zierliche Frau mit den roten Haaren verspricht nicht zu wenig. Im Film zündet eine Gruppe von Menschen nacheinander Kerzen an. ?Für meinen Pappi?, sagt ein siebenjähriges Mädchen, ?für Mami?, ein Junge. Eine Frau erzählt, wie sie ihr Kind verloren hat und wie sie danach in ein Loch fiel. Erst bei der Gruppe ?Unterm Regenbogen? ? einer Eltern-Kind-Trauergruppe im Stuttgarter Hospiz ? habe sie Halt gefunden.Am Ende des Films ist es still. Manche der 450 geladenen Gäste im Foyer der Landesbank-Baden-Württemberg haben feuchte Augen. Aber dann machen sie sich mit einem befreienden Applaus Luft. Helga Breuninger hat das Publikum erreicht.Alter, Sterben, Trauer ist der Dreiklang, bei dem die promovierte Psychologin die meisten Defizite in der Gesellschaft sieht. Hier will sie helfen. Deshalb arbeitet sie in der Stuttgarter Bürgerstiftung. Deshalb führt sie die von ihr und ihrem Vater, dem süddeutschen Kaufhaus-König, gegründete Breuninger-Stiftung, die jährlich einen nicht genannten Millionenbetrag für die ?Bewältigung von Herausforderungen unserer Zeit? ausgibt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mit 21 versteht sie den Vater nichtWenn Helga Breuninger etwas anpackt, dann richtig. Gerade erst zur Chefin der Bürgerstiftung gewählt, mischt sie schon kräftig mit: Sie hat dafür gesorgt, dass alle preisgekrönten Initiativen mit einem professionell gedrehten Video vorgestellt werden. ?Man muss doch zeigen, was diese Menschen leisten?, sagt Breuninger. Für sie sind das die Stars. Und nicht die Prominenten, die etwa zur Bambi-Verleihung nach Stuttgart kamen. ?Das war doch schrecklich?, sagt die Wohltäterin. ?Ich war auch dort. Aber hier ist das wirkliche Leben.?Und sie hat noch viele Ideen, was im ?wirklichen Leben? zu verbessern ist: ?Wir brauchen Plattformen, um die Kräfte zu bündeln.? Deshalb hat sie ein ehrgeiziges Ziel: Sie will alle 100 Bürgerstiftungen miteinander vernetzen, die inzwischen überall in Deutschland entstanden sind. Sie träumt von einem flexiblen, schnellen Netzwerk, um Erfahrungen auszutauschen und bei großen Projekten gemeinsame Sache zu machen.Ihre Initiativen steuert Helga Breuninger vom Bosch-Areal aus. Dort ist mitten in Stuttgart aus dem Werk des Autozulieferers ein moderner Bürokomplex entstanden. ?Dahinten kann man das Kaufhaus sehen?, sagt die 59-Jährige beim Blick aus dem Büro ihrer Stiftung, das einer gemütlichen Maisonette-Wohnung im Dachgeschoss gleicht.Jetzt kann sie lächeln, wenn sie über ?das Kaufhaus? ihres Vaters spricht. Vor Jahren war das anders. Der Senior, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen mittelständischen Kaufhauskonzern aufgebaut hat, traut ihr damals nicht zu, das Familienunternehmen zu führen. Obwohl sich die Tochter nach dem frühen Tod ihres Bruders sehr bemüht, dessen Platz als designierter Nachfolger an der Firmenspitze einzunehmen. Sie studiert Volkswirtschaft in Tübingen, liefert sich mit dem Vater aber heftige philosophische Briefwechsel über das ewige Thema: Ist der Mensch von Natur aus schlecht oder nicht? ?Mir war das Menschenbild von Marx damals näher, ich war schon sehr links?, gesteht Breuninger über ihre Zeit in den wilden 60er-Jahren in Tübingen. ?Vielleicht hat dies mein Vater irgendwie gespürt?, erinnert sie sich.?Ich hätte auch unser Kaufhaus in Stuttgart führen können. Vielleicht hätte ich nicht den Mut zur Expansion gehabt?, sagt sie heute über ihren Vater, der aus dem Kaufhaus eine Kette machte. ?In jedem Fall habe ich aber den interessanteren Job bekommen.? Damit meint sie die Breuninger Stiftung, die Heinz Breuninger bereits 1968 gründet. Um sie zu finanzieren, bringt er seine Anteile am Kaufhaus-Konzern ein. Gleichzeitig schließt er seine Tochter von der Nachfolge aus und vertraut das Unternehmen lieber einem externen Manager an.Da ist Helga Breuninger gerade 21 Jahre alt. Sie versteht den Vater nicht und beginnt das Zweitstudium Psychologie in Essen. 1973 verzichtet sie mit ihren beiden Schwestern auf den Pflichtteil zu Gunsten der Stiftung. Aber sie ist resolut genug, als Gegenleistung eine führende Rolle in der Stiftung zu verlangen. Als sie in Essen in Psychologie promoviert, stirbt ihr Vater im Alter von nur 60 Jahren. Sie ist 33 und plötzlich die wichtigste Kuratorin der Stiftung.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Eine Million muss man schon haben, um so arbeiten zu können? Aber zunächst macht sie ihr Ding weiter. Sie eröffnet in Essen ein Institut, in dem sie sich als klinische Psychologin um lernschwache Kinder kümmert. Erst 1989 kehrt sie in ihre Heimatstadt Stuttgart zurück.Dann, 2004, trifft sie eine wichtige Entscheidung, um die Stiftung langfristig zu sichern. Sie verkauft ihre Anteile am Kaufhauskonzern an den heutigen Vorstandschef Willem van Agtmael und bringt den Erlös als Kapital in die Stiftung ein. Von dessen Erträgen finanziert sie seitdem die vielen Projekte wie die Vorleseaktion ?Leseohren hochgeklappt? für Kinder als Reaktion auf die verheerenden Ergebnisse der Pisa-Studie. Wie viel sie jährlich als Budget zur Verfügung hat, verrät sie nicht. Sie sagt nur: ?Eine Million muss man schon haben, um so arbeiten zu können.?Wie sieht sie ihre Rolle? ?Ich bin ein bisschen wie die rote Zora?, sagt Helga Breuninger in Anspielung auf das gleichnamige Jugendbuch. Es handelt von einer Bande von Waisenkindern, die von einem Mädchen mit roten Haaren angeführt wird. Wie sie kämpft Breuninger für Menschen, denen es schlecht geht.Und die rote Zora aus Stuttgart gibt zu, dass sie schon gerne der Chef ist. ?Ich bin ein Motor?, sagt Helga Breuninger von sich. ?Sie sprüht vor Ideen?, sagt eine Mitarbeiterin und fügt hinzu: ?Ideen, die wir dann umsetzen müssen.?Breuninger leitet nicht nur ihre eigene Stiftung und die Stuttgarter Bürgerstiftung. Sie hat auch die Firma ?Successio? gegründet, die Familienunternehmen beim Generationswechsel berät. Und sie ermutigt junge Frauen, das zu tun, was ihr verwehrt blieb: die Führung der Firma zu übernehmen.Wer so viel anschieben und ermutigen will, braucht viel Kraft. Jeden Morgen beginnt Breuninger den Tag mit Yoga und Konzentrationsübungen. Sie holt sich dazu Anregungen aus aller Welt, egal ob aus Fernost oder der indianischen Kultur.Und manchmal scheint es so, als würde sie den Briefwechsel mit ihrem Vater immer noch führen, nur nicht mehr so verbissen. Der Mensch sei weder gut noch schlecht von Natur aus, weiß sie heute. Die nordamerikanischen Indianer würden das einfach so ausdrücken: Jeder Mensch habe zwei Wölfe in der Brust, es komme darauf an, welchen er füttere. Und in Anlehnung an Freud sagt sie: ?Jeder teilt aktiv aus, was er passiv eingesteckt hat.?Aber ein bisschen will sie doch den Gegenbeweis antreten: ?Ich will Vertrauen in die Welt tragen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.03.2007