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Die richtigen Entscheidungen treffen

Von Hans Kaminski
Professor Hans Kaminski von der Universität Oldenburg schreibt im Handelsblatt exklusiv über die Bedeutung der ?Opportunitätskosten?.
OLDENBURG. Wer etwas über den Charakter des Wirtschaftens erfahren will, sollte sich mit dem Begriff der Opportunitätskosten auseinandersetzen. Eine Vorüberlegung soll uns helfen: Ökonomen als Berufsgattung machen nur dann Sinn, wenn es Knappheit gibt.Ihre Aufgabe ist es, Knappheit, wo immer sie auftritt, zu reduzieren. Sie müssen insgeheim hoffen, dass Knappheit nie aufhören möge, weil damit ihr Berufsstand ohne Existenzberechtigung wäre und letztlich damit auch ökonomische Bildung überflüssig sein würde. Ein Graus, so könnte ein Schelm sagen.

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Aber mit der generellen Knappheit der Güter besteht die Notwendigkeit, dass gewirtschaftet werden muss. Wirtschaften heißt Entscheidungen über den Einsatz knapper Produktionsfaktoren treffen. Diese Entscheidungen erzeugen Kosten, besser Opportunitätskosten. Sie sind die Kosten der zweitbesten Verwendung. Die Kosten eines Gutes bestehen in dem, was man dafür an anderen Gütern aufgibt. Oder anders ausgedrückt: Opportunitätskosten sind die Kosten, die durch den Verzicht auf die beste Alternative entstehen. Ein kleines Denkmodell hilft uns, dies besser zu verstehen:Wir nehmen an, dass die Produktionsfaktoren eines Landes für die Erstellung von nur zwei Gütern eingesetzt werden, entweder für das Konsumgut Butter (100 000 Tonnen) oder für das Investitionsgut Webmaschine (1 000 Stück). Werden zum Beispiel nur 80  000 Tonnen Butter, produziert, kann man ausrechnen, wieviele Webmaschinen sich dann noch herstellen lassen.Wer sich für den Kauf einer CD in Höhe von 15 Euro entscheidet, kann dieses Geld nicht mehr für den Besuch eines neuen Musikfilmes verwenden, der ebenfalls 15 Euro kostet. Die vorhandenen Finanzmittel reichen eben nicht für beides aus, das heißt der entgangene Kinobesuch entspricht den Opportunitätskosten für den Erwerb einer CD. Und wer ein Brett im Kamin verheizt, kann dieses Brett nicht mehr für den Bau eines Bücherregals verwenden.Da die menschlichen Bedürfnisse offensichtlich unbegrenzt und die Ressourcen begrenzt sind, werden ständig Auswahlentscheidungen erforderlich. Das bedeutet, dass alle wirtschaftlichen Güter Opportunitätskosten haben. Auch die Zeit ist ein hochwertiges ökonomisches Gut, mit dem häufig unökonomisch umgegangen wird. Die zwei Stunden im Kino oder in der Eckkneipe können nicht für das Lesen eines Buches verwendet werden.Bekannt ist, wie in den früheren zentralverwaltungswirtschaftlichen Systemen Zeit buchstäblich verwüstet wurde. Konsumenten verbrachten, auf die Lebenszeit berechnet, mehrere Jahre in Schlangen, um den Bedarf an Gütern des alltäglichen Bedarfs zu decken.Überall entstehen beim Einsatz von Kapital, Rohstoffen und Zeit Opportunitätskosten. Einige Beispiele mögen uns für das Denken in Opportunitätskosten sensibilisieren.Ein Tummelplatz für ein fehlendes Denken in Opportunitätskosten ist die Wirtschaftspolitik. Nehmen wir beispielsweise die Kosten, die immer wieder für den Straßenverkehr hochgerechnet werden und gleichzeitig suggeriert wird, dass die berechneten X Milliarden Euro für alternative Verwendungen frei verfügbar sein würden. Die Kosten einer mangelnden Mobilität, die Kosten für Arbeitnehmer in eisenbahnfreien Regionen, die Zeitkosten für lange Anfahrtswege mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln werden nicht in Rechnung gestellt, weil die Ideologie den Blick für Opportunitätskosten trübt. Und worin ? so lässt sich fragen ? würden die gesellschaftlichen Opportunitätskosten bestehen, wenn alle Menschen nur Fahrrad fahren und der Ausstoß an Kohlendioxid sich so zweifelsfrei senken ließe?Worin bestehen des Weiteren die Opportunitätskosten eines gebührenfreien Studiums für Abiturienten aus der Sicht eines Steuerzahlenden oder der Eltern, die monatlich 150 Euro für einen Kindergartenplatz bezahlen müssen?Wechseln wir die Perspektive: In der Kostenrechnung eines Unternehmens wird zum Beispiel mit kalkulatorischen Zinsen, Unternehmerlohn und Mieten operiert. Wie hoch sind die Erträge, wenn das vorhandene Kapital verzinst, die Räume an ein anderes Unternehmen vermietet oder die eigene Arbeitskraft an andere Unternehmen verkauft worden wäre? Wie hoch sind also die Opportunitätskosten für den Nutzenentgang durch andere Verwendungen von Kapital, Arbeitskraft und sonstigen Ressourcen?Und noch ein Perspektivenwechsel: Die privaten Haushalte freuen sich über ein steigendes Güterangebot, weil sie damit mehr Auswahlmöglichkeiten erhalten. Das steigende Güterangebot mit einer beschleunigten und steigenden Gütermenge der privaten Haushalte steht auch in Konkurrenz zu der zur Verfügung stehenden Konsumzeit und erzeugt zunächst nichts anderes als steigende Opportunitätskosten.Fazit: Die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Opportunitätskosten von Entscheidungen, ob aus der Sicht der Konsumenten, der Unternehmen, der politischen Akteure ist unabdingbar, wenn es nicht immer zu Fehlentscheidungen kommen soll.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.06.2004