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Die Revolutionärin

Von Katharina Kort
Jonella Ligresti vermeidet die Öffentlichkeit und kommt eher bescheiden daher. Dabei weiß die 39-Jährige genau, wo es lang geht. Und das sollte sie auch, denn sie ist Präsidentin des viertgrößten italienischen Versicherers Fondiaria-Sai und bekleidet damit als erste Frau in der italienischen Finanzgeschichte eine führende Position im Versicherungswesen.
MAILAND. Die ehemalige Wettkampf-Springreiterin ist eher stürmisch zu ihrem Job gekommen: Ihr Vater Salvatore Ligresti, der sein Vermögen in den 70er-Jahren als Bauunternehmer anhäufte, war Mitte der 90er-Jahre in einen der größten Schmiergeldskandale Italiens verwickelt. Er wurde für schuldig befunden, den Staatskonzern Eni bestochen zu haben, um dessen Mitarbeiter mit den eigenen Versicherungspolicen zu versorgen. 1996 verkaufte er daher seine Anteile an der Premafin-Holding, über die er den Versicherer Sai kontrollierte, an seine drei Kinder. Seine erstgeborene Tochter Jonella Ligresti steigt zur stellvertretenden Chairwoman der Premafin auf.2001 folgt der Aufstieg zur Präsidentin ? oder auch Chairwoman ? von Sai. Damit war die Sizilianerin die erste Frau in der italienischen Finanzgeschichte, die eine führende Position im Versicherungswesen übernahm. Zwei Jahre später zog sie zudem in den Verwaltungsrat der mächtigen Mailänder Investmentbank Mediobanca ein. Für das Traditionshaus, in dessen Hinterzimmern über Jahre die Geschicke der italienischen Wirtschaft bestimmt wurden, glich das einer kleinen Revolution.

Die besten Jobs von allen

Aber einen leicht revolutionären Geist hat die Finanzfrau wohl schon immer gehabt, wie die kleine tätowierte Schwalbe zwischen Zeigefinger und Daumen ahnen lässt. ?Auch ich habe als sehr junger Mensch Träume gehabt. Aber dann wächst man?, hat sie vor einigen Jahren in einem ihrer seltenen Interviews mit dem Corriere della Sera gesagt, als sie auf das Tattoo angesprochen wurde. Bereuen würde sie ihren Job jedoch nach eigenen Aussagen auf keinen Fall. Nebenher hat sie noch zwei Kinder auf die Welt gebracht, das erste mit 25 Jahren. Und auch ihrem Hobby, dem Reiten, geht sie heute so oft wie möglich nach.Ihr Studium an der renommierten Mailänder Wirtschaftsuniversität hat sie nie beendet. Stattdessen arbeitete sie schon früh in verschiedenen Positionen im Versicherer der Familie: als Buchhalterin, als Sekretärin und auch als Brokerin. Als ihr Mentor gilt Fausto Marchionni, der seit mehr als drei Jahren Vorstandsvorsitzender des Versicherers ist.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jonella Ligrestis Geschichte ist eine Erfolgsstory, die in Italien nur selten anzutreffen ist.In Mailänder Finanzkreisen gilt die Erstgeborene der Ligresti-Familie als sympathisch und ambitioniert. Sie will nicht nur bei den Reit-Wettkämpfen gewinnen, sondern auch im wirtschaftlichem Tauziehen: Als Chairwoman begleitete sie aktiv die Übernahme des Konkurrenten Fondiaria. ?Das hat länger gedauert als eine komplette Schwangerschaft?, erinnert sie sich in dem Interview. Tatsächlich habe die Schwangerschaft ihres Sohnes etwa zeitgleich begonnen, ?aber ich hätte nie gedacht, dass Paolo Giovanni viel, viel früher, gekommen wäre? als der Fusionsabschluss, der länger als ein Jahr auf sich warten ließ. Heute ist der fusionierte Versicherer die Nummer vier in Italien, mit einem Marktanteil von knapp zehn Prozent, bei den Autoversicherungen sogar ein Viertel.Jonella Ligrestis Geschichte ist eine Erfolgsstory, die in Italien nur selten anzutreffen ist. Die Suche nach weiblichen Vertretern in Verwaltungsräten ist fast aussichtslos. Bei italienischen Unternehmen stellen Frauen im Durchschnitt gerade einmal zwei Prozent der Verwaltungsratsmitglieder, bei den Banken und Versicherungen sieht es noch schlechter aus. Als Faustregel gilt jedoch: Verwandtschaft hilft: Fast alle Frauen in Italiens Unternehmensspitzen haben familiäre Bande vorzuweisen. Das gilt auch für die Präsidentin der mächtigen Finanzholding Fininvest: Marina Berlusconi ist die Tochter aus erster Ehe des ehemaligen Regierungschefs Silvio Berlusconi.
Erfolg mit SchadensversicherungenDie Firma: Fondiaria-Sai ist Ende 2002 aus dem Zusammenschluss der beiden gleichnamigen Versicherer entstanden. Heute ist Fondiaria-Sai die Nummer vier in Italien und landesweit mit knapp 6 000 Mitarbeitern tätig. 2005 lagen die Prämieneinnahmen bei 9,5 Mrd. Euro. Hauptaktionär ist Premafin, die Familien-Holding der Ligresti.Geschäftsbereiche: Schadensversicherungen und Rückversicherungen sind das Hauptgeschäft von Fondiaria-Sai. Lebensversicherungen machen nur ein Viertel des Geschäfts aus.Ihre Zahlen: Der Nettogewinn hat sich von 2002 bis 2004 versiebenfacht. 2005 lag das Nettoergebnis bei 586 Mill. Euro. Doch für 2006 rechnen Analysten mit einem Rückgang auf 450 Mill. Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.01.2007