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Die Reifenkönigin

Von Gerd Höhler
Beim türkischen Autozulieferer Sabanci vereint Konzernlenkerin Güler Sabanci Geschäft und Sozialengagement. Die mächtigste Frau der Türkei gilt als knallhart. Jetzt will sie den Französischen Präsidenten und Türkei-Skeptiker Sarkozy mit Wein aus eigenem Anbau überzeugen.
Güler Sabanci ist seit 2004 Chairperson der Sabanci-Gruppe. Bild: www.bachmann-illustration.de
ISTANBUL. Der Regen peitscht an die Scheiben im 25. Stock des Sabanci Towers. Die Bürotürme im Istanbuler Geschäftsviertel Levent verschwimmen in den Wolken. Aber man braucht keinen Ausblick, um zu wissen: Hier ist man ganz oben.?Welcome?, ruft Güler Sabanci schon von weitem, als sie aus der weiträumigen Zimmerflucht der Chefetage ihr Büro ansteuert, und streckt dem Besucher die Hand zur Begrüßung entgegen. Sie hat eine sonore, rauchige Stimme. Man spürt sofort: Diese Frau dominiert.

Die besten Jobs von allen

Güler Sabanci ? elegant, aber unprätentiös im schwarzen Hosenanzug ? ist in einer Männerwelt aufgewachsen. ?Ich war das erste Mädchen in der Familie?, erinnert sie sich. ?Mein Vater hatte fünf Brüder, und für meinen Großvater, Haci Ömer Sabanci, war ich die erste Enkelin, ein unbekanntes Wesen ? das hat mir Vorteile gebracht?, glaubt sie. Schon als sie drei ist, nimmt sie der Firmengründer Haci Ömer an der Hand und zeigt ihr seine Werkshallen. ?Vielleicht mag ich deshalb Fabriken so gern?, sagt sie.Nun ist die Enkelin ganz oben angekommen. Güler Sabanci ist heute die erfolgreichste Frau in der türkischen Wirtschaft. Das Wirtschaftsmagazin ?Fortune? führt sie auf Platz acht der weltweit mächtigsten Frauen. Sie steuert den zweitgrößten Konzern der Türkei nach der Koc-Gruppe. Und sie kontrolliert fast 70 Einzelunternehmen aus den Branchen Finanzdienstleistungen, Kraftfahrzeuge, Energie, Textil, Lebensmittel, Einzelhandel und Chemie.Den Großvater verehrt sie noch immer. Sein Bild hängt an der Wand ihres Büros. Gerne erzählt sie lebhaft die Geschichte, wie alles angefangen hat: wie Haci Ömer 1921 als 14-Jähriger aus dem zentralanatolischen Kayseri zu Fuß ins 450 Kilometer entfernte Adana wandert, sich dort als Baumwollträger verdingt, seinen Verdienst in Land investiert und mit Anfang 20 als Partner in ein Baumwoll-Handelsunternehmen einsteigt.?Er war ein kluger Mann und ein harter Arbeiter?, sagt Güler Sabanci. ?Er hatte die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen und zu motivieren.? Der Firmengründer starb 1966. Sein Sohn Sakip Sabanci folgte und baute die Unternehmensgruppe zum Weltkonzern aus. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2004 bestimmte er seine Nichte Güler zur Nachfolgerin. Warum sie? Weil sie sehr eng mit ihrem Onkel zusammenarbeitete.Dennoch war es eine kleine Sensation, dass die Wahl auf die damals 49-Jährige fiel. ?Sakip hatte zwei Brüder?, sagt sie, ?deshalb habe ich eigentlich nicht daran geglaubt, dass ich an die Reihe kommen würde.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das soziale Engagement der ReifenköniginDoch Frauen sind in den Chefetagen türkischer Unternehmen häufiger anzutreffen, als man es in einem muslimischen Land erwarten würde. Überdies hatte Güler Sabanci bereits ihre Qualifikation unter Beweis gestellt: 14 Jahre lang führte sie die Reifensparte des Konzerns. ?Das war eine reine Männerwelt?, erinnert sie sich. ?Aber ich wurde sehr schnell akzeptiert ? ein bisschen haben sich die Männer mir angepasst, ein bisschen ich mich ihnen.?Die Wertschätzung ihres Onkels Sakip erwarb sich Güler aber auch, weil sie mit ihm bei allem zusammenarbeitete, was die Gruppe karitativ und kulturell treibt. Für ihn baute sie die Sabanci-Universität auf, eine angesehene Privathochschule in Istanbul, an der fast 3 000 Studenten eingeschrieben sind, 40 Prozent von ihnen mit einem Stipendium des Konzerns.?Man sollte das Geld, das man in diesem Land verdient, den Menschen dieses Landes zurückgeben?, pflegte der Firmenpatriarch zu sagen. Als großzügiger Mäzen hatte er den Status eines Volkshelden. Die Sabanci-Uni, das Sabanci-Kunstmuseum und die Stiftung: Das sind auch für Güler Sabanci Herzensangelegenheiten. ?Ich versuche, die Hälfte meiner Arbeitszeit den nicht-kommerziellen Aktivitäten unserer Gruppe zu widmen.? Die Stiftung, hat gerade mit der Uno und dem türkischen Innenministerium ein Projekt zur Stärkung der Frauenrechte gestartet. Güler Sabanci ist Sprecherin der Initiative.Aber das Unternehmen kommt nicht zu kurz. Güler Sabanci hat den früher ?schwerfälligen Supertanker? auf neuen Kurs gebracht: ?Als ich 2004 anfing, waren wir auf acht Kerngeschäftsfeldern tätig, heute sind es noch fünf: Finanzdienstleistungen, Zement, Einzelhandel, Automobile und Energie.? Und das ist noch nicht alles: ?Ich könnte mir vorstellen, dass wir in zehn Jahren nur noch vier Kerngeschäfte haben.? Wovon sie sich trennen will, sagt sie nicht.Eine Frau an der Spitze des großen türkischen Konzerns?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was die türkische Finanzwelt von Sabanci hält?Sie ist genau die Richtige?, lautet das Urteil der meisten Istanbuler Analysten. Die Sabanci-Gruppe glänzt Jahr für Jahr mit neuen Rekordergebnissen, seit Güler Sabanci als sogenannte Chairperson amtiert.?Knallhart? sei sie im Geschäft, sagt ein prominenter Istanbuler Unternehmer: ?Sie versteht, sich besser durchzusetzen als die meisten Männer, die ich kenne.? Eine Bankerin sagt: ?Die hat Haare auf den Zähnen? ? und meint das durchaus anerkennend. ?Sie delegiert, ist ein guter Teamplayer, will aber auch schnelle Entscheidungen?, sagt ein Ex-Mitarbeiter. Sie gilt als mächtigste Frau der Türkei. ?Aber ich würde es vorziehen, wenn man mich die erfolgreichste Frau der Türkei nennen würde ? ich glaube fest an die Macht des Erfolgs.?Was kann eine Frau im Topmanagement besser als ein Mann??Ich weiß nicht, ob Frauen spezifische Vorteile haben?, sagt sie. ?Ich kann nur für mich sprechen: Ich glaube, meine Stärke liegt darin, dass ich klar analysiere und dem Team präzise Ziele setze.?Auf ihren Arbeitstag bereitet sie sich mit Frühsport vor: ?Ich gehe jeden Morgen joggen, danach mache ich Pilates.? Ins Büro kommt sie gegen halb zehn. Gegen 18.30 Uhr ist meist Feierabend.Über ihr Privatleben dringt wenig an die Öffentlichkeit. Sie lebt als Single. ?Privat ist privat?, sagt sie.Aber so viel verrät sie doch: ?Ich pflege meine Freundschaften, die sind mir sehr wichtig.? So verwöhnt sie Gäste gerne mit italienischen Spezialitäten. Zum Essen serviert sie Wein aus einem ihrer Güter. Der Weinbau ist eines ihrer Steckenpferde. Ihr Cabernet Sauvignon hat unter Weinkennern einen guten Ruf. ?Viele Europäer denken, die Türkei könnte keine guten Weine herstellen, weil sie muslimisch ist?, sagt Sabanci, ?aber das stimmt nicht.?Zum Beweis will sie dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy jetzt eine gute Flasche aus eigener Produktion in den Elysée-Palast schicken ? um den Türkei-Skeptiker vielleicht doch noch umzustimmen.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2008