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Die rechte Hand des Chefs

Daniel Rettig. Foto: Pixelio,de
Von Vorstandsassistenten wird viel verlangt: Die Anforderungen sind hoch, der Arbeitsalltag stressig. Doch wer durchhält, hat gute Chancen auf eine Top-Karriere.
Bald wird Steffen Brinkmann seinen Schreibtisch räumen, die Koffer packen und seine Heimat verlassen. Seit einem Jahr ist der 27-Jährige Vorstandsassistent des Continental-Personalvorstands Heinz-Gerhard Wente. Jetzt geht Brinkmann für den Hannoveraner Konzern in die USA. Er macht das, was viele Assistenten nach ein paar Jahren machen: die Karriereleiter hochklettern.

Unter karriereorientierten Hochschulabsolventen zählt der Job des Vorstandsassistenten in einem großen Konzern zu den begehrtesten Einstiegspositionen. Nicht ohne Grund: Viele Top-Manager von heute begannen ihre Laufbahn einst als Assistent. Ekkehard Schulz wurde 1972 Vorstandsassistent bei Thyssen, heute leitet er den Konzern. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking war früher ebenfalls Assistent in dem Unternehmen, das er heute führt. Und Roland-Berger-Chef Burkhard Schwenkner war am Anfang seiner Karriere Vorstandsassistent bei den Papierwerken Waldhoff-Aschaffenburg.

Die besten Jobs von allen


Salopp formuliert könnte man sagen: Der Vorstandsassistent macht das, was der Vorstand nicht machen will und das Sekretariat nicht machen kann. Das hört sich vielleicht leicht an, um aber in die engere Auswahl zu kommen, müssen Bewerber einiges mitbringen. Zumeist erwünscht ist ein Diplom in Betriebs- oder Volkswirtschaft, aber auch ein Abschluss in Jura, Naturwissenschaften oder Ingenieurwesen kann helfen - die Note des Abschlusszeugnisses jedoch sollte im Spitzenbereich liegen. Große Dax-Konzerne legen zudem oft Wert auf eine Promotion. Andere Voraussetzungen kann man an der Uni nur schwer lernen: Teamfähigkeit und Selbstständigkeit, ein souveränes Auftreten und Kommunikationsvermögen. Denn beim Assistenten muss die Chemie zum Vorgesetzten noch mehr stimmen als in anderen Positionen: Man verbringt schließlich bis zu 60 und mehr Stunden in der Woche zusammen.

Nicht immer werden Assistenten direkt von der Uni rekrutiert, oft werden auf diese Karriere fördernde Position auch ambitionierte Mitarbeiter berufen, die schon eine Weile im Unternehmen sind. So wie Steffen Brinkmann, der nun schon seit sechs Jahren für Continental tätig ist. Nach dem Abi absolvierte er ein berufsbegleitendes Studium: Zwölf Wochen im Jahr studierte er an der Leibniz Akademie in Hannover, den Rest des Jahres arbeitete er im Unternehmen: "Dadurch konnte ich verschiedene Bereiche durchlaufen, wie etwa Marketing, Vertrieb und Controlling." 2004 wurde Brinkmann Personalreferent - doch damit nicht genug. Parallel machte er noch sein BWL-Diplom an der FH für Wirtschaft und Technik. Eine lehrreiche, aber auch anstrengende Zeit.

Im Februar 2007 kam der ehemalige Conti-Personalvorstand Thomas Sattelberger auf Brinkmann zu und fragte ihn, ob er nicht als Vorstandsassistent bei ihm anfangen wolle, Brinkmann zögerte keine Sekunde. Der Personalvorstand heißt zwar seit Mai 2007 Heinz-Gerhard Wente, aber der Assistent blieb derselbe. Zu Brinkmanns Aufgaben gehört unter anderem die Recherche und Informationsbeschaffung für Wente, wenn dieser Gespräche mit Gewerkschaften oder anderen Unternehmen führt. Oder er versorgt ihn für Auslandsreisen mit Informationen und Präsentationen. Besonders froh ist er über den persönlichen Kontakt mit seinem Chef: "Ich sitze gleich um die Ecke und kann jederzeit zu ihm rein, ohne mir einen Termin geben zu lassen."

Obwohl Brinkmann in seinem Job noch nie langweilig geworden ist, steht jetzt ein Jobwechsel und ein Umzug an: In Chicago wird er sich um zweierlei kümmern: die Integration von Siemens VDO und die Fortführung des ehemaligen Motorola-Standorts, den Continental übernommen hat: "Ich werde dort im Personalbereich arbeiten und mich beispielsweise um das Recruiting von jungen Ingenieuren kümmern." Natürlich hat Brinkmann die Entscheidung, in die USA zu gehen, auch mit Wente diskutiert: "Er hat mir auch dazu geraten."

Wie Steffen Brinkmann kannte auch David Hahn seinen heutigen Chef schon vorher. Der 31-Jährige ist seit Juli 2006 Vorstandsassistent bei Henkel. Dort arbeitet er dem Belgier Hans van Bylen zu, der für den Unternehmensbereich Kosmetik und Körperpflege verantwortlich ist. Schon während des Betriebswirtschaftsstudiums in Köln machte Hahn 1999 ein Praktikum beim damaligen Vorstandsassistenten im Bereich Kosmetik. Nach dem BWL-Diplom bekam Hahn im Jahr 2003 eine Stelle bei Henkel und arbeitete im Bereich "International Controlling Cosmetics" für den Raum Asien. Dieser fiel damals in den Verantwortungsbereich von van Bylen, so lernten sich die beiden kennen. Als der Belgier dann in den Henkel-Vorstand aufrückte, fragte er Hahn, ob er sein Assistent werden wolle - der musste nicht lange überlegen.

Hahn ist verantwortlich für die Vor- und Nachbereitung der verschiedenen Sitzungen. Er schreibt mit, erstellt Protokolle, hilft bei Reden und Vorträgen. Außerdem begleitet er van Bylen zu Konferenzen und Terminen außer Haus. Hahn ist van Bylens einziger Assistent. "Wir haben noch eine Sekretärin und eine Mitarbeiterin, die mich in meiner täglichen Arbeit unterstützt", sagt er.

Durch seine Tätigkeiten gewinne er sehr viel Einblick in das Unternehmen und die Strategien. Außerdem könne er sich durch die vielen unterschiedlichen Kontakte ein großes Netzwerk aufbauen. Sein Einsatz als Assistent endet im kommenden Sommer: "Ich habe mit Herrn van Bylen ausgemacht, dass ich nach zwei Jahren ausscheide. Was genau ich danach mache, ist noch nicht sicher - allerdings werde ich definitiv bei Henkel bleiben."

Wer als Vorstandsassistent arbeitet, hat schon mal einen wichtigen Mentor auf seiner Seite - das kann sicher auch Martin Winterkorn bestätigen. 1981 begann der promovierte Physiker als Vorstandsassistent bei Audi, bei einem gewissen Ferdinand Piëch. Mehr als ein Vierteljahrhundert später sind die beiden wieder vereint: Winterkorn als Vorstandsvorsitzender von VW, Piëch als Aufsichtsratschef.

Auch heutzutage gilt die Tätigkeit als Vorstandsassistent als Karrieresprungbrett: "Die Position ist mindestens gleichwertig zu einem Einstieg als Unternehmensberater, wenn nicht sogar besser", sagt Personalberater Thomas Becker, Geschäftsführer bei der Personalberatung Russell Reynolds. Denn als Unternehmensberater seien Berufseinsteiger meist nur für eine Branche zuständig - als Vorstandsassistent könne man die Abläufe eines ganzen Konzerns mitbekommen. "Das ist eine extrem gute Schulung für den beruflichen Werdegang", sagt Becker. Und die wird auch noch gut bezahlt: Nach Berechnungen der Personalberatung Kienbaum bekommen Assistenten mit geringer oder ohne Berufserfahrung zwischen 35000 und 60000 Euro jährlich, Spitzenkräfte bis zu 100000 Euro.

Natürlich würde jeder mit dem Berufswunsch Vorstandsassistent bei einem großen, am liebsten bei einem Dax-Unternehmen einsteigen. Und noch lieber gleich beim Vorstandsvorsitzenden. Doch wer seinem Chef nicht schon mal zufällig über den Weg gelaufen ist oder bereits ein paar Jahre in der Firma verbracht hat, der braucht einen herausragenden Lebenslauf. Zum Beispiel den von Philip Schnedler.

Er studierte von 1995 bis 2000 Wirtschaftswissenschaften an der Universität St. Gallen, der London School of Economics und der University of Chicago. Zwei Jahre später war seine Doktorarbeit fertig - mit 25 Jahren. Nebenbei gründete er BrainsToVentures, eine Internet-Plattform, die Business Angels mit Start-Up-Unternehmen zusammenbringt. 2003 ging Schnedler zurück nach Deutschland - für den Job als Vorstandsassistent beim bekanntesten deutschen Konzernlenker: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann.

Genau in die Zeit seiner Assistententätigkeit fällt unter anderem der Mannesmann-Prozess, in dem auch Josef Ackermann vor Gericht stand. "Es gibt nur wenige Positionen, bei denen man so früh in seiner Karriere derart tiefe Einblicke in das Management eines Konzerns und die Entscheidungsprozesse in der Wirtschaft erhält", sagt Schnedler heute. Der Job sei intensiv und fordernd: "Man muss viel geben, bekommt aber umso mehr zurück."

Eins mahnt er aber an: "Wichtig ist, nicht die Bodenhaftung und den Kontakt zum operativen Geschäft zu verlieren." Als Vorstandsassistent verfüge man über geliehene Macht, sagt Schnedler: "Mit dieser gilt es verantwortungsvoll und bescheiden umzugehen." Schnedler hat offenbar sehr viel richtig gemacht - denn nach dem Job bei Ackermann ging seine Karriere weiter: Der 31-Jährige ist heute Direktor im Bereich Investmentbanking bei Goldman Sachs in London. Vor einigen Jahren hat Schnedler mal gesagt, dass er als Berufsziel die Selbstständigkeit oder den Vorstand in einem "Europe Top 500 Unternehmen" anstrebe. Es sieht so aus, als wäre er auf dem besten Weg dorthin. Jobprofil Etwa 6000 Vorstandsassistenten gibt es in Deutschland: Da diese Position oft ein Durchlauferhitzer für die nächste Karrierestation ist, bleiben nur wenige länger als zwei bis drei Jahre auf dem Assistentenposten. Freie Stellen besetzen die Unternehmen gern mit besonders ambitioniertem Führungsnachwuchs. Der Job ist kein Spaziergang: "Der kluge Vorstandsassistent teilt sich seine Kraft für einen dreijährigen Marathonlauf ein", rät der Autor Hans R. Lang in seinem Buch "Der Vorstandsassistent - Aufgaben und Karrierechancen". Zu den täglichen Aufgaben der Assistenten gehören unter anderem:

  • Bilanzen erstellen
  • Protokolle schreiben
  • Sitzungen vor- und nachbereiten
  • Beschlüsse formulieren
  • Reden schreiben
  • Projekte initiieren
  • Strategien entwickeln
  • mit der Presse kommunizieren

    Buchtipp: "Der Vorstandsassistent - Aufgaben und Karrierechancen" von Hans R. Lang. Das Buch ist 2005 bei Gabler erschienen und kostet 32,90 Euro.
  • Dieser Artikel ist erschienen am 30.01.2008