Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Die Rakete der Wall Street

Von Torsten Riecke
Ihr Ruf eilt ihr wie Donnerhall voraus. ?Cruz Missile? wird die 51-jährige Zoe Cruz an der Wall Street genannt. Was der Co-Präsidentin von Morgan Stanley diesen Spitznamen eingebracht hat, ist allerdings nicht ganz klar. Für die einen ist es ihre unverblümte Offenheit. Andere führen das Etikett darauf zurück, dass Cruz seit nunmehr 25 Jahren zielstrebig und unbeirrt den Erfolg sucht.
NEW YORK. Für die einen ist es ihre unverblümte Offenheit. Andere führen das Etikett darauf zurück, dass Cruz seit nunmehr 25 Jahren zielstrebig und unbeirrt den Erfolg sucht ? für ihre Investmentbank und für sich selbst.In beiden Fällen hat sie ihre Ziele nahezu erreicht. Für Morgan Stanley erwirtschaftete die Bankerin 2005 mit dem Handelsgeschäft fast 40 Prozent der Konzerneinnahmen. ?Zoe hat während ihrer mehr als 24 Jahre bei der Firma erfolgreich Geschäftsbereiche aufgebaut und (gute) Resultate geliefert?, sagte Morgan-Chef John Mack, als er Cruz im Februar vergangenen Jahres zusammen mit Robert Scully zu Präsidenten der Investmentbank berief.

Die besten Jobs von allen

Mit einem Bonus von fast 20 Mill. Dollar im vergangenen Jahr gehört die ehrgeizige Managerin zu den am besten bezahlten Frauen an der Wall Street. In der ?Forbes?-Hitliste der mächtigsten Damen der Welt liegt die eher unscheinbar wirkende Finanzfrau auf Platz zehn.Die Laufbahn der ?Cruz Missile? ist jedoch nicht immer so gradlinig verlaufen, wie ihre Erfolge es erscheinen lassen. Als sie am Anfang ihrer Karriere bei einer Beförderung übergangen wurde, heulte sie sich zunächst die Augen aus, bevor sie sich bei ihrem Boss mit den Worten beschwerte: Sie wolle nicht als einfache Mitarbeiterin Karriere machen. ?Wenn ich emotional auf Dinge reagiert habe, sind mir die meisten Fehler unterlaufen?, bekannte die Managerin später freimütig vor 350 Studenten der Harvard Business School.Dauerhaft geschadet hat ihr der Gefühlsausbruch jedoch nicht. Als Co-Chefin des Devisengeschäfts setzte Cruz ihren Aufstieg zwischen 1993 und 2000 fort und knüpfte enge Kontakte zu Großinvestoren wie George Soros. Ab 2000 leitete sie mit dem Geschäftsbereich ?Fixed Income? das eigentliche Kraftzentrum von Morgan Stanley und führte die Bank zurück in das lukrative Geschäft mit der Verbriefung von Hypotheken. Den Nachwuchstalenten in Harvard gab die gelernte Literaturwissenschaftlerin drei Ratschläge mit auf den Karriereweg: selbstbewusst sein, die Spielregeln befolgen und Mehrwert beisteuern.Wie schwierig es jedoch manchmal ist, die Balance dabei zu behalten, hat die Harvard-Absolventin schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Als sich im Frühjahr 2005 bei Morgan Stanley eine Palastrevolte formierte, schlug sie sich auf die Seite des damaligen Chefs Philip Purcell und soll die Kritiker mit nicht ganz stubenreinen Ausdrücken bedacht haben.Viele Kollegen reagierten überrascht und verbittert, dass ausgerechnet die risikobewusste Cruz den Bürokraten Purcell unterstützte. Schnell kam der Verdacht auf, dass die forsche Bankerin mehr an ihre Karriere als an das Wohl der Bank gedacht habe. Purcell dankte ihr die Loyalität mit einer Beförderung und machte sie zu seiner möglichen Nachfolgerin.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Cruz entspricht ganz dem Image der ?Power-Frau?.Als der damalige Konzernchef dann doch abtreten musste, lotete Cruz zunächst ihre Chancen aus, selbst an die Spitze der Investmentbank zu rücken. Im kleinen Führungskreis soll sie den Verwaltungsrat sogar aufgefordert haben, niemanden zu ernennen, der ihr nicht das Wasser reichen könne. Das Gremium entschied sich jedoch gegen sie und holte den früheren Spitzenmanager John Mack zurück.Cruz stand somit zunächst ohne Rückhalt da. Sie suchte jedoch nicht das Weite, sondern blieb im Vertrauen auf ihre Erfolgsbilanz bei der Firma, bei der sie 1982 ihre Karriere begonnen hatte. Ihre Rechnung ging auch deshalb auf, weil Morgan Stanley mit Mack jenen Manager zum neuen Chef kürte, der während der 90er-Jahre der Mentor von Cruz war.Mack hielt an der Handelsspezialistin fest und bestätigte sie in der Position, in die sie bereits von Purcell befördert worden war. Auch als Starbanker wie Vikram Pandit sich weigerten, mit Cruz zusammenzuarbeiten, blieb der neue Morgan-Chef hart und stellte sich hinter seinen Zögling. Pandit und andere kehrten deshalb nicht zu Morgan Stanley zurück.Die Rückkehr von Mack und die von ihm angestoßene Kulturrevolution bei Morgan muss Cruz wie eine Befreiung empfinden. Setzt der heutige Konzernchef doch vor allem darauf, dass die Investmentbank mehr Risiken eingeht, um wieder Anschluss an den Branchenprimus Goldman Sachs zu finden. Das ist ganz nach dem Geschmack der Händlerin Cruz. ?Wir müssen mehr Risiken übernehmen als in der Vergangenheit?, sagte sie im vergangenen Jahr auf einem Bankenkongress in Europa. Nicht genügend Risiken einzugehen, sei das allergrößte Risiko. Eine Aussage, die Purcell wohl kaum unterschrieben hätte.Nicht nur im Beruf, auch privat entspricht Cruz ganz dem Image der ?Power-Frau?. Die Mutter von drei Kindern ist mit Ernesto Cruz verheiratet, der als Chef des Bereichs Equity Capital Markets bei der Großbank CSFB ebenfalls zu den ?Power-Playern? an der Wall Street gehört. Für Freizeit bleibt da wenig Raum. ?Mein Sozialleben pendelt um den Nullpunkt herum?, räumt sie ein. Unzufrieden ist die Bankerin damit jedoch nicht. ?Für mich bemisst sich der Erfolg daran, wie glücklich man ist?, sagt Cruz.
Wall Streets Nummer zweiDie Bank: Morgan Stanley ist nach Goldman Sachs die Nummer zwei unter den Investmentbanken an der Wall Street. Geführt wird das Finanzhaus seit dem vergangenen Jahr von John Mack, der den damals geschassten Philip Purcell abgelöst hat. Anders als Goldman verfügt Morgan neben dem Handelsgeschäft und dem InvestmentBanking auch noch über eine Brokersparte. Das Kreditkartengeschäft Discover soll dagegen im neuen Jahr abgespalten werden.Das Comeback: Konzernchef Mack hat die Bank nach seiner Rückkehr wach gerüttelt und darauf getrimmt, mehr Risiken einzugehen. So hat Morgan zum Beispiel für mehr als eine Mrd. Dollar eine Reihe von Hedge-Fonds übernommen, um seinen vermögenden Kunden bessere Renditen bieten zu können. Zudem nimmt die Bank mehr eigenes Kapital in die Hand, um sich direkt an Unternehmen zu beteiligen.Die Zahlen: Mit einem Nettogewinn von 2,21 Mrd. Dollar überraschte die Bank im abgelaufenen Quartal positiv. Trotzdem hinkt die Gewinnentwicklung hinter der Konkurrenz her. Sparten wie das Brokergeschäft bremsen.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.01.2007