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Die Pleiten und Pannen des Jacques Chirac

Von Holger Alich und Christoph Nesshöver
Der französische Präsident Jacques Chirac ist schon jetzt am Ende, das Jahrzehnt mit ihm an der Spitze des Landes war ein Fehlschlag. Sein Nachfolger wird aber erst im Frühjahr 2007 gewählt.
Die Zwischenbilanz von Chiracs Amtszeit enttäuscht. Foto: dpa
PARIS. Tausende Gäste lädt er zu sich nach Hause zur Gartenparty, wo sie ihm mit Champagnergläsern zuklimpern. Mittags empfängt er zwei Journalisten im ersten Stock des Elysée-Palastes und erklärt ihnen und seinen Landsleuten live die Welt. Zwei Mal noch, heute und nächstes Jahr, darf Jacques Chirac die Hauptrolle spielen am größten Tag, den es für einen französischen Präsidenten gibt. Der 14. Juli, der Sturm auf die Bastille, der Beginn der Revolution 1789, die das Volk an die Macht und das "Ancien Régime" mit seinen selbstverliebten Herrschern aufs Schafott brachte.Heute ist es Chirac, der das Alte, das Überholte verkörpert. Im Frühjahr 2007 wird erst sein Nachfolger gewählt. Doch schon jetzt ist klar: Chiracs Jahrzehnt an Frankreichs Spitze war ein Fehlschlag. Und nicht nur das: Die zahlreichen Pleiten des 70-Jährigen haben sein Land tief verunsichert. Frankreich droht in kollektiver Depression zu versinken.

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Mit einem Sieg über London im Rennen um Olympia 2012 wollte Chirac, der von 1977 bis 1995 als Bürgermeister Paris wie ein Fürstentum regierte, vor einer Woche den Trend noch einmal wenden und seiner Amtszeit wenigstens ein Denkmal schaffen. Auch daraus wurde nichts.Das Modell Frankreich hat seine Anziehungskraft verloren. "Das Land hegt existenzielle Zweifel", findet Pascal Boniface, Leiter des Instituts für internationale und strategische Beziehungen in Paris.Kein Politiker verkörpert dieses Modell mehr als Chirac. Seit über 40 Jahren logiert er in Dienstwohnungen: als Abgeordneter, Minister, Premier, schließlich seit 1995 als Präsident und Nachfolger von François Mitterrand. "Man kann Parallelen sehen zwischen dem Niedergang Frankreichs und dem von Präsident Chirac", sagt Michaël Cheylan vom Think-Tank Institute Montaigne.Anno 1995 versprach Chirac, die "fracture sociale", die soziale Kluft im Land, zu schließen. Heute ist das Land tiefer gespalten denn je. Beispiel Arbeitsmarkt: Mit 26,4 Prozent hat Frankreich im europäischen Vergleich eine der niedrigsten Beschäftigungsquoten unter jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. Und unter den älteren sieht es nicht viel besser aus: nur 40,6 Prozent der 55- bis 64-Jährigen haben noch einen Job. Nachdem die Arbeitslosigkeit zwischenzeitlich von fast 13 auf 8,5 Prozent gesunken ist, liegt sie nun wieder bei über zehn Prozent.Beispiel Integration: Auch Einheimische und die 3,2 Millionen Zuwanderer sind einander ferner denn je. Längst vergessen ist der Juli 1998, als Frankreich im eigenen Land Fußballweltmeister wurde mit einer nach Hautfarben bunt gemischten Truppe um Superstar Zinedine Zidane, einen Sohn algerischer Einwanderer. Der Traum der Revolutionäre von 1789 einer klassenlosen Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle schien erreicht. Aber schon fünf Jahre später pfiffen algerischstämmige Franzosen im Stade de France von Paris, dem Ort des WM-Triumphs, die Marseillaise aus - im Beisein Chiracs.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Verrat an republikanischen WertenBeharrlich weigert sich der Präsident, Randgruppen durch Stipendien und Studienplatzquoten gezielt zu fördern. "Verrat an den republikanischen Werten" sei das, Verrat an 1789. Auch wegen solcher Realitätsverweigerung halten die 30- bis 45-Jährigen laut einer Studie der Agentur Euro-RSCG ihre politische Elite für zynisch und verlogen.Dabei könnte Chirac Frankreich eigentlich nach Herzenslust reformieren. Im Parlament hat seine konservative Partei UMP seit 2002 fast eine Dreiviertelmehrheit. Er beruft die Regierung, und er kann sie auch jederzeit wieder entlassen. Aber er zauderte zu lange. Bei den Regionalwahlen 2004 verlor die UMP 21 von 22 Regionen an die Linke.Wenn in der Innenpolitik nichts mehr geht, bleibt ihm immer noch die Außenpolitik. Doch auch dort liegen dicke Schichten Patina auf einstiger Glorie. Die flammende Rede von Außenminister Dominique de Villepin im Uno-Sicherheitsrat 2003 gegen den Irak-Krieg war eine Sternstunde - aber eine folgenlose."Das Selbstverständnis der Franzosen hängt nicht nur von der persönlichen Lage ab, sondern auch von der Einschätzung von Frankreichs Einfluss in der Welt", sagt Stéphane Rozès vom Meinungsforschungsinstitut CSA. Die Mehrheit der Franzosen sieht diesen schwinden: auf Krieg und Frieden, auf die USA, in den Ex-Kolonien in Afrika - und innerhalb der EU. Auch deshalb lehnten die Franzosen Ende Mai mit deutlicher Mehrheit die EU-Verfassung ab in einem Referendum, zu dem sie Chirac ohne Not aufgerufen hatte.Und der Präsident? Der versuchte, Tony Blair wegen des Briten-Rabatts beim EU-Haushalt in die Enge zu drängen, aber auch das ging nach hinten los. Blair erinnerte keck daran, dass ein Großteil des EU-Budgets für die Landwirtschaft draufgeht, vor allem die französische. Das sei ja nun nicht gerade die Zukunft, spitzmaulte Blair. Und Chirac stand als der Blockierer da, als Auslaufmodell.Nicht mal die berüchtigte "exception française" in der Kultur rettet dem Präsidenten das Prestige. Milliardär und Präsidenten-Freund François Pinault wird seine Sammlung zeitgenössischer Kunst wohl nach Venedig geben statt nach Paris.Längst zerfleischen die einstigen Günstlinge Chiracs einander, um ihn zu beerben. Das größte Raubtier unter ihnen, Innenminister Nicolas Sarkozy, biss rechtzeitig zum Nationalfeiertag erneut zu: Im Fernsehen solle ein Präsident nur reden, "wenn er auch was zu sagen hat", ätzte Sarkozy, der 2004 gegen den Willen Chiracs den UMP-Vorsitz an sich riss. Vor genau einem Jahr hatte Chirac seinen Rivalen am 14. Juli noch per TV angeraunzt: "Ich entscheide, er führt aus." Doch Chiracs Basta-Politik ist längst zahnlos geworden.Als er beim G8-Gipfel vor einer Woche die Olympia-Pleite kommentieren muss, wirkt Chiracs Grinsen gestanzt: "Ich bin enttäuscht."Die größte Enttäuschung aber ist Jacques Chirac wohl selber.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.07.2005