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Die Pillenzwillinge aus Holzkirchen

Von Martin W. Buchenau
Thomas und Andreas Strüngmann haben sich ein kleines Pharma-Imperium geschaffen. Jetzt gehört auch noch eine Bank dazu.
MÜNCHEN. Einen namhaften Hersteller von edlen Uhren aus Glashütte würde er gerne übernehmen, nicht nur weil er die Qualität der Uhren als Kunde schätzt. ?Die Firma könnte man viel besser vermarkten?, sagt Thomas Strüngmann. Unternehmen mit nicht ausgeschöpftem Potenzial reizen ihn ? und das schon immer.Am Donnerstag gelang den Gebrüdern Strüngmann der jüngste Coup: Sie übernahmen die Südwestbank von der DZ Bank. Genossenschaftsbanken gelten eigentlich nicht als verkäuflich, ?aber wenn die Brüder eine Chance sehen, finden sie auch einen Weg?, heißt es in der Pharmabranche.

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Zum Kaufpreis wollte Thomas Strüngmann dem Handelsblatt nichts verraten. Es sei aber nur der kleinere Teil der 300 Millionen Euro geflossen, die aus dem Verkauf der Mehrheit an Betapharm vor einigen Wochen eingenommen wurden.Strategische Absichten verfolgten sie nicht, erklärte Thomas Strüngmann am Donnerstag. Der Kauf diene allein der Diversifikation. Doch in die Karten lassen sie sich ohnehin nicht gern schauen.Thomas und Andreas Strüngmann sind weit mehr als die Gründer von Hexal. Gemeinsam haben sie sich mit der Familien-Holding Santo ein kleines Imperium aufgebaut. Santo klingt dabei nur auf den ersten Blick spanisch oder italienisch. Es handelt sich schlicht um die Abkürzung für ?Strüngmann Andreas Thomas?. Santo hält die Mehrheit an Hexal, hat aber rein rechtlich nichts mit dem Generika-Hersteller zu tun.Die Strüngmanns gehören längst zu den reichsten Deutschen. Allein Hexal wird auf einen Wert von mehreren Milliarden Euro geschätzt. Mit 5 000 Beschäftigten plant Hexal in diesem Jahr einen Umsatzanstieg auf 1,4 Milliarden Euro. Das Unternehmen ist in den vergangenen Jahren jährlich immer zweistellig gewachsen und hat außer im Gründungsjahr nie Verlust gemacht.Der Firmenwert wird sich im nächsten Jahr überprüfen lassen, denn dann soll das Holzkirchener Unternehmen an die Börse gebracht werden. ?In diesem Jahr schaffen wir das nicht mehr?, sagte Strüngmann kürzlich ? jetzt wird klar warum: In diesem Jahr standen die Bank-Akquisitionen und Desinvestments der Familie auf der Prioritätenliste oben.Doch über Geld und die Familienholding spricht Thomas Strüngmann nicht gerne. Denn er liebt das Understatement. Chef-Allüren und Statussymbole sind ihm ebenso fremd wie seinem Bruder. Er isst wie selbstverständlich in der Firmenkantine, die freilich ein sensationelles Niveau hat ? aber eben auch für alle seine Mitarbeiter. Kein Wunder, dass Hexal zum beliebtesten Arbeitgeber in der Pharmabranche gewählt wurde.Keiner seiner Mitarbeiter zuckt zusammen, wenn er über den Flur kommt. Ihr Spitzname, ?unsere Doctores?, klingt fast schon liebevoll. Die Beschäftigten schätzen ihre Chefs, weil sie klare und erreichbare Vorgaben machen. Die Vorstandszimmer sind vom Flur einsehbar.?Das Protokoll des Führungskräftegremiums erhalten alle Mitarbeiter per E-Mail?, versichert Strüngmann. Darüber hinaus gibt es einige Extras, die wohl nur in der gut verdienenden Pharmabranche möglich sind: Ein firmeneigener Shuttle-Bus bringt die Mitarbeiter vom Bahnhof in das abgelegene Industriegebiet neben der Autobahn München-Salzburg. Zudem verfügt die Firma über ein Fitnesscenter, das auch die ?Doctores? nutzen. ?Sie müssen die Menschen mitnehmen, sonst haben Sie in ihrem Unternehmen ein großes Problem?, sagt Strüngmann.Das muss zu geschäftlichen Interessen nicht unbedingt im Widerspruch stehen. Die Arzneimittelwerke in Dresden übernahm Hexal im März, ? weil wir an die Leute dort glauben?, sagt Strüngmann. Die Brüder könnten mal wieder ein Schnäppchen gemacht haben: Dem Verkäufer Degussa war es nicht gelungen, das Werk trotz technischer Investitionen von bis zu 70 Millionen Euro profitabel zu machen. Statt zu schließen, verkauften die Frankfurter. Strüngmann ist optimistisch, dass die Sachsen in Kürze wieder profitabel sind. ?Mein Bruder weiß, wo man die besten Fische angelt, und ich ziehe sie an Land?, beschreibt Thomas Strüngmann die Arbeitsteilung der Zwillinge, die sich nach Auskunft von Mitarbeitern blind vertrauen.Wenn die Brüder ein Ziel haben, gehen sie direkt darauf zu. Schon länger wurmte die Strüngmanns, dass Marktführer Ratiopharm viel bekannter als Hexal ist. Kurzerhand wurde Deutschlands größter bekennender Hypochonder Harald Schmidt als Werbeträger engagiert. Mit Erfolg: Der Bekanntheitsgrad schnellte enorm in die Höhe. Die millionenschwere Werbekampagne soll auch nach Schmidts Ausstieg bei Sat. 1 fortgeführt werden.Offiziell äußert sich Strüngmann nicht zu seinem Hauptkonkurrenten Ratiopharm, aber Mitarbeiter berichten, dass er nicht viel von Chef Adolf Merckle und dessen Führungsstil hält. Mit seiner Mannschaft will er schneller und flexibler als der Platzhirsch sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.04.2004