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Die perfekte Welle

Peter Nederstigt/Liane Borghardt
Startups, Business Angels und Venture Capitalists: Die Akteure der New Economy sind zurück. karriere erklärt, warum Gründen im Internet wieder heiß ist und was die Generation Web 2.0 anders macht

Stephan Uhrenbacher hat den Schweinezyklus miterlebt. Einmal die New-Economy-Welle rauf und runter. Beim englischen Reiseportal Lastminute.com, damals Liebling der Investoren, war er 1999 Mitarbeiter Nummer 30 und verantwortlich für Nordeuropa. "Die haben es geschafft, die besten Leute reinzuholen", sagt der 36-Jährige. Hochdekorierte Mitarbeiter von Virgin Airlines, ClubMed und Netscape. Vier Jahre später erlebte er bei der niederländischen Internet-Apotheke DocMorris als Leiter von Marketing, IT und Vertrieb, wie es ist, wenn die Investoren kein Geld mehr nachschießen. "Nur durch Sparen konnten wir das Ruder rumreißen." Als der Interimsmanager im Frühjahr 2005 bei Investoren nach neuen Sanierungsaufträgen fragt, sagen die ihm: "Stephan, die Zeit der Sanierung ist vorbei. Die schlechten Unternehmen sind tot, und die guten laufen. Gründe lieber was Eigenes!

Die besten Jobs von allen


Willkommen im Web 2.0
Das Internet lebt. Sechs Jahre nach dem Hype hat es sich im Alltag etabliert. Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat in dieser Zeit eine zweite Generation von Gründern erfolgreiche Unternehmen aufgebaut. In Netzwerken wie den "Web Montagen" formiert sich jetzt die neue Internet-Gemeinschaft. Aber anders als die legendären "First Tuesdays" sind die Szenetreffen von heute keine Partys, auf denen sich 25-jährige Gründer wie Popstars feiern. Die Jungunternehmer der zweiten Generation sind bescheidener als ihre Vorgänger. Zwangsläufig - denn die Geldgeber schauten in den vergangenen Jahren lieber zu.

"Doch seit etwa zwölf Monaten sind erfolgreiche Startups wie Spreadshirt oder Erento bei Investoren wieder hot", sagt auch Oliver Samwer, prominenter Vertreter der jungen Gründerszene, im karriere-Interview. "Die natürliche Phase der Vorsicht ist bei Investoren wie bei Gründern vorbei, es herrscht wieder mehr Euphorie", bestätigt Frank Böhnke, Partner beim Münchener Wagniskapitalgeber Wellington, der sich im November am Hamburger Online-Netzwerk OpenBC beteiligte

Ideen für neue Web-Portale und den elektronischen Handel sprießen wieder. Studenten der Handelshochschule Leipzig (HHL) haben jüngst ein neues Gründerzentrum initiiert, "ganz ohne Maschinenräume. Das zeigt, dass das Internet eine große Rolle spielt", sagt dessen Leiterin Kathrin Möslein. An der Universität Duisburg-Essen eröffnet Tobias Kollmann, Professor für E-Business, gerade den Brutkasten "Netstart", in dem Studenten eine Geschäftsidee im Internet umsetzen sollen. Der Münchener Business-Plan-Wettbewerb, einer der ältesten in Deutschland, registriert in diesem Jahr wieder so viele Bewerbungen wie zur ersten Boomzeit um die Jahrtausendwende. "Nach fünf Jahren ist die Zeit jetzt reif", glaubt Geschäftsführer Werner Arndt.

Googlemania
Genau wie zu Hype-Zeiten schwappt auch die zweite Internet-Welle aus den USA herüber. Dort blättern Unternehmen wie Ebay und Yahoo und Medienzar Rupert Murdoch schon wieder Milliarden für wenige Jahre alte Internet-Firmen hin. Als Auslöser für die hohen Bewertungen gilt die spektakuläre Kursentwicklung der Google-Aktie. Schon beim Börsengang Ende August 2004 hatte die Suchmaschine 1,7 Milliarden Dollar eingenommen. Kurz darauf rief die kalifornische Internet-Gemeinde um den Netzguru Tim O'Reilly auf einer Tagung in San Francisco das "Web 2.0" aus und gab damit der nächsten Internet-Ära ihre Losung

Im Mai 2006 ist der Begriff endgültig auch in Deutschland angekommen. In Hamburg diskutieren auf einem Kongress 1 000 Experten über die Chancen des Web 2.0 und die nächsten zehn Jahre im Netz. Mit auf dem Podium sitzt Internet-Pionier Stephan Uhrenbacher und spricht über die "Macht des Nutzers" und sein frisch gegründetes Startup Qype.

Prinzip Wiki
Die lokale Suchplattform, die seit Ende April im Netz steht, ist so etwas wie Gelbe Seiten mit User-Bewertungen. Da schwärmt der eine vom leckeren Honig aus dem Ostseekaff Süssau, ein anderer wundert sich über die vielen Kokser auf der Toilette eines Münchener Schicki-Clubs. Mit so genannten Tags verschlagworten die Nutzer ihre Kommentare. Kurz nach dem Start sind es schon 5 000 Einträge. Wie die bekannte Online-Enzyklopädie Wikipedia lebt Qype von seinen Usern und ist damit ein Prototyp für die Generation Web 2.0. Dessen Erfinder O'Reilly spricht von einer "kollektiven Intelligenz", Uhrenbacher nennt es die "Kultur des Teilens". Finanzieren will sich das Hamburger Unternehmen wie die vielen US-Vorbilder durch Werbeeinnahmen. Was nach dem Hype 2000 streng verpönt war, ist heute lukrativ. "Mittlerweile ist die nötige Reichweite für werbefinanzierte Geschäftsmodelle gegeben", sagt Qype-Gründer Stephan Uhrenbacher

Deutschland im Netz
Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Internet-Nutzer in Deutschland verdoppelt. Mehr als jeder zweite Bundesbürger hat Zugang zum weltweiten Netz. "Das Internet wird von einer breiten Masse als Alltagsmedium akzeptiert", sagt E-Business-Experte Tobias Kollmann. "Gleichzeitig ist die Bereitschaft, im Internet zu kaufen, stark gestiegen." Selbst sensible persönliche Daten wie die Kreditkartennummer geben die Konsumenten ohne Bauchschmerzen preis. Mit der kauffreudigen Masse wird das Internet auch als Werbemedium immer attraktiver. Für dieses Jahr rechnet der Bundesverband Digitale Wirtschaft mit bis zu 1,3 Milliarden Euro Werbeumsatz im Netz, was einem Zuwachs von 46 Prozent entspräche

Die größten Wachstumsraten verbuchten im vergangenen Jahr neue Werbeformen wie Affiliate Marketing und die Suchwort-Vermarktung. Mit dem Angebot Adwords hat Google die Online-Werbung revolutioniert; Unternehmen können ihre Anzeigen neben den Trefferlisten von Suchanfragen platzieren und damit zielgerichtet Kunden erreichen. Beim Affiliate Marketing wird die Werbung in einem großen Netzwerk von Internetseiten geschaltet. Das Besondere daran: Gebühren werden erst fällig, wenn der Nutzer auf die Anzeige klickt oder sogar erst, wenn er auf der Partnerseite einkauft

"Das ist extrem ressourcenschonend", sagt Gerald Schönbucher von der DVD-Tauschbörse Hitflip, die im Sommer 2005 an der privaten Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Koblenz gegründet wurde. Ein Jahr nach der Gründung sind auf der Seite 20 000 verschiedene Titel erhältlich, die Zahl der Mitglieder liegt im fünfstelligen Bereich und wächst täglich um ein Prozent - auch ohne großes Werbebudget.

Startkapital Taschengeld
"Am Anfang wussten wir nicht, ob die Idee fliegen wird", sagt Schönbucher. Deshalb investierten die drei Gründer erst einmal eigenes Geld und bauten innerhalb weniger Wochen ihre Plattform auf. "Heute bezahlt man keine Lizenzen mehr, sondern nur die Programmierer, und mietet für ein halbes Jahr Platz auf einem Server. Das ist wichtig für Leute, die einfach mal was ausprobieren wollen", hebt der Jungunternehmer den Unterschied zu früher hervor. Möglich macht das günstig erhältliche OpenSource-Software. Große Internet-Dienstleister wie Freenet mit der Tochter Strato sowie United Internet mit den Marken GMX, 1&1 und Web bieten im Paket mit Server-Kapazitäten fertige Online-Shops inklusive Werbebudget ab 19 Euro pro Monat an. "Für Studenten ist das Internet der natürliche Startpunkt", sagt Innovationsforscherin Kathrin Möslein von der HHL. "Man kann heute mit einem ,Taschengeld'' eine eigene Web-Seite entwickeln und schnelle Erfolge erzielen."

Schneller, besser, breiter
Nicht nur die Software ist heute günstiger und besser, sondern auch die Infrastruktur. Ohne Zugang zu bezahlbaren Breitbandanschlüssen, Digitalkameras und MP3-Playern in deutschen Haushalten würden sich viele Ideen nicht umsetzen lassen. Beispiel MyVideo, eine Plattform zur Veröffentlichung kurzer Videoclips nach dem US-Vorbild YouTube, die Mitte April in Berlin an den Start ging. "Vor zwei Jahren wäre das Ganze kaum möglich gewesen", weiß Gründer Chris Vollmann

Programmiert und betrieben wird die Seite von Rumänien aus, zwischen Idee und Umsetzung lagen gerade mal fünf Wochen. Vollmann konnte auf bestehende Kontakte zurückgreifen. Für die Samwer-Brüder hat er in den vergangenen drei Jahren die Flirtplattform I-Love aufgebaut. Als Student an der WHU hatte er zuvor in der Hochphase der New Economy die Wettplattform Gamebookers ins Leben gerufen. "Es waren verrückte Zeiten zwischen 1999 und 2000: Wir als Team aus drei 21-jährigen Grundstudiumstudenten wurden gleich von zehn Wagniskapitalgebern eingeladen." Freunde, die sich drei Jahre später um Startkapital bemühten, gingen leer aus. Mittlerweile haben sich die Investoren vom Trauma des Dotcom-Sterbens erholt. "Es werden wieder deutlich mehr Deals gemacht", sagt Christian Leybold von der Venture-Capital-Firma BV Capital. "Aber es werden heute höhere Ansprüche an den Businessplan und das Team gestellt." Anfänger haben kaum noch Aussicht auf Geld. "Das müssten schon außergewöhnliche Teams und Ideen sein, und unsere Startbeteiligung würde gering sein", betont Leybolds Kollege Frank Böhnke von Wellington. Böhnke rät Junggründern, sich intensiv mit den Erfahrungen der letzten zehn Jahre auseinander zu setzen. Am liebsten sehen die Investoren gleich funktionierende Prototypen

Are you fast?
Qype-Gründer Uhrenbacher fand schon vor dem Start über das Investorennetzwerk Brains to Ventures aus St. Gallen private Geldgeber. Das Kapital braucht er vor allem für gutes Personal. "Man kann auch klein anfangen, aber wir sind im Wettlauf mit Unternehmen, die zehn- bis 20-mal so viel Kapital haben", sagt Stephan Uhrenbacher

Immer noch klingt ihm das Motto seiner Ex-Chefin Martha Lane Fox im Ohr, der Mitgründerin von Lastminute.com. "Sie hat jeden gefragt: Are you fast? Can you execute?", erzählt Uhrenbacher. Denn eine Idee selbst ist nur 20 Dollar wert, erst die Umsetzung kann Millionen einbringen. Wer wartet, den bestraft das Netz. "Vor allem wer glaubt, einfach US-Modelle kopieren zu können, ist schon ziemlich spät", sagt Uhrenbacher. "Die Businesspläne liegen mittlerweile alle mehrfach auf den Tischen der Geldgeber.

Ihr Einstieg ins Web 2.0
Hier Bloggt die Szene
www.web20spot.de: Sammlung von deutschsprachigen Blogs zum Web 2.0

http://sevenload.de/mitglieder/web20: Liste mit Screenshots von Internetseiten der neuen Generation

www.web2con.com: Alles zum dritten offiziellen Web-2.0-Kongress, der im November in San Francisco stattfindet

http://webmontag.de: Übersicht über die Web Montage in verschiedenen deutschen Städten, an denen sich Gründer, Geldgeber und Dienstleister treffen

www.thealarmclock.com: Nachrichten über die neuesten Deals bei Internet-Unternehmen

www.techcrunch.com: Michael Arrington, Kenner des Silicon Valley, kommentiert neue Firmen und Entwicklungen im Web 2.0

www.fischmarkt.de: Weblog der Internet-Agentur Sinner-Schrader und Rückblick auf den Kongress "Die Chancen von Web 2.0"

www.lakattack.de: Einblicke in das Leben von Spreadshirt-Gründer und Web-2.0-Anhänger Lukasz Gadowski

Hier geht's zum E-Shop
www.oreilly.de/opensource: Internetpionier und Web-2.0-Namensgeber Tim O'Reilly informiert über frei verfügbare Software (Open Source)

www.rubyonrails.org: Populäre Software für die Gestaltung von Internetseiten

http://gettingreal.37signals.com: In ihrer Ideenbibel beschreiben die Macher von Ruby on Rails, wie man heute eine erfolgreiche Internet-seite aufbaut

www.gs-shopbuilder.com: Kostenpflichtige Software zum Aufbau von Online-Shops

www.1und1.de + www.strato.de: Kommerzielle Anbieter von Paketlösungen mit Software für den eigenen E-Shop und Serverkapazität

Wachsen mit Druck
So wie die Gebrüder Samwer die Ikonen des ersten Internet-Booms in Deutschland sind, ist Lukasz Gadowski das Sprachrohr der Generation Web 2.0. Innerhalb von vier Jahren hat der 29-Jährige ohne Startkapital ein Unternehmen mit aktuell rund 200 Mitarbeitern aufgebaut - Tendenz: stark steigend. Das kalifornische Technologie-Magazin Red Herring kürte sein Startup Spreadshirt gerade zu einem der 100 schnellst wachsenden Unternehmen Europas. Umsatz und Gewinn veröffentlicht Spreadshirt nicht, aber angesichts des rasanten Wachstums sagt Gadowski nonchalant: "Das ist schon ganz erfolgreich, denke ich." Solche Sätze müssen wie Messerstiche sein für all die Investoren, die den HHL-Absolventen 2001 abblitzen ließen. Ein Jahr später vermerkt Gadowski in der Firmenchronik unter Februar: Spreadshirt wird beim Kölner Businessplan-Wettbewerb NUK ein "unrealistisches Geschäftsmodell" bescheinigt

Das Geschäftsmodell: Spreadshirt bedruckt T-Shirts, Tassen und andere Merchandising-Artikel mit so ziemlich allem, was draufpasst. Einerseits. Andererseits bietet das Leipziger Unternehmen jedem, der will, kostenlose Online-Shops für das eigene Merchandising an. Erst durch die Kombination von beidem wird daraus eine geniale Idee. Denn irgendwo müssen die Betreiber ja ihre Produkte bedrucken lassen. "Im Grunde genommen machen wir unsere Kunden zu Vertrieblern", erklärt Gadowski. Die Abnehmer erhalten dafür gute Qualität selbst in Mini-Auflagen. Mehr als 100 000 Shop-Partner gibt es bereits, darunter Dickschiffe wie Coca-Cola und Warner Bros. Und jeder macht nebenbei Werbung für Gadowski, denn alle Shops sind "powered by spreadshirt"

Der Zündfunke sei das Partnerprogramm von Amazon gewesen, bei dem Unternehmen auf ihrer Web-Seite passende Bücher und andere Artikel bewerben. Wenig später unterstützte Gadowski, der schon während des Grundstudiums eine Unternehmensberatung gegründet hatte, ein Textilunternehmen und erfuhr, dass man kaum Einzelstücke in guter Qualität und zu bezahlbarem Preis bedrucken lassen kann. Mitte 2001 stellte er die erste Seite ins Netz. "Das war eher ein Prototyp. Man konnte nur T-Shirts bestellen." Aber immerhin verdiente er damit das Geld, das ihm sonst keiner geben wollte. Die ersten Mitarbeiter lud er zum Vorstellungsgespräch in die Uni. Um Personalkosten zu sparen, machte er den IT-Experten Matthias Spieß zum Teilhaber und gründete mit ihm Anfang 2002 die Spreadshirt GmbH

Ein Jahr später baten beide noch einmal vergeblich private Business Angels um Kapital. "Damals wäre das Geld extrem sinnvoll gewesen für die Expansion in die USA." Stattdessen eröffnete Spreadshirt eine Druckerei in Leipzig und finanzierte aus den höheren Margen den Angriff auf den amerikanischen Konkurrenten Cafepress. So einfach ist das. Mittlerweile arbeiten 50 Mitarbeiter für Gadowski im größten Internet-Markt der Welt. Da kommen auch die Investoren. "Seit Mitte 2005 hat jeder mal angefragt", sagt Gadowski, der nun selbst Startups wie StudiVZ und Hitflip unterstützt. Doch der Blick aus seinem Büro in einem Leipziger Gründerzentrum auf die Fabrikruinen des Industriestadtteils Plagwitz mahnt ihn, dass Wachstum kein Selbstläufer ist. "Dinge passieren oft schneller, als man es je für möglich gehalten hätte.

pnd

Mehr als die halbe Miete
Sie brauchen vorübergehend ein Brunnenbohrgerät? Oder eine Geflügelrupfmaschine (Geschwindigkeit: 1 Huhn/Minute)? Auf Erento.com können Sie solche Kuriositäten leihen - und 500 000 weitere Artikel. "Bei dem schönen Wetter laufen vor allem Cabriolets und Wohnmobile", sagt Chris Möller, der Erento Anfang 2003 mit dem ehemaligen Minolta-Vertriebler Uwe Kampschulte gegründet hat. Wie bei vielen guten Ideen stand am Anfang ein Problem: Möller wollte eine Bierbank ausleihen und telefonierte sich vergeblich durch das Berliner Branchenbuch. Als er beim Statistischen Bundesamt erfuhr, dass der Markt für "mobile Investitionsgüter ohne Bedienpersonal" allein in Deutschland 38 Milliarden Euro schwer ist, erkannte er das Potenzial einer Online-Mietplattform nach dem Vorbild von Ebay. Doch potenzielle Geschäftspartner meinten: "Das gibt es bestimmt schon", Investoren winkten ab oder hatten kein Geld.

So gründeten Möller und Kampschulte ihre GmbH mit 35 000 Euro aus eigenen Ersparnissen. "Wir haben unsere Büros zunächst zu Hause eingerichtet und setzten nur lizenzfreie Open-Source-Software ein", erzählt Möller. Im Frühjahr 2003 ging Erento mit 100 000 Artikeln online, mittlerweile verzeichnet die Plattform monatlich 450 000 Besucher und 10 000 Mietanfragen. Bei jeder Vermietung erhält Erento 3,5 Prozent Provision. Bei der Kundenwerbung setzt Möller auf Online-Formate wie Google Adwords und Banner-Tausch.

Schon ein Jahr nach der Gründung schrieb das Unternehmen schwarze Zahlen. Mittlerweile beschäftigt Erento 15 Mitarbeiter, davon acht in Vollzeit, und betreibt ein zweites Büro in Duisburg. In diesem Jahr soll der Umsatz erstmals eine Million Euro überschreiten, und das bei mehr als 20 Prozent Umsatzrendite. Möllers Fazit: "Es funktioniert auch ohne Venture Capital." Seit einem Jahr würden sich die Investoren melden. "Wir haben schon Interesse", sagt Möller, "weil wir mit mehr Kapital Sachen angehen könnten, die sonst auf der Strecke bleiben, wie andere Sprachen oder Länder.

pnd

Bloß nicht abheben
Businessplan, Geldgeber, Marketing? Brauchte Gründer Marcel Radzei erst mal nicht. "Mein Unternehmen war gar nicht so geplant. Eher ist es ein Kind, das nebenbei gewachsen ist." Seinen Namen bekam es anno 1998. Da las der Student Radzei einen Zeitungsartikel über die irische Fluglinie Ryanair und blieb an einem neuen prägnanten Begriff hängen: "Billigflieger". Instinktiv sicherte er sich die gleichnamige Internet-Domain. "Damals hatte das Wort noch nicht die Bedeutung von heute", erzählt der jetzt 31-Jährige. Weder gab es Fliegen zum Taxi-Preis, noch buchte der Deutsche Reisen im Internet

Radzei brachte sein BWL-Studium in Leipzig zu Ende, arbeitete als Assistent am Lehrstuhl für Finanzmanagement. Bis ihm fünf Jahre später ein Reisebüro einen "niedrigen vierstelligen Euro-Betrag" für seine Domain bot. Für Radzei Anstoß zu testen, ob mit dem einschlägigen Namen nicht mehr zu holen ist. Unter Billigflieger.de stellte er eine Linkliste ins Netz, die ihm am ersten Tag 400 Besucher und bald die ersten Werbekunden bescherte.

Flüge werden im Internet so selbstverständlich gekauft wie Bücher. Dafür ist im Schnäppchen-Dschungel die Suche nach dem günstigsten Ticket mühsam geworden, und Radzei findet die Geschäftsidee zum Namen: einen Flugpreisvergleich im Web. Die Werbeeinnahmen aus der Testphase steckt er in die Programmierung und Suchtechnologie. "Als One-Man-Show musste ich mir erst mal die richtigen Dienstleister suchen." Seit einem halben Jahr ist der Flugpreisvergleich Billigflieger.de online und verzeichnet durchschnittlich 20 000 Klicks pro Tag.

Der Diplom-Kaufmann beschäftigt inzwischen drei feste Mitarbeiter und je nach Bedarf freie Programmierer und Grafiker. In Leipzigs Industriegebiet, dem Grafischen Viertel, hat er Büroräume gemietet - auf Zuwachs. "Die Quadratmeterzahl können wir Schritt für Schritt erweitern." Radzei bleibt trotz Erfolg auf dem Boden. "Die Fixkosten so gering wie möglich halten", lautet sein Mantra. Anzeigenkampagnen bei Google fährt Radzei je nach Besucheraufkommen auf seiner Seite rauf oder runter.

Bislang ist Billigflieger.de aus eigenem Saft gewachsen, sprich: Werbeeinnahmen aus Partnernetzwerken mit Reiseveranstaltern. Radzei verrät keine Zahlen, nur, dass er "nicht so viel verdient wie meine ehemaligen Kommilitonen, die größtenteils Investmentbanker und Berater geworden sind". Aber wichtiger ist ihm die Freiheit, bei Sonnenschein Radtouren zu machen und sich dafür nach 22 Uhr noch mal an die Arbeit zu setzen. Ein halbes Jahr nach dem Start hat Radzei einen privaten Geldgeber hinzugezogen. "Ich wollte nicht auf Teufel komm raus Anteile verkaufen." Aber bald soll ein zweites Baby kommen. Dieses Mal geplant. Auf dem Portal "Book-and-smile" können Nutzer Pauschalreisen vergleichen. "Das ist die logische Weiterentwicklung von Billigflieger.de.

bor

Web 2.0
Damit lässt sich Geld verdienen

Viele Internetseiten der zweiten Generation werden unter dem populären Begriff "Web 2.0" zusammengefasst. Dabei handelt es sich eher um ein Schlagwort als eine einheitliche Definition. Aber einige Hauptmerkmale kennzeichnen diese Internetseiten, vor allem das "soziale Prinzip". Die Nutzer werden zu Machern. Je größer die Gemeinschaft, desto besser das Angebot. Möglich machen dies neue Technologien, die dem Nutzer den Eingriff in Inhalte gestatten und damit eine stetige Aktualisierung und Erweiterung der Seite generieren

Trend 1: Soziale Netzwerke
Entsprechend erfolgreich sind die Geschäftsmodelle, die den sozialen Austausch fördern und nutzen. Beispiele dafür sind die Kontaktplattformen Myspace, OpenBC und Plazes. Die Online-Netzwerke finanzieren sich über Werbeeinnahmen und Mitgliedsbeiträge

Trend 2: Transparenz
Angesichts einer wachsenden Zahl boomen Vergleichsplattformen wie Günstiger, M-Broker oder Billigflieger. Variante dieses Prinzips ist etwa die Auktionsseite My-Hammer, auf der Renovierungsaufträge an den günstigsten Handwerker versteigert werden

Trend 3: Selbstbedienung
Einst bestellte der Kunde per E-Mail, der Auftrag wurde per Hand ausgewertet und abgearbeitet. Heute setzt er per Klick auf das Wunschprodukt im Online-Shop eine Lieferkette in Gang, bei der fast keine Handgriffe mehr nötig sind (Beispiel Spreadshirt)

Trend 4: Medienmix
Die Grenzen zwischen Internet, Fernsehen und Mobilfunk verschwimmen. Nutzer laden sich Musik und Filme aus dem Web auf ihr Handy, stellen ihre digitalen Bilder online oder recherchieren per Sprachsteuerung im Netz. Zu den Vorreitern zählen Foto- und Video-Communities wie Flickr, YouTube und MyVideo

Trend 5: Online-Gaming
Tausende Spieler rund um den Globus treten in virtuellen Welten gegeneinander an und zahlen dafür eine Abo-Gebühr. Prominentestes Beispiel ist das Rollenspiel World of Warcraft

Leuchtende Beispiele
Oliver Samwer, Mitgründer des deutschen Ebay-Vorläufers Alando.de und des Klingeltonanbieters Jamba, sagt, warum das Internet wieder in ist und weshalb Berater und Investment-Banker kein Geld von ihm kriegen

Herr Samwer, erleben wir jetzt die Renaissance des Internets?
Bei Gründungen schon. Seit etwa zwölf Monaten sind erfolgreiche Startups wie Spreadshirt oder Erento bei Investoren wieder hot. Und wir erleben neue Gründungen wie Plazes, MyVideo und Qype. Es herrscht eine positive Grundstimmung auf allen Seiten

Warum erst jetzt?
Das Internet ist ein Modethema, das von leuchtenden Beispielen lebt. Der Hype 1999 und 2000 wurde durch Ebay, Yahoo und AOL ausgelöst, 2004 ist das Thema durch den Börsengang von Google wieder hochgekommen. Es gab aber auch dazwischen gute Startups. Gute Investoren haben deshalb auch in der Vergangenheit in diesen Bereich investiert

Droht ein neuer Hype?
Nicht wie bei der letzten Welle. Die Investoren haben dazugelernt und agieren ruhiger. Heute wird kein Unternehmen, das gerade einmal auf dem Papier besteht, mit vier Millionen Euro bewertet

Sie investieren mittlerweile selbst Geld in junge Unternehmen. Worauf achten Sie?
Am Ende sind für uns immer jene Eigenschaften entscheidend, die den Unternehmer ausmachen. Vor allem die Fragen: Wie finde ich Kunden, woher kommen die Erträge? Wir erleben immer wieder Gründer, die zu wenig nach außen orientiert sind

Hätten drei junge Brüder aus Köln, wie Sie es 1999 bei der Gründung von Alando.de waren, bei Ihnen eine Chance?
Ja. Bei etwa einem Drittel unserer Investments existieren bislang nur der Businessplan und das Gründerteam. Was wir nicht mögen, ist eine Gruppe aus einem Ex-Berater, einem Ex-Investmentbanker und einem, der bei Siemens arbeitet, die sagen, ihre Idee sei so groß, dass sie sie mit niemand teilen wollen. In erhitzten Phasen machen sich auch viele selbstständig, die eigentlich keine Unternehmer sind

War es 1999 wirklich so leicht, Startkapital zu erhalten?
Es war nicht so schwierig, wie wir angenommen hatten. Aber richtig einfach war es für junge Unternehmen erst, nachdem wir Alando im Sommer 1999 erfolgreich an Ebay verkauft hatten

Wofür haben Sie das Geld gebraucht?
Vor allem für IT und Marketing. Heute sind die Ausgaben für Marketing deutlich geringer. Es ist generell mit weniger Geld ein gutes Geschäft aufbaubar

Was würden Sie heute anders machen?
Abgesehen davon, dass wir Alando zu früh verkauft haben, würden wir noch stärker darauf achten, dass alle Investoren nicht nur Geld zur Verfügung stellen, sondern mit ihren Erfahrungen und Kontakten zum Erfolg des Geschäftsmodells beitragen

Ist Ihr Erfolg wiederholbar?
Ja, Deutschland ist immer noch der größte Internetmarkt Europas und hat viele gute Gründer. Und das Schöne am Internet ist: Man kann in wenigen Jahren oder sogar Monaten relativ viel erreichen

Wo sehen Sie die nächsten Trends?
Ich sehe Bedarf für soziale Netzwerke im Netz. Außerdem rechne ich damit, dass das Thema Online-Gaming und alles, was mit Video zu tun hat, an Bedeutung gewinnt

Sie haben zwei erfolgreiche Firmen gegründet. Woher kommen Ihre Ideen?
Es ist nicht so, dass man mit einer Idee aufwacht, sondern ein sehr arbeitsintensiver Prozess. Vor allem probieren meine Brüder und ich neue Angebote im Internet aus, lesen amerikanische Wirtschaftsmagazine und schauen uns in den Blogs um. Aber es geht nichts über das Ausprobieren

Werden wir schon bald die nächste Geschäftsidee der Samwer-Brüder erleben?
Klares Nein. Im Moment betätigen wir uns ausschließlich als Investoren

Die Fragen stellte Peter Nederstigt
Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2006