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Die neuen Pharaonen

Von Andrea Nüsse
Sie sind die reichste Familie Ägyptens. Vater Onzi Sawiris und seine drei Söhne reüssieren in Telekommunikation, Zement und Tourismus. Nun greift ihr Wirtschaftsimperium nach Europa.
KAIRO. ?Orascom Chairman? steht auf dem silberfarbenen Schild, das in der Mitte des Schreibtischs prangt. Als ob das nicht alle wüssten, hier, im 25. Stock des modernen Nile City Towers in Kairo. Hinter dem Schild thront der 75-jährige Patriarch Onzi Sawiris, elegant im braunen Anzug und mit markanten Gesichtszügen, der Rauch einer Cohiba-Zigarre steigt aus dem Aschenbecher.Und wenn er zum Familienfoto ruft, haben seine Söhne aufzutauchen. Schleunigst. So wie der älteste, Naguib, in Jeans und dunkelblauem Blazer. Besonders eng scheinen sie sich zu stehen, im Vorzimmer hängt ein Doppelporträt der beiden. Naguib schaut dem Vater über die Schulter auf den Computerbildschirm, der die Börsenkurse zeigt: Orascom Telecom ist das führende Unternehmen an der ägyptischen Börse.

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Der Letztgeborene Nassif, formell im dunklen Anzug mit Krawatte, wirkt angespannt, schimpft vor sich hin und will sich nicht setzen, weil er für solche Spielereien mit der Presse keine Zeit hat. Endlich kommt Bruder Samih, an Krücken humpelt der Mann mit den längeren, grau gelockten Haaren und den Lachfalten um die Augen zu einem der Stühle vor dem Schreibtisch des Vaters.Jetzt ist die wohl reichste Familie Ägyptens versammelt: die Sawiris, deren Unternehmensgruppe Orascom 40 Prozent des Kapitals der ägyptischen Börse ausmacht. Das Magazin ?Forbes? setzte sie im vergangenen Jahr auf Platz 92 der Liste der reichsten Menschen weltweit. Geschätztes Vermögen: 5,7 Milliarden Dollar.In den Medien wird die koptische Familie bereits als ?Agnelli Ägyptens? oder die ?neuen Pharaonen? bezeichnet. Im Westen machten die Sawiris von sich reden, als der 52-jährige Naguib, Chef der Orascom Telecom Holding (OTH), im Sommer 2005 den italienischen Mobilfunkanbieter Wind für 13 Milliarden Euro kaufte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wechselvolle GeschichteSamih, der den Tourismus- und Immobilienzweig von Orascom leitet, ist seit Dezember in der Schweiz aktiv. Ziel: In der Region um Andermatt, die seit dem Abzug der Schweizer Armee vom wirtschaftlichen Niedergang bedroht ist, sollen auf einer Million Quadratmetern Hotels, Ferienhäuser, Restaurants und ein Golfplatz entstehen.Der jüngste Bruder Nassif hat von den Medien fast unbemerkt eines der größten Zementimperien in Nahost und Afrika aufgebaut: Orascom Construction Industries. 2004 kaufte er die Mehrheitsanteile der Société belge des Betons (SBB) auf.Auch wenn Onzi Sawiris hinter seinem silbernen Schild wirkt, als hätte er schon immer den Moloch Kairo aus luftiger Höhe beherrscht: Der als Sohn eines Rechtsanwaltes in der oberägyptischen Kleinstadt Sohag geborene Mann hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Sein Bauunternehmen wurde unter Gamal Abdel Nasser verstaatlicht, und Onzi wich nach Libyen aus. Als er unter Revolutionsführer Ghaddafi wieder alles verlor, fing er in Ägypten noch einmal von vorne an.Der heutige Erfolg der Familie ist eng verknüpft mit der Geschichte der wirtschaftlichen Öffnung, die unter Präsident Sadat begann. ?Seit 30 Jahren hatten wir noch nie so positive Bedingungen für Unternehmer wie heute?, sagt Naguib, der in der Vergangenheit für seine offene Kritik an der Regierung bekannt war: ?Mit 20 Prozent Unternehmensteuer haben wir eine der besten der Welt.?In der Deutschen Evangelischen Oberschule hat er als einer der Besten Abitur gemacht, heute ist sein Orascom-Zweig das erfolgreichste ägyptische Unternehmen. Sein Ziel: ?Der weltweite Markt wird sich konsolidieren, und es werden nur wenige übrig bleiben. Ich will unter den letzten fünf sein.? Mit dem Erwerb von 20 Prozent an Hutchison Telecom hat Naguib den ersten Schritt auf dem asiatischen Markt getan. Bei der italienischen Wind dagegen habe er sich eingekauft als Giftpille dagegen, dass er selbst gekauft werde. ?Für Deutschland bin ich leider etwas zu spät dran?, klagt der Absolvent der TH Zürich.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Wir haben eine besondere Beziehung"In der Mitte hinter seinem Schreibtisch prangt ein in Öl gemaltes Porträt seines Vaters: ?Wir haben eine besondere Beziehung, jeden Morgen telefoniere ich als Erstes mit meinem Vater, ich bin sein bester Freund.? Von ihm habe er das Geschäft gelernt und auch, niemals aufzugeben.Wirtschaftlich gesehen ist er der erfolgreichste der Brüder. Das Zementimperium von Nassif wird in einer aktuellen Liste der erfolgreichsten ägyptischen Unternehmen der Wirtschaftszeitung ?Business Today? an Nummer zwei geführt. Das Tourismusunternehmen von Samih dagegen nur auf Platz 39. Von einer Konkurrenz unter den Brüdern will Naguib nichts wissen: ?Jeder hat seinen Stil.?Nach Ansicht von Hassan Haykal, Analyst der Investmentbank EFG-Hermes, spiegelt der Erfolg der Sawiris einen Trend wider: Die arabische Welt werde von Geschäftsleuten verstärkt als ein großer lokaler Markt angesehen, dessen sprachliche und kulturelle Gemeinsamkeiten eine Ausbreitung erleichtern.In Ägypten haben die Sawiris jedoch nicht nur mit wirtschaftlichem Erfolg Schlagzeilen gemacht. Naguib und seine attraktive Frau sind begeisterte Partygänger, denen in der Presse ein dekadenter Lebensstil vorgeworfen wird. Alles Neid, glaubt Naguib. Doch die Bierbrauerei Al-Gouna Beverages hat die Familie mittlerweile verkauft, vielleicht, um nicht in die Schusslinie islamistischer Kreise zu geraten.Vater Onzi sitzt heute als Aufsichtsrat in allen drei Orascom-Unternehmen, dort werden die Finanzen geregelt. Ansonsten legt er Wert darauf, dass seine Söhne mit ihren Konzernzweigen separat arbeiten. Aber natürlich gibt es Synergieeffekte. Als ein tunesischer Geschäftsfreund von Naguib Sawiris einen Partner für die Gründung einer Charterfluggesellschaft in Ägypten suchte, fand er ihn in Samih Sawiris. Sun Air soll noch in diesem Jahr starten. ?Wenn einer von uns Geschäftskontakte in einem neuen Land knüpft, hat es der nächste Bruder natürlich leichter?, erklärt Nabuib.Von seinem Bruder Samih sagt er, dass er immer etwa zu spät komme. So hat dessen künstliche und luxuriöse Lagunen-Stadt am Roten Meer, El-Gouna, erst in den letzten zwei Jahren Gewinne abgeworfen. Deshalb dürfe er mit seinen Büros auch erst jetzt in den glänzenden Nile City Tower einziehen, feixt Samih selbst. ?Ich warte auf Gelegenheiten?, sagt er selbst zu seinem Stil. Trotz der abwartenden Haltung: An Selbstbewusstsein mangelt es auch ihm nicht. Sein Engagement in Andermatt nennt er schlicht: ?Entwicklungshilfe?.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Eine bemerkenswerte FamilieEine bemerkenswerte FamilieDie Familie: Onzi Sawiris, 75 Jahre alt, führt die Geschäfte mit seinen drei Söhnen Naguib, 51, Samih, 46, und Nasif, 43. Der Senior ist Chairman der Holding, seine Söhne lenken jeweils einen Firmenzweig. An jedem von ihnen hält die Familie mindestens 50 Prozent.Der Beton: Onzi Sawiris legte einst den Grundstein in der Bau- und Zementbranche. Heute ist OCI unter Nassif einer der 15 größten Zementhersteller weltweit.Das Telefon: Der Telekommunikationszweig (OTH) unter Naguib wurde erst 1998 gegründet. Heute verfügt er über zahlreiche Mobilfunklizenzen, vor allem in Afrika und Nahost. Bis 2010 will der älteste Sawiris-Bruder 100 Millionen Kunden gewonnen haben.Der Tourismus: Samihs Tourismus- und Immobilienunternehmen schreibt erst seit zwei Jahren schwarze Zahlen. Projekte nach dem Modell einer künstlichen Lagunenstadt, die er im ägyptischen Gouna baute, sind jedoch in Jemen, Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten vereinbart. Im Dezember bekam er den Auftrag für ein Mega-Tourismusprojekt im Schweizer Andermatt.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.04.2006