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Die neuen Mächtigen der Italien AG

Von Marcello Berni
Umberto Agnelli lag noch keine 24 Stunden unter der Erde. Da machte bereits Giuseppe Morchio, seines Zeichens knallharter Exekutivchef der Fiat-Gruppe, dessen Hinterbliebenen ein Angebot: Er wolle dem ?letzten Agnelli? als Präsident des größten italienischen Industriekonzerns nachfolgen
MAILAND. Der Rest ist Geschichte. Die Familie zeigte Morchio die kalte Schulter, entließ ihn und installierte mit Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo einen Präsidenten, der als Ziehsohn der Turiner Industriellensippe gilt.Trotz dieses Ausgangs macht die Episode eines deutlich: Die Zeiten, in denen Italiens alteingesessene Unternehmerfamilien unantastbar waren und eine dominierende Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft spielten, neigen sich dem Ende zu. Der bis in die neunziger Jahre existierende dreifache Schutz durch geschlossene Märkte, die Politik und die allmächtige und monopolistische Industriekreditbank Mediobanca bröckelt.

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Denn anders als in Deutschland, wo die Siemens, Krupps oder Thyssens seit langem nicht mehr auf der Kommandobrücke ihrer Firmen stehen, sind die Gründerfamilien in der Stiefelrepublik bisher noch präsent. ?Die Familie bleibt der Dreh- und Angelpunkt des italienischen Unternehmertums?, sagte Montezemolo jüngst in seiner Antrittsrede als Präsident des Industriellenverbandes Confindustria. Egal ob die Nudelbrüder Barilla, der Präsident des gleichnamigen Hausgeräteriesen, Vittorio Merloni, oder Giorgio Armani: alle haben in ihren Unternehmen das letzte Wort und bisher der Versuchung widerstanden, ihre Firmen zu verkaufen.Doch die Fälle häufen sich, in denen der Industrieadel zu Gunsten einer neuen Generation ins Glied zurücktritt. Beispielsweise hat vor kurzem der Gründer des weltgrößten Brillenherstellers Luxottica, der 69-jährige Leonardo Del Vecchio, das Zepter an den 30 Jahre jüngeren Top-Manager Andrea Guerra abgegeben. Und bei der traditionsreichen Wollweberdynastie Marzotto hat der alte Graf Pietro, der lange die Inkarnation des italienischen Familienkapitalismus war, sein Aktienpaket von 18 Prozent abgegeben. Präsident und Großaktionär ist Antonio Favrin, ein Außenstehender.Damit vollzieht das 1836 gegründete Unternehmen den Wandel von einem familiengetriebenen zu einem managergetriebenen Unternehmen ebenso wie der Getränkehersteller Campari oder der Bekleidungskonzern Benetton. ?Für viele Unternehmer des italienischen Familienkapitalismus wird es wichtiger, Eigentum und Führung zu trennen?, analysiert der bekannte Wirtschaftshistoriker Giulio Sapelli.Lesen Sie weiter auf Seite 2Ein Bindeglied zwischen alter und neuer Unternehmergeneration bildet Marco Tronchetti Provera, der in den siebziger Jahren in die Reifenfamilie Pirelli einheiratete. Er übernahm im Sommer 2001 mit massiver Unterstützung der Großbanken die Telecom Italia. Beobachter meinen, dass Tronchetti mit dem Milliarden-Deal das Erbe von Gianni Agnelli als Doyen der italienischen Unternehmer angetreten hat. Heute ist der gut aussehende und international ausgebildete 56-Jährige neben dem neuen Star Montezemolo der wohl am meisten beachtete Vertreter der Italo-Wirtschaft.Wichtiger noch: Er hat sich an die Spitze einer neuen Wirtschaftselite gesetzt, die nach und nach die Schaltstellen der Italien AG besetzt und den alten Mächtigen die Zügel entreißt. Meist handelt es sich um relativ junge und international orientierte Top-Kräfte. Zu ihnen zählen die selbstbewussten Bankbosse Corrado Passera (Banca Intesa), Alessandro Profumo (Unicredito) und Matteo Arpe (Capitalia). Sie gehören ebenso zu den Modernisierern des Standorts wie jene aufstrebende Unternehmerkaste, die sich anders als die heimatorientierten Alten mit ihren Produkten auf den Weltmärkten behaupten muss.So ist die Karriere von Diego Della Valle, dem Gründer und Chef der Modefirma Tod?s, beispielhaft für den Aufstieg der neuen Führungselite: Mit einem gut gehenden Unternehmen im Rücken ist der Mann mit dem weichen Gesicht inzwischen Großaktionär der Römer Großbank BNL geworden, hat Platz genommen im Verwaltungsrat der größten Versicherungsgruppe des Landes, Generali, ist ins Führungsgremium des einflussreichen Verlagshauses RCS (u.a. ?Corriere della Sera?) berufen worden. Und bald wird er sogar in den Aktionärspakt der noch immer einflussreichen Mailänder Mediobanca aufgenommen.Angesichts einer solchen Ämter- und Machthäufung gibt es allerdings viele, die in ?Newcomern? wie Della Valle oder Montezemolo nur neue Führungsfiguren in weiterhin alten Strukturen sehen. Werden sie tatsächlich zur Öffnung und Modernisierung des Landes beitragen? Werden sie weniger macht- und mehr marktorientiert handeln als ihre Vorgänger?Was schrieb doch der Herzog Tomasi di Lampedusa in seinem Roman ?Der Leopard? über die Dinge in Italien? ?Es muss sich alles ändern, damit sich nichts ändert.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.07.2004