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Die neuen Gastarbeiter

Von Dorit Hess
Immer mehr Deutsche suchen ? und finden ? einen Job im Ausland. Es sind vor allem die hoch motivierten und qualifizierten Handwerker und Akademiker, die das Land verlassen. Allein im vergangenen Jahr kehrten mehr als 150 000 Menschen ihrer Heimat den Rücken.
Der Trend, im Ausland nach Arbeit zu suchen, gilt für Akademiker ebenso wie für Handwerker. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Dass Menschen im Ausland Arbeit suchen, ist auch hier zu Lande nicht neu. ?Neu ist aber, dass dieser Trend erheblich zunimmt und wir mittlerweile eine beachtliche Abwanderung aus Deutschland feststellen?, sagt Hilmar Schneider vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Das hat aus Sicht des Arbeitsmarktexperten vor allem zwei Gründe: einerseits die hohe Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende fehlende Beschäftigungsperspektive in Deutschland, andererseits die Unzufriedenheit innerhalb mancher Berufsgruppen.Keine Beschäftigungsperspektive ? das gilt beispielsweise für viele arbeitslose Bauarbeiter: Im November waren allein knapp 100 000 Maurer und Betonbauer ohne Arbeit, mehr als 40 000 Zimmerer, Dachdecker und Gerüstbauer und weit über 50 000 Bauhilfsarbeiter. Im Ausland werden sie dagegen mit Handkuss genommen: ?Möchten Sie in Norwegen arbeiten?? heißt es auf der offiziellen Internetseite Norwegens in Deutschland. ?Im September 2005 registrierte das norwegische Arbeitsamt, Aetat, rund 19 000 freie Stellen in Norwegen?, steht da. Es bestehe ein großer Bedarf an Handwerkern in der Baubranche. Die meisten freien Stellen aber gebe es im Gesundheitssektor. Besonders Fachärzte und Zahnärzte seien gefragt.

Die besten Jobs von allen

Auch das dürfte deutsche Arbeitnehmer interessieren. Denn für manchen Akademiker gilt der Trend, im Ausland nach Arbeit zu suchen, ebenso wie für geringer Qualifizierte. Anders als im Bausektor liegt der Anstoß, Deutschland den Rücken zu kehren, für Arbeitnehmer im Gesundheitssektor laut IZA-Experte Schneider aber woanders: Die Bedingungen für Ärzte seien im Ausland, etwa in Großbritannien oder Skandinavien, deutlich besser als hier zu Lande. Auch Deutschland braucht Ärzte ? das zeigen Meldungen aus Ostdeutschland. Aber es fehlt an Anreizen, sich dort niederzulassen. Um dieses Dilemma zu lösen, ist nach Ansicht von Schneider die Politik in der Verantwortung. ?Es kann nicht im Interesse des Staates sein, dass er in die Ausbildung investiert, aber andere den Ertrag ernten?, sagt der Ökonom.Mangel an Stellen ist auch aus Sicht von Stefanie Wahl, Geschäftsführerin des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG Bonn), nicht ausschlaggebend dafür, dass es viele deutsche Arbeitssuchende in die österreichische und schweizerische Gastronomie zieht. Offenbar sei das Image von Kellnern, Köchen oder Zimmermädchen in den Nachbarländern besser als hier zu Lande. ?Der Trend, in den attraktiveren Gegenden Jobs zu suchen, ist zunehmend beobachtbar ? wenn er sich auch nicht anhand offizieller Statistiken belegen lässt?, sagt Wahl. Besonders beliebt sind bei den deutschen Abwanderern offenbar die Schweiz, Österreich und Großbritannien, berichtete die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einbußen für die Volkswirtschaft kaum zu quantifizieren.?Die Abwanderung aus Deutschland ist ein vernachlässigter Bereich der Migrationforschung?, sagt Wahl vom Bonner IWG. Herausgefunden hat die Wissenschaftlerin aber immerhin: 71 Prozent der deutschen Aussiedler waren 2002 zwischen 20 und 60 Jahre alt ? im Beschäftigungsalter also. Vor allem Rheinland-Pfälzer und Baden-Württemberger zog es ins Ausland: knapp vier beziehungsweise zwei Einwohner von tausend. Dagegen lagen die Auswanderungszahlen in den neuen Bundesländern überraschend niedrig (0,5 bis 0,8 von tausend). Der Grund: Viele ostdeutsche Auswanderer ziehen nach Westdeutschland. 2002 wanderten insgesamt 13 von tausend Einwohnern aus dem Osten in den Westen oder ins Ausland ab.Ebenso wenig wie die exakte Anzahl deutscher Arbeitskräfte im Ausland lässt sich quantifizieren, welche Einbußen die Volkswirtschaft durch die Abwanderer hat. Aus Sicht des IZA-Wissenschaftlers Schneider ist so viel aber klar: Darüber, dass Humankapital aus Deutschland abwandere, ?kann man nicht glücklich sein?.?Die Qualität wandert ab?Besorgnis erregend ist aus Sicht der IWG-Wissenschaftlerin Wahl vor allem eines: der ?qualitative Saldo?. Denn auch wenn die Abwanderung ?unter quantitativen Gesichtspunkten? derzeit noch nicht hoch sei, gebe die Qualität der abwandernden Arbeitskräfte Anlass zur Sorge. ?Wer geht, ist häufig hoch motiviert und gut ausgebildet. Wer kommt, ist meistens arm, ungelernt und wenig gebildet ? und er bleibt dies häufig auch.? Denn die deutsche Bevölkerung habe es versäumt, die Zuwanderer und ihre Familien im Bildungssystem und im Arbeitsmarkt ausreichend zu integrieren.IZA-Forscher Schneider kommt dennoch zu einem versöhnlichen Schluss: Der Arbeitsmarktexperte ist sich sicher, dass es sich bei dem Phänomen Arbeitssuche im Ausland um den Ausdruck eines marktwirtschaftlichen Ungleichgewichtes handelt. ?Das gehört zum Wirtschaftsleben dazu ? und gleicht sich auf mittlere Sicht wieder aus?, sagt der Ökonom.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.12.2005