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Die neue Sanftheit

Von Georg Weishaupt
Einer, der etwas aufgebaut hat, vor Energie strotzend, der gerne mal kräftig austeilt an die Adresse der größeren Wettbewerber ? ein Mittelständler also, dem niemand etwas vormachen kann. Das ist Hans Wall. Die Wall AG ohne Hans Wall? Undenkbar! Doch jetzt gibt es sie.
Zwar tritt der Unternehmensgründer nicht ganz ab. Aber er hat sich in den Aufsichtsrat zurückgezogen. Den Chefposten beim Berliner Stadtmöblierer, der Wartehäuschen für Bus und Bahn, öffentliche Toiletten und Plakatsäulen für große Städte betreibt und mit Werbeflächen finanziert, hat er zum Jahreswechsel an seinen Sohn Daniel übergeben.Der Junior ist anders als sein Vater. Ruhig, beobachtend sitzt er da bei seinem ersten großen Interview auf dem schwarzen Sofa, eingerahmt vom Modell einer City-Toilette im Hintergrund, hört aufmerksam zu, antwortet diplomatisch.

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Warum erfolgt der Generationswechsel ausgerechnet jetzt? ?Es passten einfach viele Dinge gut zusammen?, sagt Daniel Wall mit einer neutralen Miene, die keinen Raum lässt für eine Deutung wie: ?Da muss doch mehr dahinter stecken.? Außerdem werde der Vater bald 65, und er, Daniel, sei jetzt 41, also im richtigen Alter. Jetzt seien die beiden wichtigsten Positionen in Familienhand.Ob nicht doch mehr dahinter steckt? Soll der diplomatischere Sohn dafür sorgen, dass Gespräche über Kooperationen möglich werden, damit das Familienunternehmen im Wettbewerb mit den Schwergewichten im Markt überleben kann?Klar ist: Der Junior übernimmt das Unternehmen, das im vergangenen Jahr mit knapp 600 Mitarbeitern rund 135 Millionen Euro umsetzte, kurz vor strategisch wichtigen Entscheidungen. Die Ausschreibung der Hansestadt Hamburg für Stadtmöblierung und Werbeflächen läuft, dann folgt München. Zwei Millionen-Aufträge, um die auch die beiden größeren Konkurrenten, die französische JC Decaux- und die Kölner Ströer-Gruppe, kämpfen, deren Verträge mit Hamburg 2008 enden.Lesen Sie weiter auf Seite 2:?Wir stehen auf einem sicheren Fundament??Wir stehen auf einem sicheren Fundament?, wehrt sich Daniel Wall gegen Gerüchte über eine Finanzschwäche seines Unternehmens. Er verweist auf die Eigenkapitalquote von 42 Prozent (2005). Die Kernstrategie des Vaters bleibe: ?Wir wollen die Städte mit innovativen Produkten begeistern und der Werbekundschaft die attraktivsten Werbeflächen anbieten.?Aber dann zeigt er eigenes Profil: Ein Börsengang, vom Senior oft verkündet, ist für den Sohn ?kein Thema, weil es kein Unternehmensziel an sich ist und weil es definitiv den Plan nicht gibt?. Außerdem wollte der Vater, dass das Unternehmen möglichst schnell wächst. ?Ich will vor allem unsere Effizienz verbessern?, hält der Junior dagegen ? insbesondere soll die Produktentwicklung im Werk Velten am Rande Berlins beschleunigt werden. Dort fertigt er vieles: vom Wartehäuschen über hintergrundbeleuchtete Plakatsäulen bis zu Hundeklos.Wall Junior gerät ins Schwärmen im Turmzimmer des Verwaltungsgebäudes in der Friedrichstraße und blickt weit, weit über Berlin in die Ferne. ?Das, was Apple macht, ist unser Vorbild: Die haben gutes Design, perfekte Produkte und bringen sie mit einem tollen Marketing an die Leute.? Nun, Wall ist nicht Apple. Aber er will sich an einem renommierten Designstudio beteiligen.Der Vorstandschef hat nicht nur ein Faible für Design, sondern auch für Kommunikationstechnik. Wall, der in seinem Büro auf einen Flachbildfernseher von Bang & Olufsen schaut, treibt die Angebote mit Stadtterminals voran, wo Touristen kostenlos im Internet surfen und Informationen aufs Handy laden können.Daniel Wall hat den Aufstieg seines Vaters vom kleinen Werbevermarkter aus dem badischen Ettlingen zum Vorstandschef des internationalen Stadtmöblierers mit Sitz in Berlin von Anfang an miterlebt. Er arbeitet seit über 22 Jahren im Unternehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Daniel hat es schwer in seiner neuen Position? ?Daniel hat es schwer in seiner neuen Position?, sagt Detlef Grap, Geschäftsführer des Werbeflächen-Vermarkters Magic Poster in Düsseldorf. Schwer, um gegenüber dem starken Patriarchen Hans Wall Profil zu gewinnen. Aber er bescheinigt ihm, offen zu sein für neue Technologien in der Werbung. Er habe dafür gesorgt, dass Wall bei interaktiven Medien der Konkurrenz voraus sei, sagt Wolfgang Hünnekens von der Agentur Publicis in Berlin.Jetzt muss sich der Junior aber auch um Personalien kümmern. Daniel Wall, der rund zwölf Stunden täglich arbeitet und sich acht bis zehn Wochen Urlaub im Jahr gönnt, sucht einen Marketingvorstand. Außerdem braucht er einen Finanzchef, weil der Vertrag mit Dieter Johannsen-Roth dieses Jahr endet. Und er könnte jemanden für Internationales Stadtmarketing gebrauchen.Denn das Geschäft außerhalb Deutschlands ? wo er bereits in 20 Städten wie Düsseldorf, Berlin und Dortmund mitmischt ? wächst. Wall ist in Sofia, Moskau, St. Petersburg im Geschäft, in 14 holländischen Städten sowie in den USA, wo er seine Möbel ? mit dem Partner JC Decaux ? in Boston und St. Louis aufgestellt hat und sich nun um Philadelphia bewirbt.Und wie sieht es angesichts der teuren Bewerbungen mit Kooperationen aus? ?Wir werden in nächster Zeit stärker prüfen, ob wir uns an Unternehmen beteiligen oder mit ihnen kooperieren.? Ob er damit aber vorankommt, entscheidet nicht er alleine. Jean-François Decaux vom Werberiesen JC Decaux sitzt im Wall-Aufsichtsrat. Er hält 35 Prozent der Aktien, Hans Wall 52 und Daniel 13 Prozent.Die Franzosen sind zu ungeliebten Gesellschaftern geworden, seit sie Wall bei der Werbetochter der Berliner Verkehrsbetriebe, der VVR Berek, überboten haben.Wall ist verärgert. ?Die Beteiligung eines Konkurrenten ist nur sinnvoll, wenn sie zu Synergieeffekten führt. Sonst ist sie das Dümmste, was man machen kann. Aber Bilanz können wir erst 2008 ziehen.? Dann kann Wall eine Call-Option ausüben und die Anteile zurückkaufen.Viel hängt davon ab, wer im Herbst den Zuschlag für Hamburg erhält. Klar, Vater Hans glaubt an Daniels Erfolg . ?Du schaffst es?, hat er auf die Glückwunschkarte zu dessen Start geschrieben ? und mehrere Ausrufezeichen dahinter gesetzt.
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Dieser Artikel ist erschienen am 23.02.2007