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Die neue Lust auf Leistung

Peter Nederstigt
BMW ist der Traumarbeitgeber der jungen Berufstätigen. Im neuen Access-Survey rückten Branchen auf, die dem Nachwuchs vielfältige Aufgaben und gute Entwicklungsperspektiven bieten. Denn nach der Jobflaute der vergangenen Jahre wollen junge Berufstätige endlich Karriere machen.
Zum karriere-Urteil

Von oben sieht das neue BMW-Werk in Leipzig fast aus wie eine Hand. Fingern ähnlich wachsen aus der Montagehalle drei weitere Hallen, ähnlich der Andockrüssel an einem Flughafen-Terminal. Nur dass hier keine Flugzeuge parken, sondern Lkw, die bis auf fünf Meter an die Montagebänder fahren können. "Dadurch sparen wir Zeit und Geld", erläutert Jan Knau, BMW-Nachwuchskraft und Ideengeber der neuartigen Hallenstruktur, die Vorteile.
Als Bundeskanzler Schröder Mitte Mai vor 800 Gästen das Werk eröffnete, in dem der 3er produziert wird, saß der 32-jährige Wirtschaftsingenieur in einer der vorderen Reihen. Nach Abschluss des BMW-Einsteigerprogramms Drive im Frühjahr 2000 rückte Knau dank seiner Idee ins Projektteam für das neue Werk. Seit kurzem leitet Knau die Werksstrukturplanung. Eine Traumkarriere bei einem Traumarbeitgeber

Access-Survey 2005
Die Studie
Der Personaldienstleister Access führte 2005 zum dritten Mal seit 2001 die Befragung von jungen Berufstätigen in Deutschland durch. 2.876 Teilnehmer mit akademischer Ausbildung und maximal sieben Jahren Berufserfahrung füllten den Online-Frage?bogen zu dieser hierzulande einzigartigen Studie aus. Die Ergebnisse wurden getrennt nach kaufmännischen, technischen und IT-Profilen ausgewertet. Im kaufmännischen Bereich konnten fünf Wunscharbeitgeber aus einer Liste von 100 Unternehmen ausgewählt werden. Im technischen Bereich standen 84, im IT-Bereich 78 Unternehmen zur Auswahl.
Glänzende Arbeitgeber
Auf der Beliebtheitsskala der jungen Berufstätigen hat BMW diesmal alle hinter sich gelassen. Nachdem der Münchener Autobauer in der letzten Access-Umfrage 2003 schon unter Kaufleuten und ITlern Wunscharbeitgeber Nummer eins war, steht er nun auch in der Gunst der Ingenieure ganz oben (siehe Rankings). BMW hat alles, was Young Professionals wollen: Eine Marke, die so hell strahlt, dass auf jeden ein wenig von ihrem Glanz abfällt, sichere Jobs und gute Bezahlung. Aber auch Herausforderungen und die Aussicht auf steile Karrieren.

Die besten Jobs von allen


Aspekte, die jungen Berufstätigen wieder wichtiger sind. Nachdem 2003 Themen wie Jobsicherheit und Work-Life-Balance im Vordergrund standen, achtet der Nachwuchs nun bei der Arbeitgeberwahl wieder stärker auf leistungsbezogene Faktoren. So gaben 63,3 Prozent der Kaufleute auf die Frage, was einen Arbeitgeber attraktiv macht, eine "vielseitige Aufgabenstellung" an, fast 16 Prozentpunkte mehr als 2003. Auch Faktoren wie Aufstiegschancen und Weiterbildungsangebote stiegen in der Bedeutung. Dagegen sind Aspekte wie Zeit fürs Privatleben und Jobsicherkeit heute weniger wichtig als vor zwei Jahren

Steiler Aufstieg
Die Hoffnung auf Gestaltungsspielraum lockte auch Jan Knau im Herbst 1998 zu BMW. Dass er in die Automobilindustrie gehen würde, stand für den Wirtschaftsingenieur immer fest. "Das Auto vereint alles, was an High-Tech vorhanden ist." Bei einem Recruiting-Workshop fielen ihm die BMW-Vertreter auf. "Die Leute waren unverkrampfter und entspannter."
Seine Hoffnung hat sich erfüllt. Anderthalb Jahre nach dem Einstieg als Sachbearbeiter in der zentralen Montageplanung gehörte Knau zu den ersten Fünf, die sich Gedanken über die Struktur des neuen Werks machten und entwarf die Fingerstruktur. "So was gab es bei BMW bisher nicht. Die Alternative wäre die übliche Form gewesen: Quadratisch, praktisch, gut", sagt Knau. Obwohl sein Gegenvorschlag nicht nur Freunde fand, wurde er ins Projektteam berufen. Dort plante er die Struktur des Montagebereichs und leitete wenig später ein 15-köpfiges Team, das den Maschinenpark beschaffte. "Mit 30 Jahren Führungskraft bei BMW zu sein, ist schon ein ungewöhnlicher und zügiger Aufstieg", weiß Knau heute

Nachwuchspflege
"Kaminkarrieren gibt es bei uns nicht", betont Tobias Nickel, Leiter Recruiting bei BMW. Etwa alle drei Jahre soll der Nachwuchs die Funktion wechseln. Dabei sind auch internationale Einsätze drin: Die Bayern betreiben Produktionsstätten in zwölf Ländern. Die Jobrotation hat ihren Sinn. "Wir rekrutieren Führungskräfte überwiegend aus den eigenen Reihen", sagt Nickel. Bei der Nachwuchsförderung gelte das Prinzip "Leistung und Gegenleistung".
Etwa 230.000 Bewerbungen landen jährlich bei ihm. Wer einen der begehrten Jobs ergattert, will selten wieder weg. Die Fluktuationsrate liegt bei gerade mal 1,5 Prozent. "Headhunter haben erzählt, dass sie noch nie erfolgreich einen BMW-Mitarbeiter abgeworben haben", freut sich Nickel

Reif für den Wechsel
Ein Aspekt, der am Arbeitsmarkt wieder an Bedeutung gewinnt. "Die Wechselbereitschaft der jungen Nachwuchsleute hat wieder deutlich zugenommen", sagt Arne tom Wörden, Leiter der Abteilung Search & Selection bei Access, der im Auftrag von Unternehmen jährlich rund 400 Young Professionals interviewt. In den vergangenen Jahren hätten dagegen viele Angestellte wegen des hohen Wechselrisikos am alten Job festgehalten. Offenbar rechnen viele Berufstätige damit, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt demnächst wieder entspannt. Nach den aktuellen Ergebnissen des Access-Survey schätzen mittlerweile 45 Prozent der befragten Kaufleute ihre Berufsaussichten positiv ein. 2003 waren es nur 34 Prozent. Der Anteil der so genannten "Market Competitors" - Menschen, die aktiv nach einem neuen Job suchen - ist ebenfalls gestiegen

Wie bei den allgemeinen Attraktivitätsfaktoren sind es wieder stärker harte Karrierekriterien, die den Nachwuchs über einen Wechsel nachdenken lassen. So lösen vor allem Themen wie fehlende Aufstiegsmöglichkeiten Unzufriedenheit mit dem aktuellen Job aus. Chancen, erfahrenen Nachwuchs erfolgreich abzuwerben, haben vor allem Unternehmen und Branchen, die Entwicklungsperspektiven und interessante Aufgaben bieten (siehe Grafik S. 44). Besonders deutlich wird dieser Trend bei den Market Competitors: Fast 14 Prozent mehr als 2003 geben Unterforderung bei der Arbeit als Grund für den Wunsch nach einer neuen Herausforderung an, fehlende fachliche Entwicklungschancen treiben elf Prozent mehr auf Jobsuche

Die Beratung kommt zurück
Eine Entwicklung, von der vor allem die Unternehmensberatungen profitieren. Nachdem sie 2003 an Attraktivität eingebüßt hatten, hat diese jetzt wieder angezogen. Dagegen finden junge Berufstätige vermeintlich sichere aber eher unprätentiöse Branchen wie den Öffentlichen Dienst wieder weniger verlockend.
"Auch wir spüren, dass Leistungsbereitschaft und der Fokus auf Entwicklungsmöglichkeiten zugenommen haben", bestätigt Stefan Eikelmann, für Personalfragen zuständiger Partner bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, die in diesem Jahr erstmals zu den Wunscharbeitgebern gehört. "Bewerber planen heute wesentlich langfristiger. Sie fragen sich, wie ihnen der Berufseinstieg dabei hilft, ihre Employability - ihre Arbeitsmarktfähigkeit - zu bewahren." Den wesentlichen Grund für das verstärkte Recruiting sieht Eikelmann darin, dass die Bewerberzahlen zuletzt deutlich gestiegen sind

Neben den Absolventen, denen die Beratung traditionell als Karrieresprungbrett dient, sehen dort inzwischen auch Young Professionals mit Industrieerfahrung häufig bessere Perspektiven für die persönliche Weiterentwicklung. "Trotz Jobrotation bietet die Industrie bei weitem nicht die Vielfalt der Beratung", wirbt Eikelmann. So lege Booz Allen Hamilton die Aufgaben auch für erfahrene Neulinge anfangs bewusst breit an, damit sie später flexibel einsetzbar sind. Hinzu kommen jährlich zehn bis 15 Tage für die Fortbildung. Etwa jedes zweite Projekt ist international besetzt. Ein Aspekt, mit dem Berater gerade beim erfahrenen Nachwuchs punkten: "Die Leute haben gemerkt, dass ihnen internationale Entwicklungsmöglichkeiten entweder fehlen oder ihnen so viel Spaß machen, dass sie mehr davon wollen", merkt Eikelmann bei Gesprächen mit Bewerbern.

Die Chemie stimmt
Sandra Bogdanovic stieß Anfang 2002 nach sechs Jahren Joberfahrung beim Chemie- und Pharmariesen Hoechst zu Booz Allen Hamilton. Nach ihrer Doktorarbeit kam die Beratung für die promovierte Chemikerin "überhaupt nicht in Frage". Doch der MBA, den sie neben dem Job bei Hoechst erwarb, weckte ihr Interesse an Strategiethemen. Und während der Aufspaltung von Hoechst in den Pharmazweig Aventis und den Chemiebereich Celanese arbeitete sie eng mit einem Beraterteam zusammen. Weil danach kein interessanter Job in Aussicht stand, ging sie.
Bei Booz Allen Hamilton arbeitete Bogdanovic zunächst an einem großen Auftrag für die Bundesregierung. Mittlerweile ist sie Projektleiterin und Expertin im Gesundheitsbereich mit Schwerpunkt Gesundheitswesen, Pharma und Diagnostika. "Das Aufgabenspektrum ist sehr vielfältig und die Lernkurve sehr steil. Ich lerne jeden Tag dazu und merke, wie man mit den Aufgaben wächst und Belastungen besser wegsteckt", beschreibt Bogdanovic den Reiz des Jobs. "Dafür habe ich ein intensives tägliches Training zu Hause.

Leben nach dem Job
Denn die 38-Jährige ist Mutter von drei Kindern. "Der Beraterjob ist zwar sehr zeitintensiv", gesteht Bogdanovic. "Aber durch die Projekttätigkeit kann man relativ unproblematisch gelegentliche Auszeiten nehmen." Und seit drei Jahren arbeitet die Beraterin Teilzeit mit einer 80-Prozent-Regelung für Booz Allen Hamilton.
Vereinbarkeit von Kind und Karriere und die persönliche Lebensplanung sind Themen, über die sich Unternehmen zunehmend Gedanken machen müssen (siehe karriere 10/05). Denn auch wenn der Leistungswille der jungen Berufstätigen wieder steigt: Work-Life-Balance hat nach wie vor einen hohen Stellenwert. "Selbst Bewerber bei Investmentbanken fragen mittlerweile danach", erfährt Berater tom Wörden in seinen Gesprächen. Spätestens wenn in einigen Jahren hoch qualifizierte Arbeitskräfte wie prognostiziert knapp werden sollten, dürften diese Themen für die Arbeitgeber weiter an Bedeutung gewinnen.
Jan Knau denkt gegenwärtig weder über Jobwechsel noch über mehr Zeit fürs Privatleben nach. Er hat seinen Traumarbeitgeber gefunden: "Meine Erwartungen, die ich vor Abschluss des Studiums hatte, haben sich bei BMW voll erfüllt.

Zum karriere-Urteil
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2005