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Die nächsten Pulitzers

Von Frank Siering
Eli Broad, Ron Burkle, David Geffen: Drei Milliardäre und Philanthropen kämpfen um den Einstieg ins Zeitungsgeschäft. Sie ringen um die börsennotierte Tribune Company ? Muttergesellschaft bekannter US-Lokalzeitungen, TV-Sendern und Radio-Stationen. "Ein Leckerbissen für mächtige Manager mit tiefen Hosentaschen und noch größeren Egos?, sagt Steve Soboroff.
HB LOS ANGELES. Es gab eine Zeit, da wurden Verleger mit Zeitungen reich und mächtig. Es war das 19. Jahrhundert, als Männer wie William Randolph Hearst oder Joseph Pulitzer sich nicht nur als Verlagsmanager sahen, sondern mit ihren Medien auch ihre politische Haltung kundtaten. Heute geht es anscheinend andersherum: Die Reichen und Mächtigen sind schon reich und mächtig, ganz ohne Zeitungen ? und wollen sich nun als Verleger engagieren.Gleich drei von ihnen ringen derzeit um das gleiche Objekt: die börsennotierte Tribune Company, Muttergesellschaft bekannter US-Lokalzeitungen wie der ?Los Angeles Times? und der ?Chicago Tribune?, ?Newsday? aus New York, der ?Baltimore Sun?, dem ?South Florida Sun-Sentinel? und dem ?Orlando Sentinel?, dazu 25 TV-Sendern, einigen Radiostationen und dem Baseball-Team der Chicago Cubs. Wert: acht Milliarden Dollar.

Die besten Jobs von allen

?Ein Leckerbissen für mächtige Manager mit tiefen Hosentaschen und noch größeren Egos?, sagt Steve Soboroff, der die Konsequenzen eines Verkaufs der ?LA Times? im Auftrage der Stadt analysiert. Die macht sich verständlicherweise Sorgen: Denn die drei Kandidaten, die sich anschicken, die neuen Hearsts zu werden, haben keinerlei Erfahrungen in der Welt der Zeitungen.Da wäre zum Beispiel Eli Broad, 73 Jahre alt. Er sammelte sich ein Vermögen zusammen, indem er in Südkalifornien Häuser bauen ließ, die sich Normalbürger leisten konnten. ?Affordable Housing? heißt das. Der Baron der amerikanischen Mittelklasse. Ein Mann fürs Volk. Mit 5,8 Milliarden Dollar auf dem Konto.Aufgewachsen als Einzelkind litauischer Einwanderer in New York, hat Broad schnell gelernt, sich in der Welt von Halsabschneidern und Draufgängern durchzusetzen. Sein Vater war ein Maler. Und ein Mann, der ?immer etwas Besseres für seinen Sohn wollte?, sagte Broad einmal. Mit 20 avancierte der Junior zu einem der jüngsten Steuerberater Amerikas: ?Ich konnte schon immer gut mit Zahlen umgehen?, sagt Broad, der heute am liebsten seine Freizeit damit verbringt, mit dem Ex-Bürgermeister von Los Angeles, Richard Riordan, in den Hügeln von Santa Monica zu wandern.Spendierfreudige Philanthropen1957 gründet er zusammen mit einem Geschäftspartner Kaufman & Broad Home Corp. Das Unternehmen wächst schnell, wird aufgekauft, macht Broad zum Multimilliardär. Heute gilt er als einer der wichtigsten Philanthropen Amerikas: Allein in den vergangenen zwei Jahren spendete er rund 60 Millionen Dollar an das Los Angeles County Museum of Art. ?Eli ist einer der spendabelsten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe?, klopft sein Freund Riordan ihm brav auf die Schulter. Broad war es auch, der die Spendensammlung für die neue Walt Disney Concert Hall anführte: 18 Millionen Dollar gab er selbst.Nun will ausgerechnet dieser Einzelgänger zusammen mit einem weiteren Multimilliardär ins Mediengeschäft einsteigen: mit Ron Burkle. Der 53-Jährige verdiente ein Vermögen mit Supermarktketten wie Ralph?s Grocery und Food4Less. Das ?Forbes?-Magazin schätzt sein Vermögen auf 2,5 Milliarden Dollar.Auch Burkle gilt als spendierfreudiger Philanthrop in Südkalifornien. Durch seine Food4Less-Kette füttert der schweigsame Milliardär das ganze Jahr über die Obdachlosen. 25 Millionen Dollar seines Privatvermögens schenkte Burkle dem UCLA Medical Center. Und zehn Millionen gingen an die Walt Disney Concert Hall.Vor einiger Zeit machte der als egozentrisch geltende Burkle in den USA Schlagzeilen, weil er Gespräche mit einem Reporter der ?New York Post? heimlich aufzeichnete, um nachweisen zu können, dass der Journalist ihn erpressen wollte. Tatsächlich wurde Burkle bessere Berichterstattung zugesichert ? gegen eine Zahlung von 200 000 Dollar. Burkle: ?Ich lasse mich nicht bestechen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sind Broad und Burkle auf einem Egotrip? Warum ausgerechnet Broad und Burkle sich zusammentun, darüber rätselt die US-Zeitungsbranche. ?Ich kann mir nur vorstellen, dass es sich um einen Egotrip handelt?, vermutet Marty Kaplan, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni von Südkalifornien. Doch Ego allein reicht nicht, glauben die Analysten bei Thomas Weisel Partners: ?Ein Buchhalter mit einem spitzen Bleistift wird den neuen Bewerbern mit Sicherheit die potenziellen Gewinnmargen ausgerechnet haben? ? trotz der Krise der Zeitungen in den USA.Ebenso ungewöhnlich wie das Interesse von Burkle und Broad ist jenes von David Geffen. Der 63-jährige Kalifornier, der laut Forbes rund 4,6 Milliarden Dollar schwer ist, macht allerdings keinen Hehl daraus, dass ihn vor allem die ?LA Times? interessiert ? seine Hauszeitung, deren Wert allein auf rund zwei Milliarden Dollar angesetzt wird.Vor allem mit Musik hat Geffen sein Geld gemacht. Er gründete die Plattenfirmen Asylum und Geffen Records, veröffentlichte Werke von John Lennon, Cher und Nirvana. 1994 tat er sich mit Steven Spielberg und Jeffrey Katzenberg zusammen und gründete das Filmstudio SKG Dreamworks ? das die drei inzwischen verkauft haben.?David ist ein harter Knochen?Wie auch Broad und Burkle hat Glatzkopf Geffen sich bereits als großzügiger Spender hervorgetan. Größte Tat: eine 200 Millionen Dollar Spritze für die medizinische Fakultät der Elite-Uni UCLA. Das hat ihm gegenüber den anderen beiden Interessenten zumindest schon einmal den Vorteil eingebracht, dass sich ein Krankenhaus dort jetzt Geffen-Klinik nennt.Ganz nebenbei hat er still und heimlich eine der teuersten Kunstsammlungen in Amerika zusammengekauft und ganz Malibu gegen sich aufgebracht, weil er seinen Privatstrand von bewaffneten Sicherheitskräften schützen ließ. Es kam zur Klage der Anwohner, Geffen musste den Privatstrand räumen und den Normalbürgern Zutritt verschaffen. ?David ist ein harter Knochen. Er würde einen Verlag nutzen, um seine eigene Agenda zu promoten?, sagt ein enger Bekannter des Unternehmers, der lieber ungenannt bleiben möchte.Zumindest scheint er sich für eine größere Ausgabe zu wappnen: In den vergangenen Wochen hat Geffen drei seiner Kunstwerke für rund 283 Millionen Dollar verkauft. Grund genug für Analysten zu behaupten, dass Geffen ?ernsthaft Geld zur Seite schafft, um die ,LA Times? zu kaufen?, so Kommunikationswissenschaftler Kaplan.Egal ob Broad und Burkle oder Geffen, auch der Zeitungskonzern Gannett hat Interesse signalisiert, der Verkauf der ?Tribune? würde eine weitere missglückte Medienfusion aus der Welt schaffen: 2000 verkaufte die Eigentümerfamilie der ?LA Times? ihr Reich an die ?Tribune?. Doch Synergien wurden nie genutzt, die Zeitungen bekämpften sich untereinander. Erhielte einer der drei Milliardäre nun den Zuschlag, würden wohl viele in der Medienwelt lästern: Zeitungen geht es so schlecht ? die können nur noch durch Philantropen am Leben erhalten werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.11.2006